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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 32/2020
Aus dem Gerichtssaal
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„Tut mir leid, dass ich Ihr Berufsleben erschwert habe“

Der Mann auf der Anklagebank macht einen völlig normalen Eindruck: Anfang/Mitte 60, ordentlich gekleidet und frisiert, hat eine geregelte Arbeit und verdient ganz gut. Sein starker Akzent verrät, dass er - obwohl er einen deutschen Nachnamen trägt - nicht in Deutschland aufgewachsen ist. Er hat die deutsche und die russische Staatsangehörigkeit. Auf die Frage von Richter Heinrichs erklärt er: „Ich verstehe, um was es geht.“ An die Sache, die ihn vor Gericht gebracht hat, kann er sich eigentlich nicht erinnern, gibt aber alles zu: „Ich war an dem Abend so besoffen, dass ich nicht wusste, was ich mache“, erklärt er ein wenig stockend.

Er ist wohl auf dem Heimweg, als er an einer Frau vorbei kommt, die vor der Tür steht und eine Zigarette raucht. Was ihn - zumindest in seinem Zustand - gestört hat? „Ich weiß bis heute nicht, was es war.“ Völlig grund- und anlasslos hat er sie, so die Anklage, beleidigt und als sie ins Haus geflohen ist, hat er gegen die Tür getreten und gehämmert, so dass sie die Polizei gerufen hat. Jetzt im Gerichtssaal entschuldigt er sich bei der Frau, die im Zeugenstand erzählt hat, dass der Angeklagte mit erhobener Hand auf ihren zwölfjährigen Sohn zugekommen sei, worauf sie ihn angesprochen habe. „Was willst du von mir, du Schlampe“, habe er daraufhin bedrohlich gesagt und sich ihr genähert, weshalb sie ins Haus geflüchtet sei. Sie habe sich gedacht, dass er betrunken war.

Die Polizeistreife trifft ihn ein paar Häuser weiter an. Als die Beamten aus dem Wagen steigen, zeigt er Mann ihnen den „Stinkfinger“ und benutzt das weit verbreitete „Götz-Zitat“. Bei der Kontrolle und Aufnahme der Personalien ist er renitent und aggressiv. Man habe gemerkt, dass er unter Alkohol steht, erklärt einer der als Zeugen geladenen Polizisten, aber er habe keinen unzurechnungsfähigen Eindruck gemacht. Bei ihm und dem Kollegen, der nicht mehr aussagen muss, entschuldigt sich der Angeklagte mit den Worten: „Es tut mir leid, dass ich Ihr Berufsleben erschwert habe.“ Die Beamten nehmen die Entschuldigung an.

Einmal schon ist der Mann wegen Alkohol aufgefallen: Im Bundeszentralregister hat er eine Eintragung wegen vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs infolge Trunkenheit in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung - will heißen, dass er in alkoholisiertem Zustand einen Unfall mit Personenschaden verursacht hat. Oberamtsanwalt Ayl sieht die Tatvorwürfe als erwiesen an. Der Angeklagte sei zwar betrunken, aber dennoch zurechnungsfähig gewesen. Was für den Ankläger besonders schwer wiegt ist der Eindruck, dass die Zeugin heute noch gefühlsmäßig unter der Sache leidet. Er fordert 60 Tagessätze zu 40 €. Dem Angeklagten bleibt nur noch einmal zu betonen, dass ihm das Ganze sehr leid tut. „Das passiert nie wieder“, schließt er sein „letztes Wort“.

Richter Heinrichs verurteilt den Mann zu der von der Anklage beantragten Geldstrafe. Auch er sieht aufgrund der Zeugenaussagen keine verminderte Schuldfähigkeit wegen des Alkoholkonsums. Der Angeklagte ist einsichtig und nimmt das Urteil an, das somit rechtskräftig ist. (WIL-)