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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 26/2020
Aus dem Gerichtssaal
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Zeitverschwendung

Auch das gibt es: dass ein kompletter Gerichtstag - entgegen aller Planung und Vorbereitung - sozusagen ins Wasser fällt und dass dadurch Zeit verschwendet wird, die alle Beteiligten - vom Richter über den Staatsanwalt, den Verteidiger, den Protokollanten und die Zeugen bis hin zum Vertreter der Presse - hätten besser nutzen können.

9:30 Uhr. Der erste Fall sieht aus, als könnte er interessant werden: Der Angeklagte wird in Handschellen aus der Vollzugsanstalt vorgeführt. Weshalb er gerade „sitzt“, wird nicht gesagt, doch es scheint nicht das erste Mal zu sein. „Schon wieder...“, entfährt es dem Richter, der heute ihn zur Verhandlung eines Betrugsdelikts geladen hat. Der Mann macht einen routinierten und gerichtserfahrenen Eindruck, hat auch - obwohl neben ihm sein Verteidiger sitzt - selbst noch einen Ordner mit Unterlagen dabei. Anscheinend hat er sich gut vorbereitet. Aber auch seine Frau ist - gemeinsam mit ihm - angeklagt. Und die ist nicht da, wird auch nicht kommen, wie Richter Heinrichs verkündet. Eigentlich soll sie von der Polizei vorgeführt werden, aber sie hat „Krankheitssymptome“. Ihr Mann auf der Anklagebank bestätigt, dass die psychische Probleme hat und unter Depressionen leidet. Doch der Richter erklärt: „Sie sagte heute morgen am Telefon, dass sie das Gefühl habe, Fieber zu haben.“ Da schrillen natürlich in Corona-Zeiten die Alarmglocken. Richter Heinrichs sagt auch noch: „Die Polizei hatte deshalb keine Lust, mit ihr durch die Gegend zu fahren.“ Das kann man verstehen...

In der Anklage geht es wohl um eine Mietsache, denn im Verlauf des lockeren Gesprächs, das sich ergibt, wird erwähnt, dass in der Zivilsache „wegen Räumung und Schadensersatz“ bereits ein Urteil gegen den Angeklagten und seine Frau ergangen ist, das auch rechtskräftig geworden ist. Deshalb wird wohl auch das jetzige Verfahren gegen den Angeklagten - nachdem die Sache gegen die Ehefrau abgetrennt worden ist - eingestellt.

Im zweiten Fall - es ist 10:30 Uhr - geht es um eine Art Alltagsangelegenheit für Richter und Staatsanwalt: Fahren ohne Fahrerlaubnis, ein Delikt, das die Amtsgerichte sehr häufig beschäftigt. Der Angeklagte ist, wie der Staatsanwalt im Gespräch sagt, „polizeibekannt“ und vor Jahren schon mal als systematischer Betrüger aufgefallen: Er hat massenhaft Pakete bestellt und nichts bezahlt. Aber auch eine Viertelstunde nach dem vorgesehenen Verhandlungsbeginn glänzt er heute durch Abwesenheit. Er hat sich auch nicht gemeldet. Die Ladung ist ordnungsgemäß zugestellt worden, erklärt der Richter. - Pause.

Inzwischen ist es 11:00 Uhr geworden, der nächste Termin steht an. Doch auch eine Viertelstunde später herrscht auf der Anklagebank noch „gähnende Leere“. Auch dieser Angeklagte erscheint nicht, obwohl er ordnungsgemäß geladen worden ist. Das Gericht bestimmt einen neuen Termin und ordnet an, dass der Mann an diesem Tag von der Polizei vorgeführt wird. (WIL-)