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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 31/2020
Öffentliche - Ahrbrück
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Eher ein Dummejungenstreich

Der junge Mann auf der Anklagebank hat es bisher nicht leicht gehabt im Leben. Das ergibt sich aus der Schilderung der Jugendgerichtshelferin. Er ist in „sehr schwierigen Familienverhältnissen“ aufgewachsen und vom achten Lebensjahr an im Heim untergebracht. Die Mutter hat ein Suchtproblem und der Vater lässt ihn trotz gegenteiliger Versprechungen hängen. Mit seiner neuen Partnerin hat er inzwischen noch drei Kinder. Die Mutter hat auch wieder geheiratet, aber auch diese Ehe hat wohl nicht lange gehalten. Jedenfalls hat der Stiefvater des Angeklagten, der im Prozess als Zeuge auftritt, seine Freundin dabei. Auf all das hat der junge Mann „mit Verweigerung reagiert“, erklärt die Sozialarbeiterin; er sei auch zeitweise „abgängig“ gewesen. Nachdem er zweieinhalb Jahre an einer Jugendhilfemaßnahme in Polen teilgenommen hat, sind aber gute Ansätze erkennbar, sagt sie. Deshalb plädiert sie auch für die Anwendung des Jugendstrafrechts und schlägt „als Hilfe zur Selbsthilfe“ die Beiordnung eines Betreuungshelfers vor, um das Leben des inzwischen erwachsenen Angeklagten in die richtigen Bahnen zu lenken.

Was hat er ausgefressen? Computerbetrug wirft ihm die Anklage vor. Sein Stiefvater schenkt ihm ein altes Handy, das er nicht mehr braucht. Das soll er auf den Auslieferungszustand zurücksetzen, aber das tut er nicht. Weil auf dem Handy noch der Amazon-Zugang des Stiefvaters gespeichert ist und sei Stiefbruder ihm erzählt, dass er vom Vater knapp gehalten wird, will der Angeklagte mal zeigen, wie man über den Online-Bestelldienst auf die Schnelle viel Geld ausgeben kann. Und so gibt er über das Konto seines Stiefvaters einige Bestellungen auf, wohl um diesem einen kleinen Schreck einzujagen. Jeweils eine Viertelstunde nach der Bestellung habe er diese, wie er sagt, aber selbst wieder storniert. Das bestreitet aber der Stiefvater im Zeugenstand, der von Amazon die Bestellbestätigungen per E-Mail erhalten hat. „Ich hab alles sofort gestoppt und ein neues Kennwort vergeben“, behauptet er und bleibt auch dabei, als Richter Heinrichs noch einmal nachfragt. Wer von beiden die Wahrheit sagt, bleibt letztlich offen.

Wegen einer anderen Sache - Beleidigung in Tateinheit mit Körperverletzung und Sachbeschädigung - ist der Angeklagte von einem anderen Gericht schon einmal verwarnt worden. Unter Aufrechterhaltung der Auflagen aus diesem Urteil soll er, so Oberamtsanwalt Ayl, nun noch einmal verwarnt werden. Die Anregung der Jugendgerichtshilfe, dem jungen Mann einen Betreuungshelfer zur Seite zu stellen, greift er ebenfalls auf. Das Gericht folgt dem, verwarnt den Angeklagten und bestellt für neun Monate einen Betreuungshelfer. Bleibt zu hoffen, dass es diesem gelingt, den Angeklagten, der nach eigener Aussage im Herbst eine Ausbildung als Altenpfleger beginnen wird, so weit zu stabilisieren, dass er sein Leben ohne Straftaten selbst in die Hand nehmen kann. (WIL-)