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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 28/2020
Aus dem Gerichtssaal
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Wer hat mit dem Streit angefangen?

Diese Frage stellt sich diesmal im Gerichtssaal. Und weil sie letztendlich nicht beantwortet werden kann und auch der „Geschädigte“ an einer Bestrafung des Angeklagten nicht interessiert ist, kommt letzterer ungeschoren davon.

Busfahrer haben schon einiges auszuhalten. Besonders wenn sie Menschen transportieren sollen, mit denen sie sich nicht richtig verständigen können. Dann kommt es mitunter zu Missverständnissen, auch zu lauten Worten oder sogar - wie hier - zu Streit und einer Rangelei mit Folgen. Der Busfahrer, Ende 50, der in der Verhandlung als Zeuge auftritt, stammt aus einem südeuropäischen Land, lebt und arbeitet seit 1991 in Deutschland. Sein Kontrahent auf der Anklagebank, ein Mann Mitte 40, ist mit seiner Familie im vorigen Jahr aus Pakistan geflohen, weil er und die Familie dort - so übersetzt die Dolmetscherin - von der Mafia verfolgt wurden und bei den staatlichen Behörden keine Hilfe gefunden haben. Nachdem ihm der Busfahrer beim Einstieg in Trier erklärt hat, dass er ein neues Ticket lösen muss, sucht er in seinem Geldbeutel nach Kleingeld. Dann klingelt sein Handy - der Vater ruft aus Pakistan an - und er nimmt das Gespräch an. Ein Fehler, wie er heute erklärt, denn dabei fallen ihm die Münzen auf den Boden und der Fahrer wird ungeduldig und schubst ihn angeblich aus dem Bus, weil hinter dem Mann noch weitere Fahrgäste warten und er seinen Fahrplan einhalten muss. Im zweiten Anlauf klappt es dann doch noch und der Bus startet in Richtung Hermeskeil.

Beim Aussteigen kommt es zum Konflikt. Angeblich sagt der Busfahrer „böse Worte“ zu dem Mann, steigt ebenfalls aus und schlägt ihn. Da hat er sich halt verteidigt und zurückgeschlagen, sagt er. Für all das braucht der Angeklagte ganz viele Worte in einem Gemisch aus (wahrscheinlich) seiner Muttersprache und einem so gut wie unverständlichen Englisch, bis Richter Heinrichs ihn auffordert, nur noch Fragen zu beantworten. Auch Staatsanwältin Gaußmann ist sichtlich „not amused“, sogar der Verteidiger wirkt genervt.

Der Busfahrer im Zeugenstand schildert den Vorfall umgekehrt, wobei er vorausschickt: „Ich bin kein Rassist, bin ja selbst Ausländer.“ Er sagt, der Mann habe ihn beim Aussteigen bespuckt und beschimpft, deshalb habe er ihn festhalten und die Polizei rufen wollen. Daraufhin habe ihn der Angeklagte geschlagen und er habe sich gewehrt. Als er schon aus dem Zeugenstand entlassen ist, bemerkt er noch, dass er eigentlich nicht will, dass der Mann bestraft wird.

Von den übrigen geladenen Zeugen ist aus ihrer Aussage bei der Polizei bekannt, dass sie zwar eine Rangelei zwischen dem Busfahrer und dem Angeklagten mitbekommen haben, aber nicht wissen, wer von den beiden angefangen hat. Der Verteidiger schlägt deshalb vor, „das Ganze auf kleiner Flamme abzuschließen“. Anklägerin und Gericht sind dem nicht abgeneigt, zumal der Verteidiger noch berichtet, dass das Asylzentrum der Stadt, in der der Mann heute lebt, ihn als höflich, geduldig und freundlich schildert.

So wird das Verfahren nach einer kurzen Auszeit, in der sich der Angeklagte mit seinem Verteidiger und der Dolmetscherin auf den Flur zurückzieht, einvernehmlich eingestellt. Die Staatskasse trägt die Verfahrenskosten, der Angeklagte seine eigenen Aufwendungen. (WIL-)