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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 5/2026
Aus der Heimatgeschichte
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Aus der Heimatgeschichte: Karnevalsvergnügen vor 100 Jahren

Eine „Heimaterinnerung“ von Karl Fuhrmann1

Dieser Beitrag, abgedruckt in RuH Nr. 8/1968, ist aus zwei Gründen besonders interessant: Einmal beschreibt er sehr blumig und ausführlich die Zeit des Karnevals vor etwa 100 Jahren aus der Sicht eines Menschen, der diese Zeit selbst erlebt hat. Man erfährt jede Menge Details aus einer weit zurückliegenden Welt, in der die jungen Leute genauso ausgelassen gefeiert haben wie heute. Zweitens liefert der Beitrag einen Blick auf die späten 1960er Jahre, die ja aus heutiger Sicht auch schon längst Geschichte sind, wenn sich der Autor in nun fortgeschrittenem Alter Gedanken über die „heutige Jugend“ und die nun angesagte Tanzmusik macht. Lesen wir, was der Autor vor mittlerweile fast 60 Jahren geschrieben hat:

Wir Kinder vor dem I. Weltkrieg zogen singend und tanzend von Haus zu Haus, um Gaben - Fastnachtsküchlein, Eier oder Geld - zu heischen2, obwohl wir nicht wie unsere Ahnen das Verdienst in Anspruch nehmen konnten, den Winter ausgetrieben zu haben.

,,’t ess Fosend, ’t ess Fosend, de Keichelcher sen geback.

Eraus damät, eraus damät, äich stecken se en mai Sack.“

Mit diesem alten Heischenlied sangen, musizierten und tanzten wir bei Verwandten und Bekannten.

Jahre vergingen

Wir wurden „ballreif“. Bald waren wir die, die der Fastnacht Farbe gaben. Kein Tanz wurde ausgelassen, wenn die Kapelle Haag-Düpre aufspielte. Wie wirbelte die Schar, wenn der schnellfüßige Dreher aufgezogen wurde, die Tänzer ihn mit „Wer will unter die Soldaten“ begleiteten und der alte Haags Michel mit seiner „Kuh“, dem Kontrabass, den „Schneller“ untermalte. Weiter gings im Zweivierteltakt mit dem Polka: „Polka hin, Polka her, Polka es en Zottelbär!“ „Petrus schließt den Himmel zu, alle Englein geh’n zur Ruh“, erscholl es zum Rheinländer.

Die Wände wackelten und der Boden zitterte, wenn der mazurkaähnliche „Sisch de net lo kemmt er, große Schritte nemmt er“ und „Herr Schmitt, Herr Schmitt, was kriegt das Madel mit?“ getanzt und gesprungen wurde. Dazwischen ein Tusch: „Die Musik hat kan Bier“. Die Musikanten hielt der Wirt zehrfrei. Anscheinend hat er mal wieder mit den Getranken geknausert.

Etwas Abkühlung brachte der gemütliche Walzer. Wer schwang sich nicht gerne im Dreivierteltakt! Wer strapazierte nicht seine Stimme mit den Walzertexten: „Lustig ist das Zigeunerleben - Es war im Böhmerwald - Freut euch des Lebens und O, du wunderschöner deutscher Rhein.“

Rann dann der Schweiß, war es eine Wohltat von einem anderen Burschen „abgeklatscht“ zu werden, oder Eifersucht und Begehrlichkeit waren die Grunde „Solo“ zu stellen, das jedem Tänzer das Recht einräumte, das Mädchen von seinem Partner zu trennen. Streng gehandhabt wurde dieser Brauch. Verweigerte die Holde den Tanz, musste sie jeden weiteren Tanz ablehnen. Als Mauerblümchen blühte es dann bis zum Kehraus.

Der Clou, des Abends…

...war die Polonaise. Über und unter Tische und Bänke und allerlei Hindernisse hindurch wurden die Tanzpaare geführt. Während der verschiedenen Touren erscholl: „Ei, so gehn wir alle, alle miteinander in das Hühnerloch, in das Hühnerloch, in das Hühnerloch hinein - … August mit der Fleischbank, … Maria hinter dem Ausschank, Doktor … mit der Klammer, ... Johann mit dem Hammer, die Hochwälder Eisenbahn, … Peter mit seiner Kegelbahn, der Hermeskeiler Gemeinderat, der Bürgermeister und der Landrat, müssen alle, müssen alle in das Hühnerloch hinein.3 So wurde jede bekannte Persönlichkeit besungen.

Ende der zwanziger Jahre schlichen sich allmählich moderne Tänze ein, Tango, Quickstop, langsamer Walzer. Sie waren anfangs für uns ein heißes Eisen.

Nach der Demaskierung4 ging es dann lustig weiter, bis die Stunde kam, die das Gesetz diktierte. „De Kehraus, de Kehraus, die Jongen führen de Mäd nach Haus!“ Mit einem Walzer beginnend, der sich zu einem stürmischen Galopp steigerte, beendete er unter Tanz, Gesang und Musik den zünftigen Abend.

War der Kreis mehr intern, ergötzte sich jung und alt weiter an dem „Kissen- und Besenwalzer.“ Konnte doch dabei manch Alter, wenn er auch mit den steifen Gliedern auf dem Kissen in die Kniebeuge gehen musste, ein saftiges Küsschen von einem kirschroten Mund erhaschen. Während beim Besenwalzer der struppische Besen die Partnerin des überzähligen Tänzers ersetzte. Von der heutigen Jugend werden diese schlichten Weisen und Tänze abgelehnt. Sie findet sie steif und altmodisch.

Wandel der Zeiten! Unüberbrückbare Gegensätze!

Heute beherrschen lateinamerikanische Tänze das Parkett. Sie können uns Opas durch ihre abwechslungsreiche Rhythmik natürlich keine erholsame Entspannung, aber Gelegenheit zu interessanten musikalischen Studien bieten. Ob diese Modetänze sich auf die Dauer behaupten, ist gleichgültig. Die heutige Jugend spendet ihnen freudigen Beifall, stellen sie doch keine Forderung an Herz und Gemüt, sondern lassen durch rhythmische Formen Bewegungsnerv und Tänzer in Ekstase versetzen. Zudem kommen sie aus weiter Feme und helfen so das Fernweh stillen.

Der Cha-Cha-Cha, ist er doch eine Verflechtung des Jazz mit afro-lateinamerikanischen Rhythmen, wie bewegt er die Hüften, kommt er doch von den heißblütigen Kubanern. Dann der Calypso, der lateinamerikanische Rhythmen im 4/4 Takt interpretiert, akzentuieren hier Schultern, Hüften und rudernde Arme die Bewegungen des Körpers, kein Wunder, ist doch die Karibische See, die Trauminsel Trinidad seine Heimat. Aus USA kommt der Rock’n Roll, bei dem es sich um eine neue Stilart in der Interpretation der Jazzmusik handelt, man fühlt sich nicht nur bewogen in die Hände zu schlagen, sondern er regt auch unwillkürlich zum Tanz an. New Orleans Dixiland, Swing, Col und Bop sind seine Entwicklungsstufen. Nur eine kleine Auswahl. Viele sind gekommen, viele in der Hast nach Neuem wieder verschwunden. Welcher wird Heimatrecht bei uns erlangen?

Wir Alten ließen uns von Tänzen, die Ausdrucksformen europäischer Lebensfreude und Kultur waren, beeindrucken. Nun gut, nach einer solchen durchtanzten Ballnacht, sei es gestern oder heute gewesen, findet der eine oder der andere in einer Tasche oder in einem Ärmelaufschlag etwas buntes Konfetti. In seinen Erinnerungen an das Geheimnisvolle, Unbekannte, Vorübergehende, die weißen Zähne und den lachenden Mund, steht eine reizende unbekannte Maske vor ihm auf. Wo ist sie geblieben? Wer mag sie gewesen sein?


1 Karl Fuhrmann, 1899 geboren, war Lehrer und lebte 30 Jahre lang in Hermeskeil. Schon sein Vater war von 1901 bis 1933 Lehrer in Hermeskeil. In den 1960er Jahren hat RuH zahlreiche heimatkundliche Beiträge aus seiner Feder veröffentlicht.

2 altes Wort für bitten, fordern

3 altes, früher sehr bekanntes deutsches Kinder- und Volkslied, das oft bei Spielen und Feiern gesungen wurde.

4 Bei den karnevalistischen Tanzveranstaltungen trug man vor 100 Jahren also zu Beginn noch Masken, die erst zu später Stunde abgenommen wurden.