Titel Logo
Rund um Hermeskeil
Ausgabe 37/2026
3 - Aus den Hochwaldgemeinden
Zurück zur vorigen Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Musik, die Brücken baut

Shai Terry und Russell Poyner an der Gedenkstätte

 

Bewegende Konzertmatinee zum Europäischen Tag der Jüdischen Kultur in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert

Es war ein Konzert, das nicht nur musikalisch zu Herzen ging: Rund 160 Gäste erlebten am Sonntagvormittag in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert eine eindrucksvolle Konzertmatinee mit der israelischen Mezzosopranistin Shai Terry und dem englischen Gitarristen Russell Poyner. Zum Europäischen Tag der Jüdischen Kultur präsentierten die beiden ein facettenreiches Programm aus sephardischen und jiddischen Volksliedern, israelischen Liedern sowie Werken jüdischer Komponisten.

„Die Sprache des Herzens“ – so beschreibt Shai Terry ihre Musik. Und tatsächlich gelingt es der Sängerin mit ihrer außergewöhnlich präsenten Stimme, eine unmittelbare Verbindung zu ihrem Publikum herzustellen. Ihre Moderationen auf Deutsch sind dabei ebenso unterhaltsam wie informativ. Die Lieder, die sie auf Spanisch, Hebräisch, Ladino und Jiddisch singt, hat sie dazu ins Deutsche übersetzt. So wurden auch die Geschichten und Botschaften hinter den Stücken für das Publikum verständlich. Eröffnet wurde die musikalische Reise mit Volksliedern aus Andalusien nach Texten von Federico García Lorca. Terry ließ ihre ausgebildete Mezzosopranstimme den Raum füllen, während Poyner sie an der Gitarre mit großer Sensibilität begleitete. Das Zusammenspiel von Stimme und Instrument erwies sich dabei als eine der großen Stärken des Konzerts. Poyner, ein virtuoser Gitarrist und Arrangeur, blieb stets präsent, ohne den Gesang zu überlagern.

Im weiteren Verlauf führte die musikalische Reise nach Israel und in die jüdischen Liedtraditionen. Terry sang auf Hebräisch und Spanisch, darunter „Eli Eli“, das Gedicht der ungarischen Widerstandskämpferin Hannah Szenes, die 1944 ermordet wurde. Besonders ergreifend war auch die Begegnung mit der Musik der sephardischen Juden: In Ladino, der traditionellen Sprache der sephardischen Juden, erklang unter anderem „Die Nachtigall“. Ein Wiegenlied erzählte von einem Vater, der nach einem langen Tag auf dem Feld nach Hause kommt, um seinen kleinen Sohn schlafen zu sehen.

Jiddische Volkslieder widmeten sich anschließend der Tradition der aschkenasischen Juden. Die schlichten, vielfach in Moll gehaltenen Melodien entfalteten eine unmittelbare Wirkung. Neben humorvollen Momenten – etwa der Geschichte eines Mädchens, das noch immer auf seine Hochzeit wartet – standen bedrückende Schicksale. Ein Lied erzählte von einem kleinen Waisenjungen im Ghetto, der Zigaretten verkaufen möchte, um dem Hungertod zu entkommen.

So wurde die Matinee zu einer musikalischen Reise durch unterschiedliche Zeiten, Regionen und Lebensgeschichten. Terry und Poyner verbanden dabei jüdische, israelische und europäische Musiktraditionen zu einem Programm, das gleichermaßen unterhielt, informierte und berührte.

Die besondere Bedeutung des Konzerts für den Ort hatte zuvor Sabine Arend, Leiterin der Gedenkstätte in Trägerschaft der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, in ihrer Begrüßung hervorgehoben. Das SS-Sonderlager/KZ Hinzert war Teil der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Zwischen 1939 und 1945 wurden hier rund 10.000 Männer aus dem besetzten Europa gefangen gehalten; auch jüdische Gefangene gehörten zu den Opfern des Lagers.

Vor diesem historischen Hintergrund erhielt das diesjährige Motto des Europäischen Tags der Jüdischen Kultur – „Liebe“– eine besondere Bedeutung. Es gehe um eine Liebe, die keine Mauern errichte, sondern Brücken baue, den Dialog suche und Verschiedenheit als Einladung begreife, so Arend. Gegen wachsenden Antisemitismus und für ein friedliches Zusammenleben wolle man mit der Veranstaltung ein Zeichen setzen.

Dass Musik eine solche Brücke sein kann, wurde an diesem Vormittag unmittelbar erfahrbar. Shai Terry versteht sich selbst als musikalische Botschafterin. Mit ihrem Gesang in ihrer Muttersprache Hebräisch und der Moderation auf Deutsch schafft sie eine besondere Nähe zum Publikum. Musik sei für sie eine Möglichkeit, Klangwelten ihrer Heimat zu teilen und Brücken zwischen den Kulturen zu bauen.

Zum Abschluss wurde diese Botschaft noch einmal besonders eindringlich: Mit einem Friedenslied unterstrich das Duo die Sehnsucht nach Frieden in der Welt. Als Zugabe erklang schließlich „Donna Donna“. Das Publikum wurde zum Mitsingen eingeladen und stimmte kräftig in den Refrain ein. Der Schlussapplaus mündete in eine Standing Ovation für Shai Terry und Russell Poyner.

Die Veranstaltung wurde von der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz und dem Mosel Musikfestival gemeinsam ausgerichtet. Nach dem Konzert bestand die Möglichkeit, bei einem Getränk miteinander ins Gespräch zu kommen und die Ausstellung der Gedenkstätte zu besuchen. (LeWe)