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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 28/2018
2 - Hermeskeiler Stadtnotizen
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Viel zu viele Widersprüche

Der Mann mit dem auffälligen Haarbüschel vorne auf dem ansonsten blanken Kopf sitzt wieder auf der Anklagebank. Beim letzten Mal waren seine Zeugen – ein Ehepaar – nicht erschienen, weshalb Richterin Corinna Diesel ihnen ein Ordnungsgeld aufgebrummt hat. Diesmal sind sie da.

Worum geht's nochmal? Der Angeklagte soll – so hat eine junge Frau ausgesagt – an der Esso-Tankstelle vor den Toren Hermeskeils einem Flüchtling, der sein Auto beschädigt haben soll und der ihm bei der Verfolgung entwischt ist, "Sieg Heil" nachgerufen und dabei den Hitlergruß gezeigt haben. Da war sich die Zeugin, die daraufhin die Polizei gerufen hatte, auch vor drei Wochen im Gerichtssaal ganz sicher, Irrtum ausgeschlossen ("Hat er oder hat er nicht?" in RuH Nr. 26/2018).

Diesmal wird das Ehepaar vernommen, das der Angeklagte als Zeugen benannt hat. In deren Auto hat er als Beifahrer den Flüchtenden bis zur Tankstelle verfolgt, ist dort ausgestiegen und hat – das berichten beide Zeugen übereinstimmend – den Mann auf Englisch angesprochen, er solle stehenbleiben und er werde die Polizei rufen. Von dem, was dem Angeklagten vorgeworfen wird, wollen beide nichts gesehen und gehört haben. Aber sie verwickeln sich in Widersprüche.

Der Mann sagt aus, er hat vor einem Lokal im Auto bei seinen Kindern gesessen und auf seine Frau gewartet, die in dem Lokal war. Auch der Angeklagte war dort. Als der Zeuge sieht, wie ein mit Taschen schwer bepackter "südländischer Typ" das Auto des Angeklagten beschädigt, ruft er übers Handy seine Frau an, sie soll das dem Angeklagten sagen. Der kommt raus, verfolgt den Flüchtenden bis zur ARAL-Tankstelle und will ihn zur Rede stellen, aber der macht sich aus dem Staub in Richtung Stadtausgang. Die Frau ist inzwischen auch draußen und steuert das Auto des Ehepaars mit Mann und Kindern, wieviele bleibt unklar: Er sagt vier, sie sagt fünf – ein Widerspruch. Sie lesen den Angeklagten (der kann sich überhaupt nicht an Kinder im Auto erinnern...) unter der Eisenbahnbrücke auf. Weil man - so der Zeuge – mit dem Auto hier nirgends drehen kann, fährt man bis zur Esso-Tankstelle, wo dann der ausgebüxte Flüchtling plötzlich wieder vor ihnen steht. Nachdem ihn der Angeklagte dort nochmals angesprochen hat, läuft der aber wieder weg, und zwar – so der Zeuge – in Richtung des Lokals, wo sie her kamen.

Der Angeklagte hatte ausgesagt, der sei in Richtung Lidl gelaufen. Auch die Zeugin schildert den Ablauf im Detail anders: Ihr Mann hat ihr eine WhatsApp-Nachricht in das Lokal geschickt, man hat den Flüchtenden im Auto bis zur Esso-Tankstelle verfolgt und dieser ist von dort in Richtung der ehemaligen Kaserne davongelaufen. Daran, dass - wie der Angeklagte vor drei Wochen sagte – an dem Restaurant neben der Esso-Tankstelle noch andere Leute herumgebrüllt hätten, können sich weder Mann noch Frau erinnern.

Die Widersprüche sind es letztlich, die dazu führen, dass sowohl Staatsanwalt Schmitt als auch Richterin Diesel dem Trio keinen Glauben schenken. Sie sind vielmehr davon überzeugt, dass die Zeugin von der Tankstelle, die für alle Beteiligten eine Fremde ist, sich nicht verhört hat. Sie hat – so die Richterin in der mündlichen Urteilsbegründung – alles detailreich geschildert und sich auch an Einzelheiten erinnert und hat keinen Grund gehabt, die Geschichte zu erfinden.

Aus dem Strafbefehl mit 45 Tagessätzen, gegen den der Angeklagte Einspruch eingelegt hat, wird nun ein Urteil mit 60 Tagessätzen, das der Angeklagte allerdings nicht akzeptiert: Er kündigt gleich an, dass er dagegen Berufung einlegen wird. (WIL-)