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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 7/2018
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Leben in Spannung

Gedanken zur Fastenzeit - von Arthur Thömmes

Karneval ‑ Aschermittwoch. Ein Kontrast wie Tag und Nacht. Dem ausgelassenen Feiern folgt die Zeit des Fastens. Heute noch Helau und Sekt. Morgen Heringe und Enthaltung. Am Aschermittwoch ist alles vorbei: die fröhliche Zeit der Masken und Kostüme, die Zeit der Umzüge und Büttenreden ‑ es beginnt ein neuer Abschnitt im Ablauf des Jahres.

Unsere Vorfahren erlebten und lebten dies sehr intensiv. In einer katholischen Handpostille aus dem Jahre 1913 lese ich: „Fasttage sind solche Tage, an denen wir uns in der Speise Abbruch tun sollen. Wir dürfen an Fasttagen nur einmal, und zwar bei der Hauptmahlzeit uns sättigen; morgens ist ein Stücklein Brot und abends eine kleine Stärkung gestattet. Ferner dürfen wir nur einmal, und zwar bei der Hauptmahlzeit Fleisch genießen.“

Die Regeln waren streng. Alle Christen vom 21. Lebensjahr an waren dazu verpflichtet. Der Grundgedanke des Fastens, wie er in der Bibel formuliert wird und wie er in vielen Weltreligionen praktiziert wird, musste der Einhaltung einer Vorschrift weichen. Nicht der Mensch, sondern das Gesetz stand im Vordergrund.

Die Zeiten haben sich geändert. Der aufgeklärte und mündige Mensch von heute lässt sich nichts mehr vorschreiben. Er fastet, wann er will. Doch es ist schwer, der Wucht des Konsumdenkens entgegenzuwirken. Da gibt es die vollschlanke Frau, die ein paar Kilo abspecken will. Und der Raucher, der seine Glimmstängel einige Wochen zur Seite legt. Die Alltagsdroge Alkohol für sechs Wochen vergessen. Für einige Zeit auf das Auto verzichten. Gespräche mit Menschen suchen, die ich sonst meide...

Ich begegne Menschen, die sich selbst ihre Fastenregeln aufstellen. Sie tun es aus den unterschiedlichsten Gründen. Der eine will sich selbst und den anderen etwas beweisen. „Ich schaff das schon!“ Der andere fastet, weil er dadurch sich selbst ein wenig näher kommen will. Fasten als Methode der Selbsterfahrung. Selbst der religiöse Aspekt geht nicht ganz verloren: Fasten als Weg zu Gott. Auch der soziale Faster taucht hier und da wieder auf: Ich verzichte, damit andere etwas haben. Die Bandbreite des Fastens ließe sich noch weiterführen. Mögen die Gründe und Formen des Fastens auch unterschiedlich sein ‑ eines haben sie gemeinsam: Es ist ein Ausbruch aus dem Alltag der Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten.

Viele von uns haben, was sie brauchen ‑ und das oft im Überfluss. Sie haben alles, aber sind nichts. Fasten möchte nichts anderes als uns neu aufschließen für eine Mitte, aus der wir wirklich leben können, die unser Leben erst lebenswert macht.

Der Versuch lohnt sich, meinem Leben ein wenig mehr Spannung zu geben. Ich lebe täglich aus dieser Spannung heraus. Doch es ist nicht einfach: Nähe und Distanz, Selbstsucht und Selbstlosigkeit, Ideal und Wirklichkeit. Ich muss lernen, diese Spannungen auszuhalten, dann bleibt mein Leben spannend.