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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 32/2019
Aus dem Gerichtssaal
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Mutter in Rage

Im Großen und Ganzen erzählen die Angeklagte und die Belastungszeugin dieselbe Geschichte: Auf dem Bolzplatz in einem Hochwalddorf wird ein Zehnjähriger von einem 18-Jährigen „gepiesackt“ (Letzterer leidet an einer Entwicklungs- und Verhaltensstörung, wie im Gerichtssaal bekannt wird). Der große Junge foult den kleineren dauernd beim Fußballspielen, bewirft ihn mehrmals fest mit dem Ball, so lange, bis der Zehnjährige weinend mit seinem Freund wegläuft, zu dessen Haus. Dort findet ihn seine Mutter und erfährt von dem Freund, was passiert ist. Aufgebracht begibt sie sich sofort zum Bolzplatz und stellt den Älteren zur Rede. Hier gehen nun die Schilderungen auseinander. Angeblich hat die wütende Mutter den Jungen beleidigt, zu Boden geworfen, ihn getreten und geschlagen - so steht es in der Anklageschrift, nachdem die Eltern des Jungen Anzeige erstattet haben.

Doch so ist es nicht gewesen, sagt die eher zierliche Frau auf der Anklagebank und schildert ihre Version: Natürlich ist sie erregt, als sie sich den 18-Jährigen vornimmt und ihm „ihre Meinung geigt“, wie sie es nennt. Der habe aggressiv reagiert: „Du hast mir gar nichts zu sagen!“, habe er gerufen, sei auf sie losgegangen und habe ihr ins Gesicht geschlagen, erzählt sie. Da habe sie sich halt gewehrt und sei ihn auch „körperlich angegangen“.

Zu dieser Zeit ist sonst nur noch die 15-jährige Schwester des größeren Jungen auf dem Bolzplatz, die nun als einzige Zeugin vernommen wird. Die Angeklagte habe ihren Bruder beleidigt, sagt sie, weiß aber nicht mehr, was sie genau gesagt haben soll. Der Bruder habe versucht, die Frau abzuwehren und sie weggedrückt. „Kann es sein, dass er nach der Frau geschlagen hat?“, will Oberstaatsanwalt Dr. Bohnen von ihr wissen. Die Antwort ist zuerst ein bestimmtes „Nein“, aber dann vollzieht die Zeugin eine Art Salto mortale: „Ich halt‘ mich aus der Sache raus“. Das klingt so als wolle sie jetzt nichts mehr sagen. Doch das lässt Richterin Michels nicht gelten. „Nein“ oder „nicht gesehen“?, will sie wissen, und die Zeugin erklärt nun kleinlaut, dass sie nicht gesehen hat, ob ihr Bruder nach der Frau geschlagen hat.

Verteidiger Jansen fragt jetzt, ob man schon „eine Verfahrensbeendigung andenken“ könne; der Anklagevertreter fragt zurück, ob die Angeklagte mit der Einstellung des Verfahrens statt einem Freispruch einverstanden sei. Er könne auch mit einer Einstellung ohne Auflage leben, schiebt er nach. Sie könne das akzeptieren, erklärt die Angeklagte und sagt noch: „Es ist nicht meine Art, auf Jugendliche loszugehen“.

Da sich beide Seiten einig sind, stellt das Gericht das Verfahren ein. Die Staatskasse trägt die Verfahrenskosten, die Angeklagte ihre eigenen Auslagen, sprich: die Kosten für ihren Rechtsanwalt. (WIL-)