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Biebesheimer und Stockstädter Nachrichten
Ausgabe 10/2021
Vereine und Verbände - Stockstadt am Rhein
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Bund der Vertriebenen - Kreisverband Groß-Gerau

Mitglieder der Egerländer Gmoi z'Kelsterbach während der Gedenkfeier am Verriebenenkreuz in Maria Einsiedel

Tag des Selbstbestimmungsrechtes

Kreisverband und Kreisgruppe des BdV und der Sudetendeutschen Landsmannschaft Groß-Gerau gedenken der Opfer des 4. März 1919

Am 4. März 1919 starben durch Schüsse des tschechoslowakischen Militärs 54 sudetendeutsche Demonstranten, darunter 23 Frauen, Mädchen und Jungs im Alter von 11 bis 14 Jahren. Ihnen gedachten Vertreter der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) und des Bundes der Vertriebenen (BdV) gestern am Wallfahrtsort Maria Einsiedel. Dort ist ein vom Friedhof in Leitmeritz (Litoměřice) in Nordböhmen stammendes Kreuz zum Gedenken an die Vertreibung der Deutschen als Mahnmal in Stein gefasst.

Mit dem historischen Hintergrund eröffnete Hans Josef Becker als Mitglied er Leitungsgruppe des BdV-Kreisverbandes Groß-Gerau im Beisein der Eghalanda Gmoi z´ Kelsterbach mit Vüarstäiha Uwe Rolle und Ehren-Vüarstäiha Edurard Fenkl sowie SL-Kreisobmann Helmut Brandl (Stockstadt) seine kurze Ansprache. Er schloss an den US-amerikanischen Diplomaten und Historiker Kennan an, der den Ersten Weltkrieg als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet hat. „Sie wirkte sich fatal auf die weitere Geschichte Europas aus: Oktoberrevolution, Stalinismus, Faschismus, Nationalsozialismus und schließlich Zweiter Weltkrieg.“

Die Schüsse des 4. März 1919 auf friedlich demonstrierende Menschen in zahlreichen Orten des Sudetenlandes trugen nach Auffassung des BdV-Sprechers mit dazu bei, dass ein über Jahrhunderte währendes fruchtbares Zusammenleben verschiedener Völker in der Donaumonarchie ein jähes Ende fand. Er schilderte, wie es dazu kam.

Gegen ihren ausdrücklichen Willen wurden die Sudetendeutschen mit dem Vertrag von St. Germain unter dem Diktat der Siegermächte einem neuen Staat, eben der Tschechoslowakei, zugeschlagen. „Die Deutschen wollten nicht in diesem Staat leben, an dessen Name, Verfassung und Gründung sie keinen Anteil hatten. Sie forderten den Verbleib bei Deutschösterreich.“

Konkreter Anlass für die Demonstrationen des 4. März 1919 sei die an diesem Tag stattfindende konstituierende Nationalversammlung Deutschösterreichs gewesen. In ihr waren die deutsch-sprachigen Gebiete Böhmens, Mährens und Österreichisch-Schlesiens auf Grund der tschechischen Wahlverhinderung nicht mehr vertreten. Die Initiative zu den Demonstrationen ging von der sudetendeutschen Sozialdemokratie unter Josef Seliger aus. Dem Aufruf schlossen sich alle anderen deutschen Parteien an.

„Zu den Forderungen des 4. März gehörte zentral das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das von US-Präsident Woodrow Wilson als Grundprinzip der Friedensregelung proklamiert worden war“, führte der Redner weiter aus. Die Kundgebungen wurden kurz nach Mittag in mehreren Städten gleichzeitig durch Schüsse in die Menge blutig unterdrückt. Dabei kamen jene 54 sudetendeutsche Demonstranten ums Leben. Die Opfer erhielten keine Entschädigung, die Täter wurden nicht ermittelt und bestraft. Für die Sudetendeutschen wurde der 4. März als "Tag des Selbstbestimmungsrechtes“. Er gilt ihnen als geeignete Mahnung, mit aller Entschiedenheit für das Recht auf die Heimat und das Selbstbestimmungsrecht einzutreten, und zwar für alle Völker und Volksgruppen.

Pfarrer Clemens Wunderle von der katholischen Pfarrei St. Maria-Magdalena Gernsheim hatte während des der Gedenkfeier vorausgehenden Hochamtes in der Pilgerhalle des Marienwallfahrtsortes Vertreibungen damals und heute als Unrecht bezeichnet. Während der Gedenkfeier sprach er ein Segensgebet, in dem er auch die Pflicht zum Vergeben hervorhob.