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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 44/2018
Aus dem Gerichtssaal
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Wenn es das erste Mal gewesen wäre...

Wer auf dem Dorf aufgewachsen ist, kennt das: Da ist ein alleinstehender älterer Mann, der - ortsbekannt - ein Problem mit Alkohol hat und selten nüchtern ist. Von den Kindern im Dorf wird er gehänselt, wenn sie ihm als Gruppe begegnen, er ärgert sich darüber und beschimpft und bedroht sie. Alles nicht weiter schlimm, wenn es dabei bleibt. Wenn aber plötzlich ein Messer im Spiel ist, das der Mann auf eines der Kinder richtet, wird es ein Fall für den Staatsanwalt und das Gericht.

Dem Rentner, der auf der Anklagebank im Hermeskeiler Amtsgericht sitzt, sieht man sein Problem deutlich an. Auch vor der Verhandlung hat er schon getrunken, aber nur "vielleicht eine Flasche Bier", wie er auf Nachfrage von Richterin Corinna Diesel zugibt. Irgendwann an einem Tag im Mai ("Ich hatte gerade zwei Flaschen Bier getrunken") begegnen ihm im Dorf ein paar Kinder, die mit ihren Fahrrädern ein sogenanntes "Wheely" üben: Sie kurven nur auf dem Hinterrad herum. Vielleicht kommen sie ihm zu nahe, denn er fordert sie auf, damit aufzuhören. Fünf tun das auch, nur einer, so erzählt der Mann, fährt ihm sogar noch bis in eine Seitenstraße nach. Weil er sich bedroht fühlt, kramt der Mann in der Hosentasche nach seinem Schlüsselbund, den er dem Pimpf in die Speichen zu werfen droht. Dabei fällt ihm, so sagt er, sein Messer aus der Tasche und er hebt es auf - mehr nicht. "Ich bedrohe niemanden mit dem Messer", beteuert er, lässt dann aber gleich eine Tirade über die Jugend von heute los, die alles Mögliche anstellt und kaputtmacht und dafür nicht belangt wird. "In welchem Staat leben wir eigentlich?", fragt er die Richterin, doch die geht darauf nicht ein.

Der Zwölfjährige, der in Begleitung seiner Mutter als Zeuge gekommen ist, erzählt die Geschichte aus seiner Sicht. Nach der ersten Begegnung sind sie einfach weiter, dem Mann aber kurz darauf in einer anderen Straße wieder über den Weg gefahren. Der hat geschimpft und gedroht mit etwas zu werfen und dann hat er plötzlich ein Messer in der Hand gehalten und gerufen: "Wenn ihr nicht abhaut, komme ich euch hinterher!"

Was dem Angeklagten - bildlich gesprochen - das Genick bricht, ist, dass es nicht das erste Mal war, denn schon zweimal hat er in ähnlichen Situationen gegenüber Jugendlichen nachweislich mit einem Messer gefuchtelt und dabei Dinge gerufen wie: "Ich stech dir Löcher in den Bauch" und "Ich schneid dir was ab". Wenn er dabei wohl auch betrunken war, bekam er in beiden Fällen einen Strafbefehl.

Staatsanwältin Schneider fordert diesmal eine Freiheitsstrafe von drei Monaten, die aber zur Bewährung ausgesetzt werden kann ("Er hat es im Leben nicht leicht gehabt"). Dem folgt das Gericht, das den Vorwurf - Nötigung unter verminderter Schuldfähigkeit - bestätigt sieht, und verurteilt den Mann zusätzlich noch zu 100 Sozialarbeitsstunden. Wegen des Alkohols sei der Angeklagte vielleicht überfordert mit solchen Situationen, sagt Richterin Diesel. Er sei wohl "ein armer Kerl", weshalb sie es auch für sinnvoll hält, ihm einen Bewährungshelfer zuzuordnen, damit der Mann "vielleicht nochmal ein bisschen Anschluss an die Gesellschaft findet." (WIL-)