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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 48/2018
3 - Aus den Hochwaldgemeinden
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Die Verfolgung geschah auch „von unten“

Dittmar Lauer (rechts) schilderte anschaulich und realistisch das aus unserer heutigen - aufgeklärten - Sicht nicht nachvollziehbare "Hexentreiben" im Hochwald des 16. und 17. Jahrhunderts.

Dittmar Lauer über das „Hexentreiben“ im 16. und 17. Jahrhundert im Hochwald

„Hochwald“ ist kein Begriff aus der Forstwirtschaft, so der Hochwälder Heimat- und Geschichtsforscher Dittmar Lauer bei seinem Vortrag über das „Hexentreiben im Hochwald“ vergangene Woche im MGH Johanneshaus. Es handelt sich vielmehr um den zugunsten der Trierer Kirche von Zwentibold, König von Lotharingen 895-900, gebannten „Hoheitswald“, gelegen zwischen Dhron, Mosel, Saar und Prims. Im 16. und 17. Jahrhundert gehörte dieses Gebiet im Wesentlichen zum Kurfürstentum Trier und zur Herrschaft Dagstuhl.

In zwei „Wellen“, nämlich in der Zeit von 1580 bis 1600 und wieder von 1625 bis 1630, sind ausweislich der Quellen hier insgesamt 137 der bisher insgesamt 172 nachgewiesenen Hexenprozesse geführt worden. Der erste nachgewiesene Prozess fand 1523 gegen eine Frau aus Wadern statt, als letzte wurde 1630 eine Frau aus Schillingen verurteilt. Auffällig ist, so Lauer, dass aus dem weltlichen Amt Grimburg in den Archiven keine Urkunden vorhanden sind. Entweder sind diese irgendwann verloren gegangen oder wurden gezielt vernichtet. Dagegen sind in den kirchlichen Archiven die Prozessakten zum größten Teil erhalten geblieben.

Von den genannten 172 Verfahren wurden neun vor dem Hochgericht der St. Pauliner Propstei Heddert und 17 vor dem Hochgericht der Domkapitularischen Herrschaft Schillingen geführt. Auf der Burg Grimburg, dem Verwaltungs- und Gerichtssitz des kurfürstlichen Amtes Grimburg, wegen seiner Gebietsgröße in die zwei Unterämter oder Pflegen Kell und Reinsfeld unterteilt, fanden 47 Hexenprozesse der verschiedenen Hochgerichte statt, davon 18 Prozesse der zur Herrschaft Dagstuhl gehörenden Gemeinde Mandern-Niederkell. 99 Hexenprozesse lassen sich in den Hochgerichten der Herrschaft Dagstuhl nachweisen. Höhepunkte der Verfolgung waren die Jahre 1588 (mit 14 Prozessen), 1595 (17), 1599 (12) und 1628 und 1630 (jeweils 14). Opfer waren keineswegs nur Frauen. Vielmehr waren 40 % der Verurteilten männlichen Geschlechts.

Im Jahr 1591 veröffentlichte der Trierer Weihbischof Peter Binsfeld ein „unheilvolles Traktat“ gegen Hexen, in dem er von „nahezu ausgerotteten Ortschaften“ berichtete, was z.B. in Weierweiler bei Weiskirchen fast der Realität entsprach, denn dort wurden innerhalb fünf Jahren 19 Frauen und Männer, mehr als die Hälfte der erwachsenen Dorfbewohner, hingerichtet. Alleine im Jahr 1599 brannten dort die Hinrichtungshütten zehnmal, am 8. November wurden vier Menschen gemeinsam hingerichtet. Ähnlich viele Opfer hate die Doppelgemeinde Mandern-Niederkell zu beklagen. Dort wurden 17 Personen verurteilt und hingerichtet, im benachbarten Schillingen waren es 16.

Lauer vertritt die These, dass die Hexenverfolgung in dieser Zeit keineswegs nur „von oben“ angeordnet war, sondern vielmehr auch „von unten“ erfolgte, d.h. die Dorfgemeinschaft („Das waren unsere Vorfahren!“) übte selbst Druck auf die Herrschaft zur Verfolgung der Hexen aus, was er anhand von zwei Beispielen verdeutlicht: An Heiligabend 1592 stellen die Untertanen des Hochgerichts Schwarzenberg (Dagstuhl) einen Antrag „um Ausrottung des hochsträflichen Lasters der Zauberei, dadurch die Ehre Gottes gesucht werden möge und das verdammliche zauberische Laster seine wohlverdiente Strafe erlange“. Der Hexenausschuss des Hochgerichts Dagstuhl richtet 1599 ebenfalls – unter Hinweis auf die im benachbarten Erzstift Trier verzeichneten Prozesse und Hinrichtungen - ein Gesuch „zu Ausrottung des greulichen und verfluchten Lasters der Zauberei“ an den Hochgerichtsherrn.

Ausführlich ging Lauer bei dieser Veranstaltung des Kulturgeschichtlichen Vereins Hochwald auf die Kriterien des „Hexenbildes“ in der Vorstellung der Menschen zu dieser Zeit sowie auf Einzelheiten zu den Prozessen ein, die sich aus den Akten ergeben. Spätestens mit Veröffentlichung der „Cautio criminalis“ von Friedrich Spee (1631) erkannte man die eigentliche Ursache des Teufelskreises von Falschaussage, Selbstbeschuldigung und Denunziation angeblicher Komplizen: die Folter.

Im Hochwald hatte schon vorher die letzte Verurteilung stattgefunden. Seit 1623 war Philipp Christoph von Sötern (1567-1652), Kurfürst von Trier. Lauer schreibt dazu auf seiner Internet-Seite: „Vielleicht steht dieses plötzliche Ende ... in irgendeinem [Zusammenhang] mit der Nachricht des Trierer Dompropstes Hausmann von Namedy an den kaiserlichen Beichtvater Lamormain Ende des Jahres 1629, wonach Philipp Christoph von Sötern eine eigenartige Einnahmequelle entdeckt habe: er lasse die zahlreichen Hexen neuerdings nicht mehr verbrennen, sondern er würde sie mit einer Geldbuße belegen. Möglicherweise aber ist der Grund ... auch in dem kurfürstlichen Erlass vom 2. Februar 1630 zu suchen, mit dem Philipp Christoph von Sötern die in die Höhe getriebenen Kosten auf ein erträgliches und billiges Maß setzt und anordnet, dass der dörfliche Hexenausschuss der peinlichen Befragung künftig nicht mehr beiwohnen dürfe.“ (WIL-)