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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 37/2026
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„Licht aus dem Dunkel“

Die Projektgruppe bestehend aus Ricarda Ahmetovic, Shida Bazyar, Ronnie Steiner-Wilhelmi, Heinz Ganz-Ohlig und Georg Mertes mit Diana Cook, einer Nichte von Cäcilie Ackermann

 

Briefe einer jüdischen Familie geben Einblick in die Geschichte Hermeskeils

Briefe und Postkarten, die von Hoffnung, familiärer Verbundenheit und dem zunehmenden Druck der nationalsozialistischen Verfolgung erzählen, stehen im Mittelpunkt der Ausstellung „Licht aus dem Dunkel“. Die Präsentation wurde in der vergangenen Woche im Rheinland-Pfälzischen Feuerwehr-Erlebnis-Museum vorgestellt. Sie widmet sich dem Schicksal des Hermeskeiler Ehepaars Frieda und Otto Ackermann und den Nachrichten, die beide zwischen 1939 und 1942 an ihre Tochter Cäcilie nach Dänemark schickten.

Die Geschichte nahm ihren Anfang bei den Recherchen der Autorin Shida Bazyar für ihr neues Buch. Im Archiv der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem stieß sie auf Briefe und Postkarten von Frieda und Otto Ackermann, die das Ehepaar zwischen 1939 und 1942 an seine Tochter Cäcilie in Dänemark geschrieben hatte. Bazyar übergab die Briefe an Heinz Ganz-Ohlig. Gemeinsam mit Peter Reuter, der die größtenteils in deutscher Kurrent- und Sütterlinschrift verfassten Texte transkribierte, wurden die insgesamt 96 Briefe und Postkarten gesichtet, inhaltlich erschlossen und mit zusätzlichen Recherchen ergänzt. Das daraus entstandene Manuskript umfasst inzwischen mehr als 400 Seiten und bildete die Basis für die Arbeit der Projektgruppe zur Entwicklung der Ausstellung.

„Für die Lokalgeschichte ist das ein wahrer Schatz“, beschreibt Georg Mertes die Bedeutung des Fundes. Die Briefe eröffneten einen unmittelbaren Blick auf das Leben jüdischer Menschen aus Hermeskeil und könnten helfen, weitere Lücken in der regionalen Erinnerung zu schließen. Zugleich zeigten sie, dass die Verfolgung nicht irgendwo stattgefunden habe, sondern mitten in den Orten, in denen die Menschen zu Hause waren.

Eine angesehene Familie in Hermeskeil

Otto Ackermann wurde am 8. April 1873 in Hermeskeil geboren, seine Ehefrau Frieda, geborene Loeb, am 9. Mai 1883 in Birkenfeld. Das Paar heiratete 1909 und lebte mit seinen sechs Kindern Julius, Sulamith, Rahel, Deborah, Emil und Cäcilie Helene in der Saarstraße 7. Der Name Ackermann war in Hermeskeil seit Jahrzehnten mit einem Familiengeschäft verbunden. Jonas Ackermann hatte bereits 1869 eine Gemischtwarenhandlung eröffnet. Später übernahm Otto Ackermann das Geschäft, das sich im Ortszentrum zu einem gut laufenden Familienbetrieb entwickelte. Die Familie war im Ort bekannt und angesehen. Sohn Julius etwa war Mitglied im Hermeskeiler Sportverein, bevor ihm dies unter der nationalsozialistischen Herrschaft nicht mehr erlaubt war. Die Ackermanns waren ein fester Bestandteil der Hermeskeiler Bevölkerung. Umso einschneidender war die Entwicklung nach 1933: Immer weniger Menschen kauften in jüdischen Geschäften ein. Unter dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck mussten Frieda und Otto Ackermann ihr Geschäft und ihr Haus im Dezember 1935 unter Wert verkaufen. Anfang 1936 zog das Ehepaar nach Trier.

Das Leben wird immer beengter

Zunächst lebten die Ackermanns noch in selbst gewählten Wohnungen in der Kaiserstraße und später in der Brotstraße. Ab 1939 wurden sie jedoch im sogenannten Judenhaus im Zuckerberg 16 untergebracht. In dem Haus, das dem früheren Trierer Oberrabbiner Altmann gehört hatte, mussten zahlreiche jüdische Menschen auf engstem Raum zusammenleben. „Sie lebten in extrem beengten Verhältnissen“, berichtet Georg Mertes. Mehr als 20 Personen seien in das Einfamilienhaus gepfercht worden, selbst das Badezimmer sei als Unterkunft genutzt worden. Wenn es kein fließendes Wasser gab, musste Otto Ackermann dieses eimerweise heranschleppen.

Die Briefe machen deutlich, wie sich der Alltag der Familie zunehmend veränderte. Weil Frieda und Otto nicht mehr arbeiten und kein eigenes Geld verdienen konnten, mussten sie ihren Hausstand Stück für Stück auflösen. Möbel wurden verkauft, um die Kosten für eine mögliche Ausreise zu finanzieren und zugleich die geflohenen Kinder zu unterstützen. „So langsam richten wir uns ganz klein ein“, schrieb Frieda Ackermann im Januar 1941.

Die geplante Flucht scheiterte nicht an fehlendem Willen, sondern an immer höheren bürokratischen und finanziellen Hürden. Benötigt wurden unter anderem Visa, Bürgschaften, Affidavits und zahlreiche weitere Dokumente. Hinzu kam die sogenannte Reichsfluchtsteuer, mit der jüdische Menschen systematisch um einen großen Teil ihres Eigentums gebracht wurden. Die Umschläge der Briefe tragen die Aufkleber „Geöffnet“ und erinnern daran, dass auch die Auslandskorrespondenz der Zensur unterlag.

Briefe als letzter Familienkontakt

Cäcilie war 15 Jahre alt, als sie ihre Eltern zum letzten Mal sah. Als jüngstes der sechs Kinder konnte sie Deutschland schließlich über Hamburg verlassen und nach Dänemark fliehen. Dort kam sie bei der Familie Jensen unter und arbeitete in der Landwirtschaft. Ihre Eltern schrieben ihr regelmäßig – oft in kurzen Postkarten, manchmal lagen nur wenige Tage zwischen den Nachrichten. “Die Briefe und Postkarten wurden zensiert und außerdem wollten Frieda und Otto Ackermann ihre junge Tochter nicht beunruhigen. So schreibt das Ehepaar nur sehr zurückhaltend und verklausuliert über die alltäglich erlebte Diskriminierung, die schwierige Wohnsituation im „Judenhaus“ oder über die verheerenden Nachrichten, die sie von ihren Verwandten, Freunden oder Nachbarn erhalten. Hinter dem Satz Hier haben solche Reisen auch begonnen, leider versteckt sich die grausame Wahrheit, dass die Deportationen der Juden in die Ghetto und Vernichtungslager begonnen haben“, so Heinz Ganz-Ohlig.

Fluchtwege und Deportation

Cäcilie konnte in Dänemark zunächst Schutz finden. Als die deutschen Besatzer dort mit Deportationen begannen, halfen Teile der dänischen Bevölkerung jüdischen Menschen bei der Flucht nach Schweden. Später versuchte Cäcilie, in das britische Mandatsgebiet Palästina zu gelangen. Ihr Schiff wurde abgefangen, sie kam in ein Internierungslager auf Zypern. Dort heiratete sie und bekam ihren ersten Sohn. 1949 erreichte sie mit ihrer jungen Familie Israel. Aus Cäcilie Ackermann war inzwischen Simcha Poran geworden. Unter diesem Namen lebte sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2002.

Für Frieda und Otto Ackermann blieb die erhoffte Ausreise dagegen unerreichbar. Im Juli 1942 wurden sie von Trier nach Theresienstadt deportiert. Am 21. oder 22. September desselben Jahres wurden sie im Vernichtungslager Treblinka ermordet. 

Ein Anfang für weitere Forschung

Die Ausstellung konzentriert sich zunächst auf die Familie Ackermann. Die Projektgruppe versteht sie jedoch ausdrücklich als Anfang. In den Briefen tauchen zahlreiche weitere Namen aus Hermeskeil und Trier auf. Manche Personen sind aus anderen Quellen bekannt, andere lassen sich durch die Korrespondenz erstmals näher einordnen. Auch die Geschichte weiterer jüdischer Familien der Region soll künftig erforscht werden. Geplant ist eine Wanderausstellung, die in der Region an verschiedenen Orten gezeigt werden kann. Zunächst wurden fünf Roll-ups erstellt. Bis zum Weltfrauentag 2027 soll die Präsentation erweitert und fertiggestellt werden. Rund 200 Arbeitsstunden hat die Projektgruppe bereits investiert.

Unterstützt wird das Vorhaben von der Stadt Hermeskeil, dem Förderverein Gedenkstätte KZ Hinzert, der „Partnerschaft für Demokratie“ sowie der Landesarbeitsgemeinschaft „Erinnern und Gedenken Rheinland-Pfalz“. Zur Vorstellung im Feuerwehr-Erlebnis-Museum berichtete Heinz Ganz-Ohlig über seine Recherchen zur jüdischen Geschichte Hermeskeils. Musikalisch begleitet wurde der Abend von der regionalen Band „The Blue Tits“ aus Trier und dem Hochwald. (LeWe)

Kommentar

Was zwischen den Zeilen bleibt

Es sind oft die kleinen Sätze, die besonders lange nachwirken. „Am Freitag bekamen wir von der [Familie] Wies die Kartoffeln“, schrieb Frieda Ackermann im Oktober 1940 an ihre Tochter Cäcilie. Ein kurzer Hinweis, beinahe beiläufig – und doch steckt so viel mehr dahinter. 

Frieda und Otto Ackermann waren zu diesem Zeitpunkt längst aus Hermeskeil verdrängt. Ihr Geschäft hatten sie aufgeben müssen, ihr Leben in Trier war von Enge, Ausgrenzung und materieller Not geprägt. Dass Matthias Wies und seine Frau Sophia ihnen Kartoffeln nach Trier brachten, war deshalb mehr als eine Gefälligkeit unter früheren Nachbarn. Es war Hilfe in einer Zeit, in der jüdische Menschen systematisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden – und in der Unterstützung keineswegs selbstverständlich war.

Auch am Tag ihrer Deportation dankten Frieda und Otto Ackermann noch der Familie Eiden-Eiden aus Hermeskeil für Beistand und Hilfe. Solche Hinweise sind kostbar. Sie erzählen nicht nur von der Verfolgung der Familie Ackermann, sondern auch davon, wer ihr in einer zunehmend unmenschlichen Zeit beistand – und wer nicht.

Gerade deshalb ist die Arbeit der Projektgruppe so wichtig. Heinz Ganz-Ohlig hat die Geschichte der jüdischen Familien in Hermeskeil über Jahre recherchiert und die Briefe der Ackermanns in ihren lokalen Zusammenhang eingeordnet. Peter Reuter hat die schwer entzifferbaren Texte aus Kurrent- und Sütterlinschrift lesbar gemacht. Gemeinsam mit der Projektgruppe wurden damit Dokumente erschlossen, die weit über eine Familiengeschichte hinausweisen.

Denn Erinnerung darf nicht bei den großen historischen Linien stehen bleiben. Sie muss fragen: Wer waren diese Menschen? Wo lebten sie? Wer kannte sie? Wer half ihnen – und wer schaute weg? Die Briefe von Frieda und Otto Ackermann machen deutlich, dass die Geschichte der NS-Verfolgung auch in Hermeskeil geschrieben wurde. Und sie zeigen zugleich, dass es selbst unter den Bedingungen der Diktatur Menschen gab, die sich nicht vollständig der Ideologie von Ausgrenzung und Gleichgültigkeit unterordneten.

Das zu erforschen und sichtbar zu machen, ist kein Blick zurück um seiner selbst willen. Es ist eine Aufgabe für die Gegenwart – und es bleibt zu hoffen, ob sich auch die Hermeskeiler Schulen an der Arbeit beteiligen werden.

Lena Weber