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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 40/2019
Aus dem Gerichtssaal
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Der Staatsanwalt war äußerst gnädig gestimmt

Wer fremdes Geld verwaltet, dem muss man vertrauen können. Das gilt natürlich auch und insbesondere für Vereinskassierer. Und fast immer klappt es auch: Die meisten Kassenwarte würden, wenn in der Vereinskasse etwas fehlt, zum Ausgleich wohl eher in die eigene Tasche greifen, um einer Blamage vor den Vereinsmitgliedern und auch den Leuten im Dorf zu entgehen. Ganz anders läuft es bei einer jungen Frau aus einem Hochwalddorf, die in ihrem Verein nicht nur die Kasse und das Konto verwaltet, sondern auch noch eine repräsentative Funktion ausübt. Irgendwann wachsen ihr ihre finanziellen Probleme über den Kopf, in der Ehe läuft es nicht so, man hat getrennte Konten und sie kommt mit dem Geld, das sie verdient, nicht aus. Irgendwann kann sie der Versuchung nicht widerstehen: Sie greift in die Vereinskasse. Genauer: Einen größeren Bargeldbetrag, der bei einer Veranstaltung des Vereins zusammengekommen ist, zahlt sie zur Hälfte auf ihr eigenes Konto ein. Das wirkt wohl wie eine Art Dammbruch, denn ab diesem Zeitpunkt zweigt sie immer wieder mal Vereinsgeld ab, zahlt hin und wieder private Einkäufe mit der Bankkarte des Vereins und hebt auch schon mal Geld vom Vereinskonto ab, wenn sie es braucht. Das Ganze geht über zwei Jahre lang gut. Insgesamt kommen so rund 37000 Euro zusammen. Eigentlich müsste sowas bei der Kassenprüfung auffallen, aber die ist immer nur stichprobenhaft und wohl recht oberflächlich, man vertraut ihr halt. Erst als eines Tages ein Bescheid vom Finanzamt eine größere Steuernachzahlung verlangt, wird ihr die Sache zu heiß. Jetzt offenbart sie sich dem Vorsitzenden und dem Vorstand, die natürlich erst mal aus allen Wolken fallen. Zweitausend Euro zahlt sie sofort zurück und für die restlichen 35000 Euro nehmen ihre Eltern einen Kredit auf, den sie ihnen nun in monatlichen Raten zurückzahlt.

Es hätte alles „unter der Decke“ bleiben können. Der Vereinsvorstand hat auf eine Anzeige verzichtet, weil sie alles zurückgezahlt hat. Aber wie das im Leben so ist: Einen Neider gibt es immer und der zeigt sie - anonym - bei der Staatsanwaltschaft an. Natürlich spricht es sich auch im Dorf rund, da wird „Anonymus“, wie er die Anzeige unterschrieben hat, schon für gesorgt haben. Jetzt sitzt die junge Frau wie ein Häufchen Elend auf der Anklagebank, ist voll geständig und bereut das Ganze zutiefst: „Ich wünschte, ich könnte alles ungeschehen machen“, sagt sie, und während sie berichtet, wischt sie sich ab und zu die Tränen aus den Augen. In ihrem Wohnort ist sie „sozial geächtet“, erledigt, wie der Volksmund sagt, geht kaum noch vor die Tür und hält sich aus allem raus. Menschlich gesehen wäre das eigentlich Strafe genug, aber Untreue in insgesamt mehr als 80 Fällen kann juristisch nicht ohne Sanktion bleiben, darin sind sich alle Juristen im Gerichtssaal - Richterin Diesel, Staatsanwalt Schomer und Verteidiger Kruchten - einig. Doch der Anklagevertreter ist äußerst gnädig gestimmt. Er zieht alle Register und sammelt Pluspunkte für die Angeklagte, um von einer „gewerbsmäßigen“ Untreue wegzukommen, denn die wird höher bestraft als eine „einfache“: Die Frau ist nicht vorbestraft, hat ihr Fehlverhalten gegenüber dem Vereinsvorstand gebeichtet, den Schaden wieder gut gemacht und die ersten Taten liegen zum jetzigen Zeitpunkt schon einige Jahre zurück. Auch vor Gericht hat sie ohne Umschweife alles zugegeben. Zu ihren Gunsten spricht nach Schomers Meinung auch, dass die Kasse immer nur oberflächlich geprüft worden ist: „Wenn man früher sorgfältiger geprüft hätte, wäre der Schaden nicht so groß geworden.“ Doch um eine Freiheitsstrafe kommt die Angeklagte nicht herum, meint er und fordert 12 Monate („Darunter tue ich mich etwas schwer, es sind halt extrem viele Fälle“), die aber zur Bewährung ausgesetzt werden können. Verteidiger Kruchten hält dagegen eine Freiheitsstrafe nicht für angebracht und plädiert auf eine Geldstrafe. Seine Mandantin habe das Geld am Anfang nur „darlehensweise entnommen“ und alles zurückzahlen wollen, aber die Sache sei ihr über den Kopf gewachsen.

Auch das Gericht ist letztlich gnädig. Die Amtsgerichtsdirektorin verurteilt die Angeklagte zu neun Monaten auf Bewährung und einer Geldbuße von 1800 Euro, die sie zu je einem Drittel an gemeinnützige Einrichtungen in ihrem Wohnort zu zahlen hat. Für die Angeklagte sprächen die vom Staatsanwalt genannten Punkte. Sie sei keine Schwerverbrecherin, aber habe „über zwei Jahre lang Mist gebaut“, sagt sie, und das müsse halt bestraft werden. Auch die soziale Ächtung im Dorf sei Teil der Strafe. Da die Angeklagte, ihr Verteidiger und der Staatsanwalt dem Urteil zustimmen, ist es sofort rechtskräftig. (WIL-)