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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 24/2020
Aus dem Gerichtssaal
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Eher „Kolloquium“ als Gerichtsverhandlung

Ein etwas ungewöhnlicher junger Mann, erwachsen im Sinne des Gesetzes, sitzt auf der Anklagebank. Er hat sich selbst angezeigt, weil er unerlaubt Betäubungsmittel - 3 Gramm Marihuana - erworben und besessen hat. Das kommt nicht alle Tage vor. Es ist auch nicht das erste Mal, dass er wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz vor Gericht erscheinen muss. „Sie kennen das ja leider schon“, sagt Richter Heinrichs und fragt ihn, ob er selbst auf die Idee mit der Anzeige gekommen ist. „Ja, ich wollte mit dem Zeug aufhören“, bestätigt der Angeklagte. Er lebt in einer Jugendhilfeeinrichtung, im Zuhörerraum sitzen zwei Betreuer und neben dem Staatsanwalt Frau Peters von der Jugendgerichtshilfe.

„Es ist ein bisschen schwierig mit Ihnen“, sagt der Richter und fährt fort, dass schon einmal Jugendarrest verhängt wurde und dass der junge Mann die zur Auflage gemachten Beratungsgespräche und Urinprobentermine nicht immer wahrgenommen hat. „Was macht man mit Ihnen? Wenn Sie so weiter machen, wird der Arrest immer mehr.“ Und er redet ihm ist Gewissen: „Die Beratungen und Kontrollen sind ja keine Strafen, sondern eine Hilfestellung, damit Sie Ihr Leben in den Griff bekommen.“

Einer der Betreuer schlägt eine stationäre Therapie vor. „Die bringt nur was, wenn ein gewisser Leidensdruck besteht“, meint Oberstaatsanwalt Schomer. Die Erfolgsaussichten seien nur dann gegeben, wenn der Betreffende selbst bereit sei daran zu arbeiten. Direkte Frage an den Angeklagten: „Wären Sie dazu bereit?“ Eine direkte Antwort bleibt der aber schuldig. Stattdessen führt der Betreuer aus, sein Schützling werde die Schule - er besucht nach dem Realschulabschluss ein Technisches Gymnasium - wegen zu vieler unentschuldigter Fehltage nicht abschließen. Er sei sehr instabil: „Von fünf Tagen die Woche hat er einen guten und drei mittelprächtige“, sagt er. Deshalb halte er eine psychotherapeutische Behandlung für notwendig. Er habe sich in einer ambulanten Therapie befunden, aber „dann kam Corona“, ergänzt der Betreuer. Während Richter Heinrichs geduldig zuhört, bemerkt der Ankläger, nicht ganz ohne Ironie, irgendwann: „Das ist hier mehr ein Kolloquium als eine Gerichtsverhandlung.“

Der Angeklagte selbst meldet sich auch noch einmal zu Wort und meint, die Drogen seien nicht sein eigentliches Problem. Er habe Depressionen und fühle sich manchmal „wie kein Mensch mehr“. Die Jugendgerichtshelferin bezeichnet ihn als „sehr schwankend“. Zu Anfang des Jahres habe er seinen Drogenkonsum noch verteidigt.

„Den klassischen Weg, d.h. Verurteilung unter Auflagen, haben wir ja schon mehrmals probiert“, erklärt der Richter schließlich und deutet damit eine andere Lösung an. Auch der Ankläger verkündet, er habe im Hinblick auf die Selbstanzeige und die geringe Menge Marihuana „kein großes strafrechtliches Interesse“. Das Gericht schlägt deshalb vor, das Verfahren einzustellen,wenn sich der Angeklagte verpflichtet, sich in eine stationäre Drogen- und Verhaltenstherapie zu begeben. „Nutzen Sie die Chance!“, ruft der Staatsanwalt dem jungen Mann zu, und Richter Heinrichs ergänzt: „Wenn Sie die nicht ergreifen, sind wir auf der alten Schiene. Dann wird die Strafe mit jeder neuen Tat höher.“ Der junge Mann auf der Anklagebank stimmt schließlich zu. (WIL-)