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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 30/2019
Aus dem Gerichtssaal
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Gehört, aber nicht gesehen

In der Nachbarschaft stimmt es wohl schon länger nicht, doch dieser Tag hat Folgen. Weil der Mittvierziger vor der Tür randaliert und Mülltonnen umwirft, ja sogar im Haus gegenüber ein Glaselement der Eingangstür eingetreten hat, ruft die Nachbarin die Polizei. Und weil sie glaubt, dass der Mann betrunken ist, erzählt sie den Beamten auch, dass er mittags mit seinem Auto weggefahren und kurz vor der Randale wieder zurückgekommen ist. Das Röhrchen zeigt 1,6 Promille, also muss der Mann mit zur Blutprobe. Das Ergebnis: mehr als 2 Promille. Die Folgen: Führerschein weg und eine Anzeige wegen Trunkenheit im Straßenverkehr.

Auf der Anklagebank bestreitet er nun, dass er betrunken gefahren ist. Er ist unterwegs gewesen, um etwas zum Trinken zu besorgen: Rum und Cola. Erst zuhause hat er dann getrunken, sagt er. Die Nachbarin sagt im Zeugenstand, was sie auch schon der Polizei gesagt hatte: Um die Mittagszeit hat sie ihn wegfahren sehen und am Nachmittag gegen 16.45 Uhr (sie hat zufällig auf die Uhr geschaut) hat sie dann draußen wieder ein Auto gehört und rausgeschaut. Da stand sein Auto wieder am Platz, ihn selbst hat sie nicht gesehen. Sie sagt aber, "wenn man länger da wohnt, kennt man ja die Leute und die Fahrweise am Geräusch". Theoretisch sei es zwar möglich, dass ein anderer gefahren sei, "aber das kann ich mir nicht vorstellen, sonst wohnt ja da keiner". Die Frage des Verteidigers, ob man vor Ort auch mal gefühlt habe, ob die Motorhaube noch warm sei, verneint die Polizistin, die die Sache aufgenommen hat, im Zeugenstand.

Selbst für Oberstaatsanwalt Dr. Bohnen ist die Beweislage, wie sie sich nun darstellt, dünn: "Es kann so gewesen sein, aber die einzige Zeugin hat ihn nicht fahren gesehen", erklärt er und kommt zu dem Ergebnis, dass der Angeklagte freizusprechen ist, womit der Verteidiger selbstverständlich einverstanden ist. Richterin Michels spricht den Mann frei, weil – so sagt sie in der kurzen Urteilsbegründung – der ihm vorgeworfene Tatbestand nicht nachgewiesen werden kann. Noch im Gerichtssaal bekommt der Angeklagte seinen Führerschein wieder. (WIL-)