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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 51/2019
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Weihnachten – das Fest in der dunklen Jahreszeit

Uralte Mythen und Bräuche um die „Wintersonnwende“

Von Hans Georg Rosar

Weihnachten war noch vor einigen Jahrzehnten für viele Menschen das schönste Fest im Jahr. Es hatte seinen eigenen Zauber in der dunklen Jahreszeit mit seinen verschiedenen Bräuchen und Gestalten, die alle das Fest und die Wochen davor prägten. Das fing bereits mit dem Martinstag am 11. November an, der schon eine gewisse Vorfreude und Ahnung auf die kommenden Tage im Dezember mit sich brachte. Weihnachten war eines der wichtigsten Feste im Jahreskreis und gehörte so zu den ältesten deutschen Kulturgütern. Und was ist heute daraus geworden? Weihnachten - ein Fest wird gnadenlos vermarktet. Noch vor einigen Jahrzehnten war das anders. Aber alles wandelt sich. Gehen wir zurück zu den Anfängen.

Zauber und Magie um die „Wintersonnwende“

Die meisten Völker verehrten die Sonne als Gott, als den Spender von Licht, Wärme und Leben. Im bereits fortgeschrittenen Dezember zeigte sich dieser Gott nur kurz am Tage mit dem bleichen Lächeln eines Todgeweihten. Aber wenige Tage später kämpfte er bereits gegen die vordringende Finsternis an und gewann dabei langsam an Kraft, bis er im Sommer wieder siegreich am Himmel strahlte. Deshalb war früher der Winter mit dem immer schwächer werdenden Licht eine gefahrvolle Zeit, in der die Menschen sich durch verschiedene Maßnahmen und Handlungen schützen mussten. Überall auf der Welt und bei jedem Volk gab es Kulte und Bräuche, die den Verzweifelten Hoffnung boten und ihnen sogar ein neues, schöneres Leben verhießen. Diese Bräuche standen in einem engen Zusammenhang mit dem Jahreskreis. Sie kennzeichneten die Periode der Wintersonnwende.

Im Lateinischen heißt „Sonnwende: Solstitium“ - die Sonne steht still. Die Wintersonnwende bezeichnet den Moment im alljährlichen Lauf der Erde um die Sonne, in dem sich die Nordhalbkugel aufgrund der schräg stehenden Erdachse am weitesten von der Sonne wegneigt. Die Bahn der Sonne von Horizont zu Horizont erscheint flach. Die wenigen Sonnenstrahlen, die unsere Erde in dieser Zeit erreichen, fallen schräg ein und besitzen kaum Leuchtkraft und Wärme. Die Wintersonnwende, das ist damit der kürzeste Tag und die längste Nacht des Jahres. Für die Menschen der Frühzeit war der Sieg der Sonne keine Selbstverständlichkeit. Sie betrachteten sich und ihr Handeln als einen Teil des Universums, in dem sie ihren festen Platz und ihre Aufgaben hatten. In ihrer Vorstellung drohte der Sonne und dem Licht zur Zeit der Wintersonnenwende tatsächlich Gefahr. Die Erde bebte unter den Schritten der Frostriesen und Schneeungeheuer und auch die Verstorbenen zeigten sich und kamen zurück und wenn die Lebenden es versäumten zu beten oder Opfer darzubringen, trug der Tod den Sieg davon. Und das bedeutete, dass es künftig keinen Frühling und Sommer mehr gäbe, kein Blühen und Reifen, kein neues Leben auf den Wiesen, Feldern und Weiden.

Zeremonien um die Wiedergeburt der Sonne

In den Ländern der Kelten und Germanen beschwor man in großen holzgetäfelten Hallen um die lodernden Feuer, die vor Kälte, Frost, Eis und Schnee schützen sollten, alljährlich durch bestimmte Zeremonien die Wiedergeburt der Sonne. Mit Pferdeköpfen und Hirschgeweihen vermummte Gestalten, in Felle und Ziegenhäuten gehüllt, tanzten im Feuerschein. Die Menschen bekränzten sich und ihre Häuser mit den Zweigen von Stechpalme, Efeu, Mistel und Immergrün, jene Pflanzen, die den Winter überdauern und deshalb magische Kräfte besaßen. Es wurden gewaltige Zechgelage abgehalten. Man brachte den Toten und den Göttern der Finsternis Opfer dar. Für die Wiederkunft der Sonne und die Fruchtbarkeit der Erde starben Tiere und mitunter auch Menschen.

Die Völker von damals hatten aber nicht nur Angst, das lebensspendende Licht zu verlieren, obwohl das schon schrecklich wäre. Nach ihrer Vorstellung war die Dunkelheit erfüllt von den Mächten des Bösen. Gespenster gingen in der Dämmerung umher, Werwölfe strichen durch das Land. Trolle, Kobolde, Gnome, Hexen, und Dämonen trieben nachts ihr Unwesen. In den Mooren gab es Irrlichter, böse Geister lauerten vor den Häusern und versuchten sich Einlass zu verschaffen.

Magische Sternbilder in der Winterzeit

In den nördlichen Ländern hatte es noch mehr den Anschein, als ginge mit dem schwächer werdenden Licht alljährlich die ganze Welt unter. Selbst die Sterne, die das Leben der Sterblichen jetzt regierten, fanden sich nach Aussagen einiger Sternendeuter zu grausamen Bildern zusammen. Unter den Tierkreiszeichen herrschte nun der tückische Skorpion, der die Sonne bekämpfte. Das dämonische Geschöpf, manchmal auch „der Lauernde“ genannt, galt als Symbol für Tod und Finsternis. Ihn verfolgte Sagittarius, der Schütze, bis in alle Ewigkeit, er hielt seinen Pfeil auf das Sternenherz des uralten Monsters, ohne dass es ihm gelang den Skorpion zu töten. Und nach dem Schützen kam der launische sprunghafte Steinbock, der Urheber des Chaos. Es schien als regten sich in dieser Zeit die Götter von einst, jene Wesen, die nur noch im Aberglauben und den alten Bräuchen fortlebten. Sie betrachteten voller Zorn die Winzlinge, die es gewagt hatten in ihre Reiche einzudringen und hier zu leben. Die Menschen hatten in dieser Zeit Angst, sehr viel Angst und ersannen sich Mittel und Wege, um sich dem Zugriff dieser Dämonen zu entziehen. Sie murmelten Zauber- und Bannsprüche und versahen ihre Gewänder und die Türen mit magischen Zeichen entfachten Feuer um das Dunkel und damit alle Unholde und böse Geister zu vertreiben.

Feuer - Mittelpunkt der Winterbräuche

Das Feuer stand im Mittelpunkt der Winterbräuche. Es war der Bruder der Sonne und es strebte zum Himmel auf. Riesige Holzstöße brannten auf den Hügeln in Irland und Schottland auf den Berggipfeln in Frankreich und Deutschland und sicherlich auch hier bei uns auf dem Ringwall von Otzenhausen. Wenn die von Rom beherrschten Länder an den Gestaden des Mittelmeeres ihren festlichen Winterschmaus abhielten, steckte man Wachskerzen an. Ursprünglich hieß dieses Fest „Bruma“ - (= Wintersonnwende) oder „Dies brumalies“, später erhielt er dann die Bezeichnung „Saturnalia“. Er war dem Titanen Saturn geweiht, der als Gott der Aussaat und des Saatkorns galt und der von seinem eigenen Sohn Jupiter lange Zeit unter der Erde gefangen gehalten wurde. Bei den Saturnalien galt das Prinzip der verkehrten Welt, vielleicht weil man sich vorstellte, dass die eingesperrten Titanen die Erde von unten betrachten mussten. Jedenfalls bedienten die Herren jetzt die Sklaven und die Sklaven erteilten ihren Besitzern Befehle. Es war die Zeit der Tafelfreuden, man trug grüne Zweige, das Symbol der Lebenskraft und beschenkte sich gegenseitig. Männer und Frauen traten der bedrohlichen Finsternis in einer Art Narrenkappe entgegen und wehrten sich durch Lärm und laute Ausgelassenheit.

Die neue christliche Ordnung hatte Platz für alle

Datum und Charakter der Winterbräuche und -zeremonien unterscheiden sich von Land zu Land. Bei manchen Völkern fanden wichtige Feste Anfang November statt, wie bei den Kelten, deren Winterzeit und damit auch das neue Jahr an „Samhain“, dem 1. November begann. In Skandinavien wurde das Julfest ebenfalls im November gefeiert, wenn die Dunkelheit das Land einzuhüllen begann. Andere Bräuche verteilten sich über die beiden letzten Monate des Jahres. So fanden bei den Römern die Saturnalien in der Woche vor dem 24. Dezember statt. Die Anhänger des persischen Lichtgottes Mithras - der höhlengeborene Lichtherrscher, der die Finsternis vertrieb - begingen seinen Geburtstag am 25. Dezember. Eine Reihe weiterer Tage im Dezember boten Anlass zu Winterbräuchen. Sie alle standen in enger Verbindung mit der großen Wende der Natur, die ihren Höhepunkt an dem Tag erreichte, da die Sonne ihren kürzesten und kraftlosesten Auftritt am Himmel hatte, der Tag der Wintersonnwende.

Alle diese Rituale verschmolzen schließlich im christlichen Weihnachtsfest. Auch wenn die Ursprünge sich meistens verwischten, so blieben doch die Spuren der alten Kulte erhalten. Sie finden sich beim Anzünden der Kerzen am Adventskranz, im Schmücken des Weihnachtsbaumes, im lodernden Julklotz, der im Kamin brannte und über die Festtage nicht ausgehen durfte. Weiter im Mummenschanz, ein oft absonderliches Brauchtum, das seine Wurzeln in uralten, längst vergessenen Opferriten hatte, im festlichen Mahl und in der Wahl der Speisen, in Girlanden aus Stechpalmen-, Efeu- und Immergrünzweigen und im gegenseitigen Beschenken. Und sie klingen sogar noch in den Worten der Weihnachtslieder an. Das Kind, das sie Gottessohn und Sonne der Gerechten nannten, verhieß Erlösung von der Finsternis und Hoffnung auf das ewige Leben. Sein Geburtsfest, mitten im Winter, schuf eine Brücke zwischen dem alten und dem neuen Glauben und unterstrich die Bindung des Menschen an den Kreislauf der Natur. Die neue christliche Ordnung hatte Platz für alle, für die heidnischen Götter und ihre Rituale ebenso wie die christliche Lehre vom Kind, das in Bethlehem in einem Stall geboren wurde und die Menschheit von Sünde und Tod erlöste. Das einfache Volk wob all diese Geheimnisse in seinen Alltag ein und dieses Brauchtum lebt bis heute weiter.

Literatur: Brendan Lehane, Verzauberte Welten. Das Weihnachtsbuch, 1990, Redaktion der Time-Life Bücher, Die geheimisvollen Rauhnächte, RuH, Nr. 51, 1999, Sigrid Früh, Rauhnächte, 1998, Märchen, Brauchtum, Aberglaube,Verlag Stendel