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Talpost Lambrecht
Ausgabe 10/2026
Stadt Lambrecht (Pfalz)
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Der zweite Streik der Lambrechter Textilarbeiter im Mai 1872

Hilfe der Kirche für die Streikenden

In der heutigen Ausgabe der Talpost veröffentlichen wir den zweiten Teil des Vortrags von Dr. Werner Dietrich zu den Anfängen der Arbeiterbewegung im Lambrechter Tal. Die weiteren Teile des Vortrags werden in den nachfolgenden Ausgaben erscheinen.

Zweifellos kann man davon ausgehen, dass sich mit dem Jahre 1871 in Lambrecht eine organisierte Arbeiterbewegung herausgebildet hatte. Bereits im Mai 1872 brach der zweite Streik der Lambrechter Weber aus. Der Streik kam allerdings nicht von ungefähr, hatten doch seit mehreren Wochen die Weber von ihren Fabrikanten eine Lohnerhöhung von 20 Prozent und Bezahlung diverser Nebenarbeiten verlangt. Die Arbeitszeit betrug damals immerhin noch 13 Stunden täglich, manchmal sogar bis zu 15 Stunden. Um den Forderungen der Arbeiter zu begegnen, schlossen sich die Unternehmer - mit Ausnahme der kleinen Meister - fest zusammen, stellten einen gemeinsamen Webtarif auf und erhöhten die Lohne um geringe Beträge. Trotz dieser Lohnangebote lag der Tarif aber immer noch unter dem anderer Orte. Die Neustadter Zeitung war allerdings der Auffassung, dass der Verdienst eines Tuchwebers im Vergleich zu den Verdiensten anderer Fabrikarbeiter ein recht guter wäre. Diese Einstellung der Presse gegenüber den Arbeitern war damals durchaus geläufig. Die Parteinahme für die Fabrikanten trat in den Presseartikeln offen zutage. So war im gleichen Artikel zu lesen, dass,,die Fabrikanten schon bei den seitherigen Arbeitslöhnen ohne Nutzen, ja oft mit Schaden arbeiten". Ferner seien die Fabrikanten nicht das richtige Ziel für einen Streik; dies sollte lieber den Wollproduzenten und Tuchkonsumenten gegenüber geschehen, denn darin lägen die Wurzeln der miserablen Situation der Tuchindustrie. Mit dem bereits beschriebenen Zugeständnis der Fabrikanten waren die Arbeiter aber nicht zufrieden. Am 22. Mai stellte dann ein Teil der Weber seine Arbeit ein. Kurz darauf standen etwa 300 Webstühle still. Zu dieser Zeit hatten die Lambrechter Arbeiter allerdings noch keine feste Organisation. Zwei Hamburger Weber, Holzschuh und Rothschild, die seit dem Kriege in Lambrecht arbeiteten, übernahmen die Organisierung der Arbeiter. Sie organisierten auch den Ausbruch des Streiks.

Bereits drei Tage vor Ausbruch des Streiks predigte am Pfingstsonntag der protestantische Pfarrer Mentzel über das Körnersche Wort:,,Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!" Dieser Pfarrer Jakob Friedrich Mentzel kündigte bereits im Frühgottesdienst an, dass er in der Nachmittagspredigt die,,sociale Arbeiterfrage" zum Gegenstand seiner Betrachtungen machen werde.

Diese Predigt, die im Original vorhanden ist, "erregte großes Aufsehen bei den Fabrikanten und in Kirchenkreisen, brach doch kurze Zeit später der Streik aus.

Aus der Erklärung des Presbyteriums vom 23. Juli 1872 lässt sich herauslesen, dass dieses Gremium die Ursache für den Ausbruch des Streiks nicht in der Predigt von Mentzel sah, obwohl die Meinung bestand, der Zeitpunkt sei sicherlich ungünstig gewählt gewesen. Vielmehr wurde die Ursache dafür auf das Verhalten der Fabrikanten zurückgeführt, die auf die Eingaben der Arbeiter wegen Erhöhung der Lohne nicht reagierten.

Am 24. Juli verfasste Pfarrer Mentzel ein Schreiben an das,,Hochwürdige Königliche Consortium", in welchem er zu seiner Predigt Stellung nahm. Als Ursache für die Arbeitseinstellung führte er die drastischen Erhöhungen der Lebensmittelpreise in den vergangenen Monaten an. Das Missverhältnis zwischen Lohnen und Preisen mache es dem,,armen Manne, der zum Unterhalt seiner Familie bloß auf seiner Handarbeit angewiesen ist", unmöglich, weiter zu existieren, denn eine Steigerung seiner Arbeit sei nicht machbar, da bei seinem derzeitigen körperlichen Einsatz er bereits im Alter von 40 Jahren arbeitsunfähig werden wird. Deshalb sei die eingebrachte Lohnforderung durchaus berechtigt gewesen.

Die Tendenz der Predigt war seiner Meinung nach keine andere „als eine warnende und mahnende. Eine warnende nach der Seite der Arbeiter sich nicht von der Schlinge der Ereignisse der Internationalen fangen zu lassen, und eine mahnende nach der Seite der Arbeitgeber doch ja die Pflichten der barmherzigen Christenliebe nicht zu vernachlässigen."

Zum Zeitpunkt der Predigt:,,Einmal war es eine dringende Notwendigkeit, über die brennende Tagesfrage in hiesiger Gemeinde, als einer Fabrikgemeinde, zu predigen, da es ausgemacht ist, dass die,soziale Frage' nur durch das Christentum wirklich gelöst werden kann, also eine Frage ist von eminent kirchlicher Bedeutung. Und dann konnte darum kein gewöhnlicher Sonntag hierzu gewählt werden, weil an solchen Tagen diejenigen, für welche die Predigt war, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, durch ihre Abwesenheit glänzen."

Mentzel konnte sich nicht erfolgreich rechtfertigen. Er wurde wegen dieser Predigt von seiner Kirchenbehörde nach Konken strafversetzt. Trotzdem trat er in einem Artikel vom 26. Juni 1872 in der deutsch-demokratischen „Süddeutschen Post" für die Belange der Arbeiter ein. Er nannte die Lambrechter Arbeiterschaft „eine mehr oder minder verkrüppelte Menschenklasse, die sicherlich dem Militärstande kein starkes Kontingent liefert."

Die Dauer des Streiks bewirkte, dass die Fabrikanten ihre Produktion nach Bischweiler verlegten. Von den dortigen Tuchfabrikanten war nach der Einverleibung Elsass-Lothringens ein Teil nach Frankreich ausgewandert. Die Fabriken standen still und viele Arbeiter waren brotlos, so dass die Lambrechter Fabrikanten dort für sie günstige Verhältnisse antrafen. Weber aus Bischweiler wurden auch nach Lambrecht geholt, um die Webstühle wieder in Gang zu bringen. Während der sieben Wochen, die der Streik insgesamt dauerte, fanden zahlreiche Versammlungen der Lambrechter Tuchweber statt, die teilweise auch von fremden Rednern geleitet wurden. So waren seinerzeit auch die späteren Reichstagsabgeordneten Frohme und Hartmann in Lambrecht.

Trotz massiver Drohungen der Arbeiter gegen die auswärtigen Streikbrecher, konnten die Arbeiterführer Hellmann, Schickendanz und Strauch die Ordnung aufrechterhalten. Trotzdem rückten am 6. Juli zwei Kompanien des 7. Infanterie-Regiments aus Landau nach Lambrecht ein, weil der in Lambrecht weilende Bezirksamtmann aus einer Rauferei zwischen Lambrechter und Bischweiler Jugendlichen bei einer Hochzeitsfeier und dem dann stattfindenden Brauche, dass die Hochzeit angeschossen wurde, fälschlicherweise schloss, der Aufstand sei nun gewaltsam ausgebrochen.

Am 11. Juli 1872, nach 7 Wochen, musste der Streik aber erfolglos abgebrochen werden. Viele Tuchweber konnten nur noch auswärts Arbeit finden. Am 20. Juli 1872 war dann auch die 2. Kompanie des 7. Infanterieregiments nach Landau zurückgekehrt. Die Arbeiter mussten wieder zu den früheren Lohnbedingungen arbeiten und erhielten von den Fabrikanten auch keine Vorauszahlungen mehr. Die Umstände des Arbeitskampfes trugen sicherlich dazu bei, dass sich trotz fortdauernder schlimmer Notlage der Bevölkerung erst wieder im Jahr 1890 eine erneute Lohnbewegung anbahnte.