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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 47/2019
Von Woche zu Woche
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„Wegen Schmutz und Schund: In gemeinsamer Sorge“

Große öffentliche Aufregung in den 1960er Jahren

Im Jahr 1964 kam das schwedische Filmdrama „Das Schweigen“ (Regie: Ingmar Bergman) auch im Fernsehen. Dieses Werk, gedreht 1963, führte wegen der für die damalige Zeit - aus der in Deutschland vorherrschenden christlichen Sicht - nicht akzeptablen offenen Darstellung sexueller Handlungen zu einem der größten Filmskandale der 1960er Jahre und löste deutschlandweit eine breite Zensurdebatte aus, die sogar bis nach Hermeskeil konkret zu spüren war.

Denn in der RuH-Ausgabe vom 19. September 1964 erschienen dazu drei Stellungnahmen: eine der RuH-Herausgeber (seinerzeit das katholische Volksbildungswerk), eine gemeinsame des katholischen Dechants Backes und des evangelischen Pfarrers Szallies und eine des Amtsbürgermeisters Bier.

RuH schrieb: „Die Flut von Schmutz und Schund, die sich seit Jahren unter dem Deckmantel von Kunst und Freiheit über unser Land ergießt, scheint immer bedrohlichere Formen anzunehmen...“ und berichtete von einer Eingabe von „über 60 verantwortungsbewussten Männern und Frauen“ an die Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises. Der CDU-Abgeordnete Dr. Zimmer „wünschte, dass alle christlichen Eltern dafür sorgen, dass solche Filme nicht besucht und die entsprechenden Illustrierten nicht gekauft würden!“ Für Peter Jacobs (SPD) schien es, „dass unsere Gesellschaft selbst krank ist, dass ein übersteigertes Erwerbsstreben die Bande des Familien- und des Gesellschaftszusammenlebens lockert“. Die Geistlichen sahen in dem Film „ein Symptom und eine der vielen Verfallserscheinungen unserer weithin unchristlichen Gegenwart.“

Offenbar hatte man sogar versucht, die Aufführung des Films mit juristischen Mitteln zu verhindern, wie sich aus der Stellungnahme des Amtsbürgermeisters ergibt:

„Ich bedaure sehr, dass in Hermeskeil der Film „Das Schweigen“, trotz der scharfen Proteste vom Behördenleiter des Nachbarkreises Bernkastel und der vielen begründeten Bedenken gegen diesen Film durch Presse und Bevölkerung, die auch in unserem Raum zur Genüge bekannt sind, aufgeführt wird. Filme, die durch Schamlosigkeit und Sexualität die Grenzen des öffentlich Darstellbaren überschreiten, beleidigen die Würde des Menschen. Sie bereiten uns daher große Sorgen.

Wir alle, Sie meine Bürgerinnen und Bürger vom Amtsbezirk Hermeskeil und ich, tragen mit an der schweren Verantwortung für die seelischen Zerstörungen, die diese Filme in unseren Gemeinden und im besonderen bei der Jugend anrichten. Wir können deshalb nicht untätig bleiben und schweigen. Es muss unsere Aufgabe sein, alles daran zu setzen, dass das Filmgeschäft mit Schamlosigkeit und Sexualität aufhört und dass besonders die Kinder, Jugendliche und Heranwachsende vor den sittlich zerstörenden Filmen gestützt werden.

Leider ist es mir nach dem rechtskräftigen Urteil des Verwaltungsgerichtes Trier nicht möglich, die Aufführung des Filmes zu verbieten. Aber als Eltern und Erziehungsberechtigte, die wir für unsere Jugend Rechenschaft geben müssen, sollten wir in diesem Falle die Verantwortung wahrnehmen.“

„Das Schweigen“ wurde am 25. September 1964 um 22.15 Uhr im Fernsehen (1. Programm) ausgestrahlt. Innenminister Wolters antwortete auf die Eingabe der Hermeskeiler Bürger u.a., der Film verletze nach seiner Meinung durch die Darstellung der bekannten Szenen die personelle Würde des Menschen in eindeutiger Weise und disqualifiziere sich damit als Kunstwerk, wobei es ganz und gar dahingestellt bleiben könne, ob der Regisseur ein richtiges, ein gutes Ziel verfolge. Er habe deshalb angeordnet, dass gegen das Urteil des Trierer Verwaltungsgerichts Berufung eingelegt werde.

Einige Monate später, im Februar 1965, startete man in Hermeskeil sogar eine „Bürgeraktion saubere Leinwand“, die vom Amtsbürgermeister, der Geistlichkeit, den Schulleitern und Elternbeiräten aller Hermeskeiler Schulen sowie der Jugend beider großen Konfessionen und dem Kreisjugendpfleger unterstützt wurde. Zusammen mit Unterschriften von Bürgerinnen und Bürgern aus Hermeskeil und Umgebung wurde ein Brief an Ministerpräsident Peter Altmeier geschickt, der folgenden Wortlaut hatte:

„Wir Bürger von Hermeskeil und Umgebung wollen sittlich saubere und moralisch vertretbare Filme. Wir verwahren uns dagegen, dass unter dem Deckmantel einer Kunst mit der Unmoral Geschäfte gemacht werden. Wir bitten den Herrn Ministerpräsidenten, seine Autorität dafür einzusetzen, dass sich die Verantwortlichen der Filmselbstkontrolle und der Filmbewertungsstelle ihrer Pflicht wieder bewusst werden und ihre Entscheidungen in strikter Einhaltung der Grundsätze ihrer Institutionen fällen.“

Tja, große Aufregung damals Mitte der 1960er Jahre, wie man sieht. Doch es sollte nicht mehr allzu lange dauern, bis die „sexuelle Revolution“ auch in Deutschland ankam. Spätestens mit den (kommerziell sehr erfolgreichen!) Veröffentlichungen eines Oswalt Kolle, der 1968, also nur drei Jahre später, seinen ersten Aufklärungsfilm produzierte, wurde eine neue Zeit eingeläutet. Heute, keine drei Generationen danach, gibt es in Zeiten des Internets fast keine Tabus mehr. Man muss das nicht gut heißen, aber die Welt regt sich nicht mehr so sehr darüber auf - und sie dreht sich trotzdem immer noch... (WIL-)