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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 45/2019
Aus dem Gerichtssaal
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Eine Tracht Prügel mit Folgen

„Das ist jetzt nicht wahr“, entfährt es der Verteidigerin, als ihr Mandant kurz nach 9 Uhr noch nicht da ist. Aber das ist nicht schlimm, denn der Richtertisch ist zu diesem Zeitpunkt auch noch leer. Einige Minuten später – kurz nach Richter Heinrichs – erscheint auch der Angeklagte. Er kommt nicht aus dem Einzugsbereich von Hermeskeil, war schon länger nicht mehr hier. „Hier muss man ein paarmal rund fahren, alles Einbahnstraße“, erklärt er seine Verspätung.

Die Anklage lautet auf gefährliche Körperverletzung, aber gewalttätig sieht der Mann, Anfang 50, nicht aus, er ist auch nicht vorbestraft. Er ist Landwirt und hat einen kleinen Hof am westlichen Hochwaldrand, der so gut wie nichts mehr abwirft, sagt er sinngemäß. Die Eltern, von denen er den Hof gepachtet hat, versorgt er mit, aber die Pacht hat er schon letztes Jahr nicht mehr bezahlen können. In der Nachbarschaft gibt es einen achtjährigen Jungen, der bei der Oma lebt. Die Mutter ist nur einmal die Woche da, „dann ist Muttertag“, erklärt der Angeklagte. In den Ferien schickt die Oma den Jungen nach dem Frühstück raus, dann treibt er sich im Dorf herum und kommt auch auf den Hof des Mannes, wo er und noch ein Mädchen aus der Nachbarschaft dann spielen und auch schon mal beim Füttern des Viehs helfen. Der Bauer hat schon seit Jahren immer wieder Kinder aus dem Dorf auf dem Hof betreut.

An einem Tag in den letzten Osterferien ist der Kleine nicht gut drauf. „Er war morgens schon fuchsteufelswild“, erzählt der Mann auf der Anklagebank. Wohl weil irgendjemand sein Baumhaus zerstört hat und ihn auch kein Bauer im Dorf mitnehmen wollte. Auch beim Angeklagten bleibt er nicht lange und geht zum Mittagessen zur Oma. Danach kommt er wieder, aber er stellt nur Unfug an, wirft den Futtereimer durch die Gegend, weigert sich, ein Gerät, das er in den Matsch gefahren hat, sauber zu machen, kippt eine volle Schubkarre um und traktiert den Bauern mit einem Stock. Der verbittet sich das und droht dem Burschen, doch das nützt nichts: „Er hat nochmal zugeschlagen, da hab ih ihn gepackt und ihm eine Abreibung erteilt“, sagt der Angeklagte, und „ich hab noch nie so ein bösartiges Kind gesehen!“ Dreimal habe er ihm mit dem Stock auf den Hintern geschlagen. Damit untertreibt er wohl ein wenig, denn nach dem Arztbericht, den Richter Heinrichs verliest, hat der Junge auch Striemen auf dem Rücken und Hautabschürfungen gehabt.

Das Gericht wertet die Aussagen als Geständnis, die Zeugen – vor allem das Opfer, bei dem sich der Mann noch im Gerichtssaal entschuldigt – brauchen nicht mehr gehört zu werden. Heute ist dem Mann auch klar, dass er wohl überreagiert hat. „Er war in der Situation überfordert und hat einen Aussetzer gehabt“, meint seine Verteidigerin. Der Junge habe ihn zunehmend provoziert, aber erst als er ihn mit dem Stock angegriffen habe, habe der Angeklagte ihn – allerdings unangemessen – bestraft. Sie sieht einen „minder schweren Fall“ und plädiert auf eine milde Strafe. Die Staatsanwältin hat sieben Monate Freiheitsstrafe gefordert, die zur Bewährung ausgesetzt werden können.

Richter Heinrichs verhängt die Mindeststrafe: Sechs Monate Freiheitsentzug. „Wenn man ein Werkzeug zur Hand nimmt und jemanden schlägt, ist das gefährliche Körperverletzung.“ Es gebe keinen Rechtfertigungsgrund dafür, ein Kind zu schlagen. Deshalb sei das auch kein minder schwerer Fall. Weil der Angeklagte bisher aber strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten ist, sein Fehlverhalten vor Gericht gestanden und Reue gezeigt hat, wird die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. (WIL-)