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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 39/2026
2 - Hermeskeiler Stadtnotizen
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„Die Lücken“

Bild: Tabea Treichel

 

Hermeskeilerin Shida Bazyar auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis

Große Anerkennung für Shida Bazyar: Die in Hermeskeil aufgewachsene Schriftstellerin steht mit ihrem neuen Roman „Die Lücken“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2026. Auch im Hochwald stößt das Buch auf großes Interesse: Die für Oktober geplante Lesung mit knapp 200 Plätzen ist bereits ausverkauft.

Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, in dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in Mauern und Biografien eingeschrieben haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre Vergangenheit aktiv verschweigt und zugleich Jahrzehnte später zum Zufluchtsort für Menschen wird, die hier eine neue Heimat suchen.

Shida Bazyars Roman führt durch die Jahre und in die Köpfe der Menschen, die das Dorf geprägt haben: von jüdischen Familien, die alles verloren, über NS-Profiteure, die sich später als unschuldige Mitläufer darstellten, bis hin zu den Familien Sharifi und Karimpour, die Jahrzehnte später aus dem Iran fliehen. Bazyar gelingt ein vielstimmiges Erzählmosaik über die Last der Geschichte, die Lücken in der Erinnerung und den Wunsch, endlich eine Heimat zu finden.

Hermeskeil als Vorbild

Dass Hermeskeil für den fiktiven Ort Heimesbach Pate gestanden hat, ist kein Geheimnis. Shida Bazyar ist in Hermeskeil geboren und aufgewachsen; ihre Familie kam aus dem Iran und fand hier nach der Flucht vor dem Khomeini-Regime Asyl. In ihrem Roman verknüpft sie die Geschichte zweier Flüchtlingsfamilien mit den Lebensgeschichten der alteingesessenen Bewohnerinnen und Bewohner.

Durch ihre Recherche veränderte sich auch Bazyars Blick auf die Stadt. Häuser, Straßen und Plätze bekamen eine zusätzliche Bedeutung. Hinter der Gegenwart wurden historische Schichten sichtbar, die ihr zuvor weitgehend verborgen geblieben waren.

Als Jugendliche habe sie über die NS-Geschichte ihres Heimatortes kaum etwas gewusst, erzählt Bazyar. Erst durch Heinz Ganz-Ohligs Buch „Juden im Gaumusterdorf – Auf den Spuren ehemaliger jüdischer Nachbarn in Hermeskeil“ stieß sie auf diese „weißen Flecken“ – und damit auf die Erkenntnis, wie wenig sie selbst über die Vergangenheit von Hermeskeil wusste. Das Buch wurde zu einem wichtigen Ausgangspunkt für ihren Roman. Bazyar recherchierte weiter, beschäftigte sich mit den Schicksalen der jüdischen Opfer und entwickelte daraus den Wunsch, deren Geschichten in eine größere literarische Erzählung einzubetten.

Intensive Recherche

Für die Arbeit an ihrem Roman nahm sich Bazyar zunächst bewusst viel Zeit für die Recherche. Sie wollte lesen, Gespräche führen und sich intensiv mit der Geschichte auseinandersetzen, bevor sie den Roman weiterentwickelte. Auch ihre Mitarbeit an der Projektgruppe für den historischen Rundgang durch Hermeskeil floss in diesen Prozess ein.

Dabei war ihr die klare Trennung zwischen historischen Fakten und literarischer Fiktion wichtig. Die Figuren des Romans sind erfunden. Die bekannten Fakten über die jüdische Gemeinde Hermeskeils und die historische Entwicklung des Ortes wollte Bazyar dagegen nicht verändern. Andere Szenen sind literarisch gestaltet, orientieren sich aber an historischen Vorgängen, wie sie sich in der Region hätten ereignen können.

Der Titel „Die Lücken“ verweist dabei auch auf das fehlende Wissen über die Vergangenheit. Vieles ist dokumentiert, anderes nur bruchstückhaft überliefert – und manches wird sich vermutlich nie mehr vollständig rekonstruieren lassen.

Zwischen Verrat und Zuflucht

Der Roman führt die Leserinnen und Leser durch die Jahrzehnte und in die Lebensgeschichten der Menschen, die das Dorf prägten. Da ist Lore, die ihre nationalsozialistische Gesinnung bis ins hohe Alter nicht ablegen kann und sich von ihrer einst besten Freundin Johanna, die jüdischen Glaubens ist, abwendet. Da sind die jüdischen Jungen Emil Ackermann und Heinz Kahn, die der Schule verwiesen werden, noch bevor die antisemitischen Gesetze der Nationalsozialisten dies verlangen. Und da sind die Familien Sharifi und Karimpour, die Jahrzehnte später aus dem Iran fliehen und in Heimesbach ein neues Zuhause finden.

„Ich wollte unbedingt, dass es bei dieser einen Familie im Roman auch so ist, dass dieser Ort, in dem Nachbarn die eigenen Nachbarn verraten haben, trotzdem auch ein Ort ist, an dem Jahrzehnte später Menschen ein Zuhause finden konnten, die von woanders fliehen mussten“, sagt Bazyar.

Dabei richtet sie den Blick nicht nur auf die Opfer der NS-Zeit. Auch diejenigen, die wegsahen, schwiegen oder vom System profitierten, werden Teil der Geschichte. Gleichzeitig erzählt der Roman davon, wie derselbe Ort Jahrzehnte später für Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, zu einem neuen Zuhause werden kann.

Nominiert für den Buchpreis

„Die Lücken“ ist gleich dreifach nominiert: für den Deutschen Buchpreis 2026, den Wilhelm-Raabe-Preis und den Bayerischen Buchpreis. Mit der Aufnahme in die Shortlist des Deutschen Buchpreises steht Shida Bazyars Roman nun im Kreis der sechs für die Auszeichnung nominierten Titel.

Auch in Hermeskeil ist das Interesse groß: Die knapp 200 Karten für die Lesung im Oktober sind bereits vergriffen. Im März kommenden Jahres soll Shida Bazyar zudem in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert aus „Die Lücken“ lesen.

Wir von der Redaktion von RuH gratulieren Shida Bazyar ganz herzlich und drücken ihr ganz fest die Daumen! (LeWe)