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Rund um Hermeskeil
Ausgabe 9/2018
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Sprachlosigkeit und „Totenstille“

RuH - Sie liehen den Betroffenen ihre Stimme von links: Clemens Grünebach, Sophie Schäfer, Burkhard Gouverneur, Maria Schmitt und Karl Heinz Lauck

RuH

Szenische Lesung im MGH beeindruckt über hundert Zuhörer

Eine Demonstration der besonderen Art erhielten die Zuhörer im gut gefüllten großen Saal des Johanneshauses am vergangenen Samstag zu den Themen Flüchtlingsschicksale, Menschlichkeit, Bürokratismus und Hilflosigkeit der Betroffenen – Flüchtlinge wie Retter – . Die Szenische Lesung zu den Ereignissen um das Kentern eines völlig überladenen Bootes mit Flüchtlingen vor der italienischen Insel Lampedusa im Oktober 2013 machte deutlich, dass die Thematik immer noch brandaktuell ist.

Kenner des US-Filmes „Der Soldat James Ryan“ zur Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 erlebten in den Anfangsminuten der Veranstaltung im MGH durchaus ein déjà-vu (schon gesehen). Hier wie dort zunächst ein friedliches Strandidyll mit Urlaubsfeeling und von jetzt auf gleich unübersichtliches Chaos mit hoffnungslos überforderten Akteuren. Auch wenn kein Gefechtslärm die Szenerie untermalte und keine Waffen Menschen zerfetzten, waren die Sinnlosigkeit des Todes vieler Menschen und die Hilflosigkeit der Retter angesichts der nicht zu bewältigenden Rettungsaufgabe allgegenwärtig. Untermalt von der eigens dafür komponierten Musik des Italieners Francesco Impastato und hinterlegt mit Bildsequenzen, die auf einer Leinwand im Hintergrund abliefen, wurden die Ereignisse vom 3. Oktober 2013 aus verschiedenen Blickwinkeln anschaulich und drastisch aber ohne Effekthascherei dargeboten.

Zunächst kommen die Flüchtlinge zu Wort. Im Frühjahr 2012 zahlten sie 3.400 bis 4.800 Dollar Schleuserpreis, um aus ihren Herkunftsländern, vorwiegend Eritrea und Somalia, vor Krieg und Anarchie flüchten zu können. Nach einer halben Odyssee durch Afrika erreichten sie die Mittelmeerküste in Libyen. Nach langer Zeit zermürbenden Wartens und Ausbeutens durch Einheimische wurden sie schließlich von den „Schleppern“ auf ein 15m langes Fischerboot verfrachtet. 545 Personen drei Tage auf dem Meer, eine Flasche Wasser pro Person, kein Licht auf dem Boot und die Handys waren ihnen vor dem Ablegen abgenommen worden. Als man dann Lichter von Fischerbooten sah und auf sich aufmerksam machen wollte, kam einer auf die verzweifelte Idee, eine Decke anzuzünden. Die Tragödie nahm ihren Lauf. Das Feuer breitete sich aus, die Menschen auf dem sowieso überladenen Boot versuchten auszuweichen, das Boot kenterte. Verzweifelte Versuche sein eigenes Leben oder das seiner Kinder zu retten, waren bei vielen zum Scheitern verurteilt. 368 Menschen ertranken.

Idyllisch oder normal wie oben geschildert begann auch für die Fischer von Lampedusa der Morgen. Ausgelaufen für Hobbyfischen oder Broterwerb mussten sie im Morgengrauen feststellen, dass das im Halbschlaf wahrgenommene Geschrei nicht von Möwen sondern von ertrinkenden Menschen herrührte. Man hatte immer schon mal Schiffbrüchige, auch Flüchtlinge gerettet aber nicht in dieser Vielzahl. Hunderte von Leuten hatten nicht mehr die Kraft, sich an zugeworfenen Rettungsringen festzuhalten, geschweige denn selbst ins Boot zu klettern. Bis zu zehn Minuten dauerte es, jemand zu retten. Dabei mussten die Helfer zusehen, wie viele andere ertranken auch weil sich die eintreffenden Schlauchboote der Behörden weigerten, Gerettete zu übernehmen und an Land zu bringen. Die Anzahl der Helfer hielt sich ebenfalls in Grenzen. Viele fürchteten sich vor dem, was basierend auf der italienischen Gesetzeslage schon einigen ihrer Kollegen passiert war. Sie waren wegen Begünstigung illegaler Einwanderung zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt und ihre Boote beschlagnahmt worden.

Abgerundet wurde das Bild durch die Schilderungen aus Sicht des ärztlichen Personals und der Taucher, die noch viele Tote, vor allem Kinder, aus dem gesunkenen Boot bergen mussten. Angeprangert wurde von Seiten der Helfer und der Bürgermeisterin von Lampedusa vielerlei. Die zögerliche Reaktion der Behörden, das Verschanzen hinter der Gesetzeslage, die unzumutbare Diskrepanz zwischen nationalem Gesetz und der Verpflichtung zur Seenotrettung und vieles andere. Auch wenn der damalige Präsident der EU-Kommission Barroso vor Ort konstatierte, dass sich so eine Tragödie nie wiederholen darf, ist in Rückschau der Folgejahre nach 2013 unzählige Male ähnliches geschehen. Wo ist das Europa der Menschenrechte? Viele Fragen sind nach wie vor unbeantwortet. Die Flüchtlingsbewegungen bleiben, die Schauplätze haben sich in den östlichen Teil des Mittelmeeres verlagert. Eine Mischung aus Wut und Ohnmacht einerseits und Respekt vor den Helfern andererseits erzeugte im Saal Sprachlosigkeit. Sie führte zu einer im wahrsten Sinne des Wortes „Totenstille“ als die fünf Akteure schweigend die Bühne verließen. Nächstes déjà-vu! Nach dem oben genannten Film verließen die Zuschauer den Kinosaal ohne ein Wort. Das sonst stattfindende Palaver entstand erst, als man sich mit Kinobesuchern anderer Filme im Foyer mischte. Hier waren die Zuhörer erst in der Lage, den Akteuren den verdienten Applaus zu spenden, als der Moderator Christoph Eiffler sie zu Beginn des anschließenden Gesprächs mit Protagonisten aus der Hermeskeiler Flüchtlingsarbeit dazu aufforderte. Diese berichteten aus ihrer Arbeit und informierten über die derzeitigen Schwerpunkte.Nach Auskunft des Leiters der AfA, Stefan Ding, befinden sich dort derzeit 550 Asylbewerber. Stammten sie 2015 noch aus 8 – 12 Nationen, überwiegend Syrer und Afghanen, sind es jetzt Menschen aus 35 Nationen, Schwerpunkt Sudan, Armenien und Türkei. (BäR)