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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 7/2018
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Plötzlich krachte und schepperte es

RuH - Großmutter am Spinnrad

RuH - Winter in Damflos um 1925

„Deppewerfe“ – ein derber Brauch in den Hochwalddörfern

Von Hans Georg Rosar

Es war die Zeit vor ungefähr 80 bis 90 Jahren, in der Radio und Fernsehen noch unbekannt waren. Teilweise gab es auch noch kein elektrisches Licht in den Hochwalddörfern. In den Abendstunden der Herbst- und Wintermonate kamen die Jugendlichen und junge Erwachsene oft zusammen. Früher in den Spinnstuben, später auch in den Häusern, um Wolle zu spinnen, Körbe zu flechten, Besen zu binden, um zu stricken, Lotto zu spielen, um sich zu unterhalten, oder einfach um sich zu amüsieren.

Dabei wurde auch immer der neueste Dorfklatsch zum Besten gegeben. Natürlich wurden hier auch viel gelacht und gealbert und auch Gespenstergeschichten erzählt, so z.B. die bekannte Geschichte mit dem Jäger ohne Kopf, der auch hier in unserer Gegend herumspukte, oder die Geschichte mit dem Gespenst, das sich dem einsamen Wanderer auf den Rücken setzte, wenn er am Kirchhof vorbei ging, und noch andere Gruselgeschichten. Diese Treffen waren immer eine willkommene Abwechslung für die jungen Leute.

Vor allem trafen sich die Jugendlichen dann zum „Deppewerfe“. Dies war ein alter, ja sogar ein uralter Brauch, ein derber Spaß, der von Generation zu Generation weiter übernommen wurde. Die meisten Haustüren waren nicht abgeschlossen. In der Dunkelheit wurde dann ohne viel Lärm zu machen die Haustür behutsam aufgedrückt. Dann warfen mehrere Jugendliche alte Blechtöpfe und kaputtes Geschirr aus Porzellan oder Steingut, das man nicht mehr im Haushalt verwenden konnte, das aber ordentlich schepperte und viel Krach machte, mit voller Wucht in den Hausflur auf den Stein- oder Fliesenboden. Danach sind die Werfenden - auch Mädchen beteiligten sich gerne an diesem groben Spaß - schnell weggelaufen.

Die betroffenen Bewohner waren immer sehr verärgert und ihre Wut richtete sich gegen die Werfenden. Sie sind dann oft mit Knüppeln bewaffnet hinter den Jugendlichen hergelaufen und wehe dem, der erwischt wurde. Der- oder diejenige erhielten dann eine gehörige Abreibung. Da dieses Tun jedoch immer plötzlich und unerwartet geschah, wurde meistens niemand erwischt.

Zeitspanne von Neujahr bis Fastnacht

Dieser Streich wurde nur in einer bestimmten Jahreszeit ausgeübt, ungefähr von Neujahr bis Fastnacht. Der Grund hierfür war denkbar einfach. Ab Fastnacht wurde es wieder früher hell und später dunkel und somit konnten die „Deppewerfer“ auch viel leichter erkannt werden. Erkannt werden wollte ja keiner der Werfer und das aus gutem Grund. Im ganzen Dorf wurden Deppe geworfen. Dabei teilten sich die Jugendlichen die einzelnen Dorfecken auf. So wurde fast jedes Haus aufgesucht. Wenn die Jugendlichen so in die Häuser schlichen, war es ganz wichtig, dass dieses Werfen plötzlich und unerwartet geschah. Manches Haus wurde an einem Abend gleich zweimal beglückt. Besonders dann, wenn bekannt war, dass sich die Bewohner der betroffenen Häuser überaus ärgerten, obwohl sie in ihrer Jugend sicherlich auch Deppe geworfen hatten.

Eine Befragung der älteren Dorfbewohner nach dem Sinn des Brauches ergab, dass es jedes Mal ein großer Spaß war die Leute zu erschrecken. Weitergehende Erklärungen wie durch Lärm machen, die bösen Geister zu vertreiben u.a. wurden nicht genannt.

Unterschiedliche Deutungen des Brauches

Auch in der Literatur hat man diesen Brauch zu deuten versucht und es gibt unterschiedliche Erklärungen. Während eine Deutung glaubt, dass Lärm machen dem alten heidnischen Glauben zugrunde liegt, damit die bösen Geister aus dem Haus zu vertreiben, vermutete eine andere Interpretation, dass Scherben Glück bringen sollen. Denkbar ist aber auch, dass es eher nur ein sehr großer Spaß für die Jugendlichen war, die Hausbewohner zu erschrecken. Es gibt verschiedene Beschreibungen dieses derben Streiches. So schreibt H.J. Barth: „Diese alte Brauch des Lärmmachens, den man bis in die späten zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts in unseren Dörfern noch kannte, geht auf den heidnischen Glauben zurück, man könnte damit böse Geister aus dem Haus treiben.“1.

Eine andere Deutung nennt W. Martin, der den Brauch hauptsächlich in Zusammenhang mit den meist von Mädchen regelmäßig durchgeführten „Strickabenden“ sieht: „Wenn nun so eine größere Gesellschaft beisammen ist, ist für die älteren Jungen die Zeit gekommen zum Scherbenwerfen. Ein irdener oder steinerner Krug wird dann, wenn alles im traulichen Gespräch beisammensitzt, plötzlich mit Wucht draußen im Hausflur unvermutet auf den Boden geworfen, dass der ganze Krug mit lautem Knall auseinanderspringt. Der Werfende macht sich eilends davon. Scherben bedeuten Glück. Es ist also dieses Scherbenwerfen nicht als Unfug auszulegen, sondern den Mädchen wünscht man damit Glück. Je mehr Scherben, je mehr Ehre für die Mädchen. In den letzten Wochen des Februar wird mit den Strickabenden Schluss gemacht und ein letztes gemütliches Zusammensein bei Kaffee und Kuchen gefeiert.“2.

Ob die Hausbewohner dieses „Deppewerfe“ als eine besondere Art von Glückwunsch betrachteten, ist sehr zweifelhaft. Nach den Schilderungen waren sie immer sehr wütend, wenn dieses Ereignis sie heimsuchte. Später, als die Hochwalddörfer Straßenbeleuchtungen erhielten und in allen Häusern elektrisches Licht brannte, ist dieser Brauch ausgestorben. Nur das sogenannte „Klingelputzen“, d..h. Kinder klingeln an der Haustür und rennen dann schnell weg, erinnert noch schwach an diesen derben Brauch.

Heute wäre dieses Tun unvorstellbar. Überall sind heute aus gutem Grund die Haustüren abgeschlossen und „Deppewerfe“ würde sicherlich den Betreffenden eine Strafanzeige wegen Sachbeschädigung, groben Unfugs, etc. einbringen. Wie bereits erwähnt, ärgerten sich die Hausbewohner auch über diesen Streich. Wer erwischt wurde, musste schon mit einer Tracht Prügel rechnen, aber angezeigt wurde deswegen niemand. Dieser Brauch passt eben nur in diese Zeit vor ungefähr 90 Jahren. Heute ist dieser Brauch verschwunden.

1Bräuche aus dem Hochwald, H.Josef Barth, Otzenhauser Hefte zur Heimatgeschichte, Heft 22, 1988.

2Land und Leute an der Saar, Wilhelm Martin. S. 101 ff Verlag Dr. Nik. Fontaine, Saarland 1951)