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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 48/2019
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Event statt Advent

Ein Tribut an die Spaßgesellschaft

Von Hans Georg Rosar

Die Welt hat sich verändert. Man merkt es auch wenn die Tage kürzer werden und es auf Advent und Weihnachten zugeht. Schon im August, also noch im Hochsommer, kann man die ersten Lebkuchen kaufen. Dann im September oder Oktober haben einige schon die Lichterketten montiert. Und es geht weiter. Ab Oktober wird der beste Weihnachtssong und das leckerste Weihnachtsplätzchen gesucht. Lärmend bunte Dauerpartys statt Besinnlichkeit in der heimeligen Wohnstube: Motto: „Ich geb` Gas, ich will Spaß“. Advent und Weihnachten in Deutschland haben nach Ansicht von Brauchtums-Forschern schon seit einigen Jahren einen Stilwandel durchgemacht. „Weihnachten hat sich vom eng auf die Familie beschränkten Fest zum öffentlichen Event gewandelt“, so Christel Köhle-Herzinger, Professorin für Volkskunde an der Universität Jena. Dies sei ein Tribut an die Spaßgesellschaft.

Mehr Weihnachtsmärkte im Land

Begonnen hatte diese Entwicklung aus Sicht der Expertin etwa Mitte der 1980er Jahre. Seitdem habe die Zahl und die Vielfalt der Weihnachtsmärkte zugenommen, so die Professorin. Früher gab es praktisch nur die klassische Variante nach dem Motto Christkindl- oder Striezelmarkt. Heute reicht die Palette vom traditionellen bis zum ökologisch-alternativen Markt. Auch Mittelaltermärkte sind angesagt. Auch in den Dörfern wird nun jedes Jahr ein Weihnachtsmarkt organisiert. In größeren Städten konkurrieren häufig gleich mehrere Märkte miteinander. Nicht zuletzt weil Städte und Einkaufszentren sie gleichermaßen für ihr Marketing nutzen. Inzwischen haben auch Freizeitparks den Vermarktungseffekt von Weihnachten entdeckt und organisieren Partys mit Klamauk und Spaß. Und die Glühweinkönigin begrüßt dann alle Besucherinnen und Besucher. Dahinter stecken handfeste wirtschaftliche Interessen. Das bringt Besucherzuspruch in einer Zeit in der die Freizeitparks normalerweise nicht so gut gefüllt sind.

In Privathaushalten setzte sich seit den 1990er Jahren die Sitte durch schon Wochen vor Heiligabend Weihnachtsbäume aufzustellen. Das wäre noch in den 1970er Jahren undenkbar gewesen – ein Tabubruch. Das mit Lichterketten ganze Vorgärten dekoriert und Hausfassaden umhüllt werden und der Weihnachtsmann die Dachrinne hochklettert hängt mit dem Fernsehkonsum zusammen. Die Leute sehen Werbespots oder Filme mit dem Weihnachtsmann im Rentierschlitten und ahmen das nach. Eine typisch deutsche Erscheinung ist das allerdings nicht. Der Deko-Wahn zu Weihnachten sieht weltweit ähnlich aus. Sogar in Ländern, die gar nicht christlich geprägt sind.

Was Weihnachtstraditionalisten für gewöhnungsbedürftig oder gar verwerflich erscheint, hält die Volkskundlerin für normal. Bräuche wandeln sich und werden immer wieder an den Zeitgeist angepasst. Weihnachten als fromme Familienbesinnlichkeit, das war im 18. Jahrhundert ja auch etwas Neues. „Der Brauch, Weihnachtsbäume in die gute Stube zu stellen, habe sich gar erst nach dem Ersten Weltkrieg durchgesetzt, im 18. Jahrhundert galten Weihnachtsbäume noch als absoluter Frevel“; so Peter Fauser vom Museum für Thüringer Volkskunde in Erfurt. Seine erste Erwähnung findet der Weihnachtsbaum 1539 in den Rechnungen von Straßburger Wohlfahrtsheimen, die alljährlich einen Ausgabeposten für die Beschaffung von Weihnachtsbäumen aufweisen.

Schwindendes religiöses Wissen

Eine Ursache für den weihnachtlichen Sittenwandel ist nach Auffassung der Volkskundler das schwindende religiöse Wissen. Viele Menschen, auch in Deutschland, wissen überhaupt nicht mehr was an Weihnachten gefeiert wird. Über Generationen hatte die Kirche im vorweihnachtlichen Kalender Regie geführt, das prägte. Heute habe Weihnachten für viele Menschen jedoch den religiösen Sinn verloren. Was von Weihnachten bleibt sind der Baum, die Kerzen und natürlich die Geschenke. Geschenke scheinen in der heutigen Zeit das wichtigste zu sein, deshalb die enorme Werbung, die je nachdem auch mal dumm und geschmacklos sein kann. Die Palette ist da breit aufgestellt. Ob Adventskalender für Hunde oder Katzen, oder Kalender mit fragwürdigen Inhalten, alles gibt es zu kaufen. Und nach Neujahr geht dann ein neues Event erst richtig los: Fastnacht oder Karneval was ja einige auch schon bereits im Sommer feiern.

Quelle: „Hättest du der Einfalt nicht...“, Karl Christoffel, Lambert Schneider Verlag, Advent kommt von Event. Katrin Zeiß, dpa, n-tv.de. 2005