Dr. Sabine Arend, Leiterin der Gedenkstätte Hinzert Ulrike Holdt, Leiterin NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz, Carolin Manns, Förderverein Synagoge Laufersweiler und Dr. Walter Rummel, Vorsitzender von Erinnerung & Gedenken RLP
In der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert ist am Sonntag, 17. Mai, dem Internationalen Museumstag, die Ausstellung „Die Toten des Pogroms 1938“ eröffnet worden. Zahlreiche interessierte Gäste waren der Einladung gefolgt. Gedenkstättenleiterin Dr. Sabine Arend begrüßte die Besucherinnen und Besucher und betonte die Bedeutung einer fortgesetzten historischen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen.
Die Ausstellung basiert auf einer umfassenden Studie der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, die erstmals der Frage nachgeht, wie viele Menschen auf dem Gebiet der heutigen Bundesländer Rheinland-Pfalz und Saarland im Zusammenhang mit den Novemberpogromen 1938 ums Leben kamen. Die Ergebnisse zeichnen ein deutlich umfassenderes Bild der Gewalt als die lange Zeit verbreitete Darstellung, die sich vor allem auf brennende Synagogen und zerstörte Geschäfte konzentrierte.
Im Rahmen der Forschungsarbeit konnten 74 Todesopfer dokumentiert werden – darunter 68 aus Rheinland-Pfalz und sechs aus dem Saarland. Die Studie unterscheidet zwischen Menschen, die unmittelbar an Misshandlungen starben, Personen, die infolge der Ereignisse Suizid begingen, sowie Männern, die nach ihrer Verschleppung in Konzentrationslager ums Leben kamen oder an den Folgen der Haft starben. Die Ausstellung rückt anhand regionaler Beispiele insbesondere die individuellen Schicksale der Betroffenen in den Mittelpunkt.
In ihrer Begrüßung erinnerte Dr. Arend daran, dass die Gewalt der Pogrome von großen Teilen der Bevölkerung geduldet oder unterstützt worden sei. Viele Nachbarinnen und Nachbarn hätten weggesehen, während jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger verfolgt, beraubt und vertrieben wurden. Sie warnte zugleich davor, einen „Schlussstrich“ unter die Aufarbeitung der NS-Zeit zu ziehen. Die neuen Forschungsergebnisse zeigten vielmehr, wie wichtig weitere historische Untersuchungen seien, um das Ausmaß der Verfolgung sichtbar zu machen und den Opfern ein Gesicht zu geben.
Im Anschluss führte Dr. Walter Rummel historisch in das Thema ein. Der ehemalige Leiter des Landesarchivs Speyer und neugewählte Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Erinnerung & Gedenken in Rheinland-Pfalz ist gemeinsam mit Bernhard Kukatzki Herausgeber eines Gedenkbuchs, das bis Mitte des Jahres erscheinen soll.
Die Einführung in die Ausstellung übernahm anschließend die Historikerin Carolin Manns, die gemeinsam mit Ulrike Holdt, Leiterin des NS-Dokumentationszentrums Rheinland-Pfalz, die umfangreiche Recherchearbeit verantwortete. Das Projekt wurde von Bernhard Kukatzki, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, geleitet.
Jahrelange Forschungsarbeit
Manns schilderte eindringlich die jahrelange Forschungsarbeit in Archiven, Gerichtsakten und Sterberegistern. Ziel sei es gewesen, die Opfer nicht nur statistisch zu erfassen, sondern ihre Lebensgeschichten sichtbar zu machen. Exemplarisch berichtete sie vom Schicksal Kurt Senders aus Sötern, der während der Pogromtage brutal misshandelt und später ins Konzentrationslager Dachau verschleppt wurde.
Reichsweit 1.300 bis 1.500 Tote
Die Ausstellung verdeutlicht, dass sich die Gewalt der Novemberpogrome nicht allein gegen Gebäude und Eigentum richtete, sondern gezielt gegen Menschen. Öffentliche Demütigungen, körperliche und seelische Misshandlungen, Verhaftungen, Raub und sexualisierte Gewalt seien zentrale Bestandteile der Pogrome gewesen. Die Forschung gehe heute davon aus, dass reichsweit zwischen 1.300 und 1.500 Menschen infolge der Pogrome ums Leben kamen.
Zum Abschluss der Veranstaltung luden die Kuratorinnen Carolin Manns und Ulrike Holdt die Gäste zu Führungen durch die Ausstellung ein. Bei anschließendem Austausch und Gesprächen wurde deutlich, wie wichtig die lokale Erinnerungskultur auch heute noch ist. Die Ausstellung versteht sich nicht nur als Würdigung der Opfer, sondern auch als Mahnung für Gegenwart und Zukunft. (LeWe)