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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 5/2021
Aus der Heimatgeschichte
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Der „Gläserne Zug“

Der "Gläserne Zug" in den 1930er Jahren am Bahnsteig in Hermeskeil

Ein Blick in die 1930er Jahre

Man nannte ihn den "Gläsernen Zug". Die Deutsche Reichsbahn bot damit in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen besonderen Reisekomfort. Denn rundum hatte der Gast eine ungestörte Aussicht; das Oberteil der Waggons bestand fast nur aus Glas. Damals war diese Wagenart eine Sensation, Jahre später war sie - bis heute - im Bahnverkehr allgemein üblich.

Bekanntlich hatte Hermeskeil 1936 den Auftrag erhalten, sich als Musterdorf beispielartig für andere Hochwalddörfer herauszustellen. Der Gläserne Zug hatte bei dieser Aktion eine besondere Aufgabe. Man tat seitens der Behörde und der Einwohnerschaft alles nur Mögliche, um der Aufgabe, ein Musterdorf zu werden, nachzukommen. Doch die verwinkelte Form des Dorfes und das Fehlen entsprechender Geldmittel erschwerten dieses Vorhaben erheblich. Bei Beendigung der Arbeiten konnte von einem Musterdorf kaum die Rede sein - herausgekommen war allenfalls eine Dorfverschönerung.

Aber Rundfunk und Presse publizierten dennoch das neue "Musterdorf" in alle Himmelsrichtungen. Hermeskeil wurde mit Nachdruck als vorbildlich und sehenswert bezeichnet. Auf besondere Veranlassung setzte die Deutsche Reichsbahn den Gläsernen Zug als Werbemittel ein; dieser brachte aus Nah und Fern die Schaugäste.

Die Reisegruppen wurden auf dem Bahnsteig begrüßt; nach einer kurzen Einführung zeigte man den Gästen das Musterdorf. Besondere Besichtigungspunkte waren u.a. die neue Flachsröste im Dörrenbachtal, eine Anlage, die damals sehr bewundert wurde, aber schon bald wegen mangelnder Auslastung und fehlender Investitionsmittel geschlossen werden musste. Hier zog in den Kriegsjahren vorübergehend der Rüstungsbetrieb Ehrenreich aus Düsseldorf-Oberkassel ein, der nach den schweren Bombenangriffen ende 1944 die Produktion nach Thüringen verlagerte. Die Gäste bekamen auch einige Musterställe der Hermeskeiler Landwirtschaft und Gehöfte mit neuen Maschinen und Geräten präsentiert. Man zeigte ihnen die neue Jugendherberge, den neuen Marktplatz mit dem Stierstall (dort steht heute das feuerwehr erlebnis museum) und dem Staatsjugendheim (heute Restaurant "San Marco") sowie die neu erbaute Volksschule in der alten Gusenburger Straße (heute Grundschule Hermeskeil). Wo sie stand, endete damals die Bebauung. Die Innenräume dieser neuen Schule mit der großen Turnhalle und dem modernen Bühnenanbau waren für die damaligen Verhältnisse sehr großzügig.

Die Gruppe zog dann weiter ins "Oberdorf" zur neuen Badeanstalt im ehem. Brandweiher, ein Freibad, das in seiner einfachen Art den dörflichen Ansprüchen genügte. Auf dem sogenannten Berg in der oberen Saarstraße wurden verschiedene Nagelschmieden besichtigt; man konnte hierbei die Fertigung der Schuhnägel beobachten. Das Nagelschmieden, eine alte Hochwälder Heimarbeit, wurde zu diesem Zeitpunkt stark gefordert - die Nachfrage nach handgeschmiedeten Schuhnägeln war mächtig gestiegen.

Abschließend kehrte man bei der Hermeskeiler Gastronomie ein, die sich dem Musterdorf angepasst hatte. Mehrere Gaststätten hatten neue ortsbezogene Namen erhalten. Am Bahnhof gab es z.B. das Gasthaus "Zur Waage", im Oberdorf die Gaststätten "Am alten Markt", "Dorfschenke", "Zur Nagelschmiede", "Zum Dorfbrunnen", "Hochwaldjagdstube" usw. - Namen, die sich damals nicht durchsetzten und schließlich nur auf dem Papier standen, wobei in späteren Jahren aber die "Dorfschenke" als "Stadtschenke" wieder erschien und die "Jagdstube" heute noch existiert.

Das Beschriebene zeigt, dass damals noch die Landwirtschaft als die wirtschaftliche Grundlage des Orts schlechthin angesehen wurde und dass man bestrebt war, diese zu fordern und zu erweitern. Der begonnene Bau der Hunsrückhöhenstraße und des Westwalls warf düstere Schatten voraus und lenkte den Blick auf andere Dinge. Die auf den Krieg folgenden Aufbaujahre gaben der wirtschaftlichen Struktur des Hochwaldes eine andere Richtung. Hermeskeil entfernte sich immer mehr vom Dorfcharakter, die Landwirtschaft suchte neue Wege. Im Laufe der Zeit entwickelte sich Hermeskeil zu dem, was es spätestens in den 1970er Jahren wurde: eine junge, aufstrebende "Stadt zwischen Mosel und Saar", die als solche im vergangenen Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum beging und hofft, dass dieses Ereignis 2021 im Jahr "50+1" gebührend gefeiert werden kann.

(Quellen: Hermann Schmidt, Bernkastel, RuH Nr. 5/1981; "Die NSDAP-Kreisleitung Trier-Land-Ost/Wadern in Hermeskeil", Dittmar Lauer, Jahrbuch des Kreises Trier-Saarburg 2017, Seite 255-276)