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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 45/2018
2 - Hermeskeiler Stadtnotizen
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Klartext mit Katarina Barley - Arbeit wertschätzen

Giselind Roßmann, Ruth Mareien de Bueno, Ministerin Katarina Barley, Karen Alt und James Marsh (v.l.) auf dem Podium im MGH

Podiumsdiskussion im MGH Johanneshaus

Aus verschiedenen Perspektiven wurde am Freitag der vorvergangenen Woche der Blick auf die Situation der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und den Wert von Arbeit, insbesondere in unserer Region, geworfen. In der Podiumsrunde kamen Vertreter und Vertreterinnen der Gewerkschaften, der katholischen Arbeiterbewegung und des Familiennetzwerks Hafen zu Wort.

Trotz Rekordbeschäftigung und guter sozialer Absicherung haben viele Menschen das Gefühl, dass sich die gute wirtschaftliche Entwicklung nicht angemessen in ihrem Lohn niederschlägt. Befristete Beschäftigungsverhältnisse, der Umbruch der Arbeitswelt im Zuge der Digitalisierung, mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie nehmen das Gefühl von Sicherheit und Chancengleichheit. Die SPD Bundestagsfraktion hat im Koalitionsvertrag zahlreiche Maßnahmen durchgesetzt, um eine humane und gerechte Arbeitswelt zu fördern. Darüber informierte die Ministerin an diesem Abend die Gäste.

Wertschätzung Arbeit

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde ging es um die Frage der Wertschätzung von Arbeit aus der Sicht von Arbeitnehmern. Giselind Roßman von der TBS Rheinland-Pfalz sieht eine faire Entgeltgestaltung als eine hohe Wertschätzung. Sie kritisiert, dass Unternehmen in Rheinland-Pfalz dabei oft nur reagieren, wenn der Fachkräftemangel sie zwinge. Dem stimmt der DGB-Regionsgeschäftsführer James Marsh zu: „Arbeit wertschätzen fängt natürlich beim Lohn an. Viele Betriebe bezahlen immer noch unter Tarif. Ein Cent über der Sittlichkeit, das darf es gar nicht geben.“ Er wünscht sich, dass die Arbeiter und Arbeiterinnen sich mehr den Gewerkschaften anvertrauen, die gerne die Lanze für die Einkommensschwachen brechen.

Mensch als Mittelpunkt von Arbeit

Ruth Mareien de Bueno als Vertreterin der Katholischen Arbeiterbewegung sieht eine Wertschätzung von Arbeit erst dann, wenn der Wert des einzelnen Mensch in den Mittelpunkt gestellt wird. Dort sei viel Nachholbedarf auf allen Ebenen. Dies bestätigte Karen Alt aus dem Familiennetzwerk Hafen, die als Sprachrohr für die Familien fungierte. Sie weiß, dass es gerade die Mütter im ländlichen Bereich schwer haben, wieder in den Beruf zurückzukehren. Oft rutschen diese in die 450-Euro-Job-Schiene und fühlen sich zurückgesetzt und nicht ernst genommen. Die Betriebe wollen, dass die Frauen ganztags arbeiten. Dies ist aber mit Kindern nicht gut vereinbar. Hier braucht es Anlaufstellen zur Unterstützung beim Wiedereinstieg und gute Teilzeitmodelle in den Betrieben. Ebenso braucht es Maßnahmen gegen die strukturelle Unterbezahlung von Frauen.

Zu wenige Arbeiter in Gewerkschaften

Barley zeigte sich empört, dass viele Betriebe den Gesetzen zuwiderhandeln. Allerdings könne dagegen nichts unternommen werden, wenn ArbeitnehmerInnen ihre Rechte nicht einfordern. Sie hakte daher an der Gewerkschaftsfront nach, warum sich immer weniger Menschen gewerkschaftlich organisieren. Marsh sieht hier die ArbeiterInnen in der Pflicht bzw. in der Eigenverantwortung, sich Verdi oder entsprechenden Bewegungen anzuschließen. Er weiß, dass viele Angst um ihren Job haben, dort durchzudringen sei leider sehr schwierig.

Weiteres Umdenken der Politik nötig

In der anschließenden Publikumsrunde wurden Problemfelder aufgewiesen, die immer stärker auf der Arbeitswelt und damit auf den ArbeitnehmerInnen lasten, wie steigendes Krankheitsaufkommen von Depression, Burnout und somatischen Erscheinungen. Ebenso steigt die Sorge um die Pflege von Familienangehörigen neben dem Beruf. Hier braucht es neben besseren Arbeitszeitmodellen ein starkes politisches Umdenken. Pflege und Versorgung im Alter ist eine gesellschaftliche Aufgabe geworden und kann alleine von den Familien längst nicht mehr bewältigt werden.

Gerd Willems, Mitarbeiter der JTI in Trier, brachte gegen Ende der Veranstaltung keinen unwesentlichen Gedanken in die Runde, indem er anmerkte, dass die Fronten des Arbeitsmarktes und dessen Regulierung viel weiter draußen, mindestens auf europäischer Ebene, lägen. Es reiche einfach nicht mehr aus, über den Arbeitsmarkt und dessen Regulierung in deutschen Grenzen zu denken, wenn Arbeitgeber wie Nomaden in der Welt umherzögen.

Der Abend macht deutlich, wenn auch die getroffenen Maßnahmen der Koalition schon in eine gute Richtung weisen, es ist noch ein weiter Weg, um zu einer gerechteren Arbeitswelt zu gelangen. Da viele Grenzen durch Digitalisierung, Globalisierung oder familiären Wandel längst verrückt oder schon aufgelöst sind, muss dort auch politisch neu gestaltet werden.

Barley ist zufrieden mit dem Verlauf des Abends. Sie sei froh, dass so viele über ihre persönlichen Erfahrungen berichtet haben und Meinungen offen ausgesprochen wurden. (Subi)