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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 24/2019
3 - Aus den Hochwaldgemeinden
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Aus der Heimatgeschichte: Das Teilen fiel schwer

Wie vor langer Zeit ein Streit zwischen Gusenburg und Sauscheid eskalierte

Ist eine Begebenheit, die sich vor mehr als 200 Jahren ereignete, der Grund dafür, dass sich manche Gusenburger und Grimburger noch heute gelegentlich „nicht ganz grün sind“? Die folgende Geschichte, die vor 60 Jahren schon einmal in RuH stand (Nr. 13/1959), setzte vielleicht eine Ursache dafür, dass man sich in den beiden benachbarten Gemeinden auch in unseren Tagen immer wieder mal „schief ansieht“ und sich gegenseitig nicht immer traut.

Die Gemeinden Gusenburg und Sauscheid[1] hatten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts mehrere „Waldungen“ in gemeinschaftlichem Besitz und Genuss. Im Jahre 1791 wollten sie die Gemeinschaft auflösen und die Flächen unter sich aufteilen. Im Beisein des „Domküstereilichen Schulteis“ Linz hatten sie sich dahingehend verständigt, die betreffenden Parzellen in zwei gleiche Teile aufzuteilen. Die Geometer (Landvermesser) Coster und Hellmann aus Merzig wurden mit den Vermessungsarbeiten beauftragt und die Teilung wurde – so sah es zunächst aus – zur Zufriedenheit beider Parteien durchgeführt. Doch am Ende ergab sich, dass die Gemeinde Sauscheid wegen einer gehauenen Viehtrift[2] um einen Morgen[3] Wald zu kurz kam.

Das gefiel den Sauscheidern natürlich nicht und sie machten die Sache bei der Verwaltung des Amtes Grimburg[4], deren Sitz in Lascheid[5] war, anhängig. Sie forderten jetzt, dass die Waldungen nicht zur Hälfte, sondern nach der Kopfzahl der „Gemeindsglieder“[6] aufgeteilt werden sollten, denn Sauscheid hatte damals drei Gemeindsglieder mehr als die Gemeinde Gusenburg. Klar, dass diese sich diesem Begehren widersetzte. Die Gusenburger machten geltend, dass ihre Gemeinde „noch vor zehn Jahren weit stärker als jene zu Sauscheid gewesen ist, auch in kurzer Zeit durch Sterb- und andere hundert Zufälle wo nicht doch zahlreicher, doch ebenso zahlreich an Gemeindsgliedern als die Gemeinde Sauscheid werden könne“.

Die Sauscheider wandten sich nun an den Amtsverwalter Kalt, der in Lascheid wohnte, und dieser machte sich zum Anwalt ihrer Sache. In einer Eingabe an den „Hochwürdigsten Erzbischof und Durchlauchtigsten Kurfürst“ trat er für die Teilung nach der Zahl der Gemeindsglieder ein und suchte das wie folgt zu begründen:

„Sauscheid zählte dermalen:

a) 37 Gemeindsglieder mit Einschluß des Filialschullehrers weil 6 verwitwet sind  — 68

b) 17 vollständige Ehepaare, so bei den Eltern wohnen  —  34

c) ledige Personen und Kinder  — 136

 —  Sa. 238

Gusenburg hingegen:

a) 33 Gemeindsglieder einschließlich des Pfarrschullehrers und wohlbemerkt des sich nie vermehrenden Vikars nach Abzug der Verwitweten und Ledigen  —  58

b) 5 junge Ehepaare, so bei den Eltern wohnen  — 10

c) Losledige und Kinder, jene der Einspännigen oder Beysaßen einbegriffen — 119

 —  Sa. 187“

Nehme man „den niedrigsten Berechnungsanschlag des Süßmilchs[7] über die göttliche Anordnung in Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts, so sehe man, welch großer Abstand sich schon nach 30 Jahren erzeugen müsse“, schrieb Amtsverwalter Kalt und führte dazu folgende Gründe an: „Das Ackergelände, sowie die Wießgründe Sauscheids übertreffen nicht allein an Größe jene von Gusenburg in ganz auffallendem Maße, sondern auch an Güte. Selbst das Klima, welches im Waldlande fast alle halbe Stunde wechselt, erhöht der ersten Vorzug, und wer kann verabreden. daß diese günstigen Umstände zur stärkeren und schleunigeren Bevölkerung notwendig beitragen? Die Masern und Blattern haben beide Dorfschaften erst im letzten Jahre wieder überstanden. und sind dieselbe gleich an ansteckender Krankheiten in dem tiefer und sumpfigt gelegenen Gusenburg allzeit bösartiger als zu Sauscheid, das immer erhabenere und freyluftigere Situation genieset. Letzteres wird also nach Verhältnis des Zeitlaufs gegen ersteres an Volksmenge immer ungleich mehr und mehr zunehmen und geradeso würde falls die Gemeinschaft längerhin bestehen dürfte, der Unterschied des kopfweisen Waldgenusses sich vergrößern, da aber dieses nicht seyn kann, so läßt sich gewißlich keine geringere Entschädigung für Sauscheid ersinnen als die, dem Genuß ähnliche Teilung des Waldeigenthums, bei welcher die dasige Gemeinde aus den vorhergehenden Gründen einen mit später Zeitfolge anwachsenden Verlust ohnehin unausbleiblich zu erwarten hat“.

Auf diese Darlegungen hin entschied das Gericht in Koblenz am 22. März 1792, „das ambt habe die Abteilung nach der Köpfen Zahl der beiden Gemeinden vornehmen zu lassen“. Die Gemeinde Gusenburg legte gegen diesen Beschluss „die Appell“[8] ein. Ungeachtet dessen wurde vom Amt Grimburg die „beiderseitige Mannszahl“ aufgenommen. Für Gusenburg wurden 33, für Sauscheid 42 Gemeindsmitglieder gezählt. Die Gemeinde Sauscheid hatte also in der Zwischenzeit noch fünf Gemeindsmitglieder aufgenommen und Gusenburg beeilte sich natürlich gleichzuziehen. Die Folge war, dass nun der Rechtsstreit zwischen den beiden Gemeinden auf die Frage verlagert wurde: Wessen Neuaufnahmen der Gemeindsmitglieder sind rechtsgültig?

Die Sauscheider behaupteten zunächst, die neuen Gemeindsaufnahmen in Gusenburg seien „nach der Gertrudisfeyer“ erfolgt und wenn sie auch „einheimisch gebohren“, so hätten sie aber nicht das „verordnungsmäßige Vermögen“ und ihre Aufnahmeliste müssten sie verwerfen. Die Gusenburger erklärten ihrerseits, dass Sauscheid bei der Aufnahme neuer Gemeindsmitglieder „dem guten Gebrauche und alten Herkommen“ zuwidergehandelt habe, da „in ein und dasselbe Hauß mehrere Gemeindsrechte hingegeben worden seien.“

Die Amtsverwaltung wollte dem lästigen Streit ein Ende setzen und machte den Vergleichsvorschlag, die Teilung des Waldes nach der alten Kopfliste vorzunehmen. Sauscheid wollte diesen Vorschlag annehmen, „damit die beiderseitigen Gemeinden nicht von Bettelleuten verdorben und all ferner Uneinigkeit ein gemessenes Ziel gesetzt werde.“ Aber die Gemeinde Gusenburg ging nicht darauf ein. Sie erklärte vielmehr, dass sie sich „aus Mißtrauen“ nicht mehr beim Amte Grimburg einlassen wollte, „bis in ihrem Appellationsgesuch vom kurfürstlichen Hofrathe zu Trier die oberrichterliche Entschließung erfolgt seye“.

Die Verhandlungen am Obergericht in Trier begannen am 8. Mai 1795. Neben den Deputierten der beiden Gemeinden waren drei Zeugen aus Hermeskeil und drei aus Reinsfeld geladen. Nach den üblichen Fragen gemäß der Hochgerichtsordnung erklärten die Zeugen von Hermeskeil: „Wir unterschriebenen Meier und Gerichtsscheffen zu Hermeskeil bescheingen hiermit, daß in unsern Gemeinden von Menschenandencken niemahlen gebräuchlich noch erlaubt gewesen, daß in einer Haushaltung zwei bis drei Gemeindsglieder angenohmen hätten mögen werden“. Dasselbe bezeugten auch die Schöffen von Reinsfeld. Die Frage, ob es nicht bekannt gewesen sei, dass die Aufnahme neuer Gemeindsmitglieder der ausdrücklichen amtlichen „Verwilligung“ bedürfe, wurde von den Hermeskeiler Zeugen verneint, von den Reinsfelder Zeugen jedoch bejaht. Über die gebräuchliche Art der Teilung eines Waldes befragt, antwortete der Meier von Hermeskeil: „Die Behauptung der Gusenburger, den umstrittenen Wald zu hälften, schiene ihm dem Gebrauch angemessener zu seyn, weil in Hermeskeil die Gemeinde einen sichern Waldt, Erenwaldt, Hoikfüll und Nußwäldgen mit der Gemeinde Nunweiler gemeinschaftlich besitze denselben doch dergestalten benutze, daß, wenn Holtz darin gefällt würde, die Gemeinde Nunweiler dennoch jederzeit die Hälfte des Erlöses beziehe. ohnerachtet Nunweiler aus 14, Hermeskeil aber aus ·etlichen siebenzig gemeindsglieder bestehe.“

Das Obergericht kam zu keinem Beschluss und am 9. Juli 1796 wurde eine neue letzte Verhandlung angesetzt. Als Zeugen waren diesmal die Geometer und Förster geladen, die die erste Teilung des umstrittenen Waldes vorgenommen hatten. Die ganze Abteilungsaktion wurde noch einmal aufgerollt. aber auch diese Verhandlung brachte dem Gericht kein genaues Bild über die ganze Angelegenheit und so konnte wieder kein Beschluss gefasst werden.

Inzwischen waren die französischen Revolutionsarmeen in das linke Rheinufer einmarschiert. Der Kurstaat Trier mit seinem Amt Grimburg hatte aufgehört zu existieren. An seine Stelle traten, nachdem die Region Trier wie das gesamte linksrheinische Gebiet 1797 nach Frankreich eingegliedert worden waren, die französischen Verwaltungseinheiten. Hermeskeil wurde Sitz eines Kantons. Das Friedensgericht blieb zunächst noch in Reinsfeld, wurde später aber nach Hermeskeil verlegt. Der Teilungsstreit zwischen Gusenburg und Sauscheid brach zwar erneut auf, wurde aber nach den nun geltenden französischen Gesetzen sehr schnell bereinigt: Der Präfekt des Saardepartements bestimmte, dass die Teilung des Waldes zwischen Gusenburg und Sauscheid, wie sie die Geometer im Jahre 1791 je zur Hälfte vorgenommen hatten, rechtskräftig wäre. Mit wenigen Federstrichen wurde so der jahrelange Streit juristisch beendet.


[1] Der frühere Ort Sauscheid seit 1. April 1934 Grimburg

[2] ein Weg, der zum Viehtrieb genutzt wurde, um vom Stall bis zur Weide oder von einem Weideplatz zu einem anderen zu gelangen

[3] 2500 qm

[4] zu dieser Zeit der namentlich auf die Burg Grimburg zurückgehende Hochwälder Verwaltungsbezirk im Kurfürstentum Trier

[5] heute Lascheider Hof

[6] Darunter verstand man zu dieser Zeit nicht alle Einwohner, sondern nur Familien (Familienväter und Witwer/Witwen)

[7] Johann Peter Süßmilch (1707-1767) war ein deutscher Pfarrer, Oberkonsistorialrat, Statistiker und Demograph. Sein Hauptwerk „Die Göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung desselben erwiesen“ (1741) gilt als wegbereitendes und bahnbrechendes Werk in der Geschichte der Bevölkerungsstatistik (vgl. wikipedia) und war seinerzeit wohl ein anerkanntes Standardwerk.

[8] Berufung