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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 4/2026
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Aus der Heimatgeschichte

Vor 30 Jahren:

„Villa Kunterbunt-Affäre“ löst sich in Luft auf

Hermeskeiler SPD kämpfte mit harten Bandagen gegen Stadtbürgermeisterin

Von „Weihnachtsfrieden“ keine Spur: Zum Jahreswechsel 1995/96 fuhr die Stadtratsfraktion der SPD schweres Geschütz gegen Stadtbürgermeisterin Ilona König (CDU) auf. In einer Pressemitteilung warf sie ihr „Irreführung der Öffentlichkeit und eine Brüskierung des Rates“ vor. Der Grund: In der letzten Stadtratssitzung des Jahres 1995 hatte man Fragen bezüglich gewisser Vorkommnisse in der städtischen Kindertagesstätte (Kita) „Villa Kunterbunt“ stellen wollen. Die Bürgermeisterin hatte das Thema in die nicht öffentliche Sitzung verwiesen, lehnte dort aber unter Hinweis auf polizeiliche Ermittlungen jede Auskunft ab. Das sei „eine grobe Täuschung der Öffentlichkeit“, so die SPD-Fraktion.

Frau König sei „mit ihren Aufgaben als Stadtbürgermeisterin und Vorsitzende des Zweckverbands Kindertagesstätte völlig überfordert“, hieß es weiter in der Mitteilung von Ende Dezember 1995, die wohl von anderen Medien noch vor dem Jahreswechsel aufgegriffen worden war. Die RuH-Redaktion suchte das Gespräch mit der Stadtbürgermeisterin und gab ihr die Gelegenheit zur Stellungnahme, die dann - inhaltlich verbunden mit den Vorwürfen - in Ausgabe 2/1996 veröffentlicht wurde.

Was war passiert?

Ilona König erklärte den zugrunde liegenden Sachverhalt wie folgt: Im August 1995 habe die (kommissarische) Leiterin der Kita sie über Ereignisse am letzten Tag vor den Sommerferien informiert. Einem „guten Bekannten“ ihrer Familie, der Erzieher werden wolle, habe die Leiterin gestattet, einen Tag in die Kita „hineinzuschauen“. Dieser Hospitant, der in „legerer Kleidung“ erschienen sei, habe auch an der Arbeit in der Hortgruppe (Schulkinder in der Nachmittagsbetreuung) teilgenommen, wobei er „möglicherweise“ zwei zehn- bis zwölfjährigen Mädchen „ungewöhnliche Fragen“ gestellt habe. Darüber hinaus sei es „beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel zu einer kurzen Berührung der Unterschenkel der Mädchen mit seinem Fuß gekommen“. Sie - die Stadtbürgermeisterin - habe daraufhin angeordnet, dass sich Besucher oder Hospitanten künftig nur noch mit ihrer Genehmigung in der Tagesstätte aufhalten dürften. Ferner habe sie veranlasst, das Jugendamt über den Sachverhalt zu informieren.

Darstellung war wohl „geschönt“

Danach sei der Vorfall auf allen Seiten in Vergessenheit geraten, jedoch bei einem Heimaufsichtstermin im November - eher zufällig - noch einmal zur Sprache gekommen Die Bezirksregierung habe einen schriftlichen Bericht angefordert, in dem dann die Leiterin der Hortgruppe die Sache „etwas anders als früher“ dargestellt habe. Die „legere Kleidung“ habe sich als hautenge Leggings und T-Shirt entpuppt, die „ungewöhnlichen Fragen“ hätten den intimen Bereich der Mädchen betroffen und die Berührung mit dem nackten Fuß sei doch weiter als nur bis zum Unterschenkel gegangen. Der Tagesstättenleiterin sei daraufhin wegen der „wohl etwas geschönten Darstellung“ vom Zweckverband das Vertrauen entzogen und das Vertragsverhältnis einvernehmlich zum Jahresende aufgelöst worden. Auf eine Strafanzeige hin beschäftige sich aktuell die Staatsanwaltschaft mit der Angelegenheit. Ilona König war sich sicher: Sie habe „korrekt gehandelt“.

Ein weiterer Vorwurf hatte sich auf die von der Leiterin der Kita praktizierte religiöse Früherziehung bezogen, die die SPD-Fraktion in ihrer Pressemitteilung als „sektiererische Indoktrination“ bezeichnet hatte; auch das hatte, nachdem es von der Heimaufsicht untersagt worden war, in der Stadt zu Gerüchten geführt. Hierauf wird aber im Folgenden nicht näher eingegangen, weil es später nicht weiter thematisiert wurde.

Stadtbürgermeisterin Ilona König bezeichnete das Ganze als eine Kampagne gegen sie selbst: “Die Zielrichtung … ist es, sowohl dem Amt der Zweckverbandsvorsitzenden als auch dem Amt der Stadtbürgermeisterin Schaden zuzufügen“, erklärte sie.

Elternvertreterinnen melden sich

In der Stadt werden zu dieser Zeit heiße Diskussionen geführt, bei denen sich Gerüchte und Vermutungen abwechseln. „Wann kehrt zum Wohl der Kinder endlich wieder Ruhe ein?“ fragen deshalb Vertreterinnen des Elternausschusses. In einer Pressemitteilung, über die am 18. Januar 1996 in RuH Nr. 3/1996 berichtet wurde, wenden sie sich gegen die „politische Verwertung interner Vorgänge“ und teilen mit, dass die betroffenen Erziehungsberechtigten, der Träger der Kita und das Jugendamt im August 1995 über die Vorkommnisse informiert worden seien. Man habe sich nicht veranlasst gesehen, die gesamte Elternschaft zu informieren, weil sich das Ereignis auf einen Nachmittag im Hort beschränkt habe. Man sei „einverstanden und zufrieden mit der pädagogischen Arbeit des Personals“. Träger, Personal und Elternausschuss täten trotz widriger Umstände ihr Bestes, das Wohl der Kinder zu wahren, und der Versuch politischer Gruppen, „sich auf dem Rücken der Kinder in der Kommunalpolitik zu profilieren“, sei „diesem Vorhaben nicht dienlich“ und werde von den Eltern abgelehnt.

„Der wilde, wilde Westen“

Nachdem offenbar in anderen Medien „nachgelegt“ worden ist, sieht sich Stadtbürgermeisterin Ilona König veranlasst, nochmals eine Erklärung abzugeben, die in RuH Nr. 4 vom 25. Januar 1996 abgedruckt wurde. Das Ziel der Attacken sei zu offensichtlich, schreibt sie. Einige politisch Andersdenkende wollten auf diese zweifelhafte Weise erreichen, sie zu diskriminieren, wofür ihnen „wohl jedes Mittel recht“ sei. Dass es auf dem Rücken von Außenstehenden ausgetragen werde, scheine dabei keine Rolle zu spielen. Angriffe auf ihre Person würden seit Beginn ihrer Amtszeit geführt, wofür sie Beispiele nennt. Berücksichtige man die von ihr aufgezählten Fakten, ergäben sich „mit heißer Nadel zusammengeschusterte Unterstellungen, die sich bei näherem Hinsehen als unhaltbar erwiesen“. Immerhin bewahrt sie offenbar einen Rest von Humor, denn sie schreibt am Ende: „Das Motto der Hermeskeiler ‚Fünften Jahreszeit‘ spiegelt unsere derzeitige politische Situation treffend wider: ‚Der wilde, wilde Westen‘ lässt grüßen.“

Außer Spesen…

Doch was oder wer damals auch immer hinter den Bemühungen der Hermeskeiler SPD steckt, einen Skandal oder eine Affäre ans Licht zu bringen, hat damit letztlich keinen besonderen Erfolg. Denn die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren ein. In RuH Nr. 5 vom 1. Februar 1996 ist die Begründung der Verfügung auszugsweise abgedruckt:

„Das Verhalten des Beschuldigten ist strafrechtlich nicht erfassbar. Die von ihm geführten Gespräche hatten keinen pornografischen Inhalt. Strafbarkeit gemäß § 176 Abs. 5 Nr. 3 StGB liegt damit nicht vor. Eine Bestrafung nach § 176 Abs. 1 StGB scheidet ebenfalls aus. Sie wäre nur dann gegeben, wenn eine sexuelle Handlung von „einiger Erheblichkeit“ in Betracht käme (§ 184c Nr. 1 StGB). Das Verhalten des Beschuldigten (Berühren der Beine der Mädchen mit den Füßen) erfüllt die hierfür von der Rechtsprechung vorgegebenen Anforderungen (noch) nicht… Letztlich ist damit bedauerlicherweise das für die Kinder sicher äußerst unangenehme Verhalten des Beschuldigten strafrechtlich nicht sanktionierbar.“

Damit enden nicht nur die Presseveröffentlichungen, auch die öffentlichen Diskussionen verebben. „Außer Spesen nichts gewesen“, kann man somit im Nachhinein sagen. Ob der Beschuldigte heute noch - nach 30 Jahren, in denen in der Gesellschaft die Sicht auf derartige Dinge im gleichen Maß verengt wie der Begriff der sexuellen Belästigung erweitert wurde - ungeschoren davon kommen würde? (WIL-)