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Talpost Lambrecht
Ausgabe 10/2026
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Der Metallerstreik in Neidenfels zur Jahreswende 1900/1901

Deckblatt Liste der streikenden Arbeiter. Insgesamt sind 169 Personen aufgeführt.

Im Jahre 1900 ereignete sich zum ersten Mal im Lambrechter Tal ein Arbeitskampf in einer anderen Branche. Am 1. November brach ein Streik bei der Neidenfelser Maschinenfabrik Hemmer aus. Bereits am 16. Oktober hatte die Firma per Aushang bekanntgegeben, das Geschäft „wegen schlechteren Geschäftsganges, vom nächsten Zahltage, das ist dem 30. Ifd. Monats ab der Lohn der Taglöhner um 5 Prozent und die Веzahlung der Akkordarbeit um 15 Prozent herabgesetzt werden müssten". Zweihundert Arbeiter hatten daraufhin zum 10. November gekündigt, erschienen aber schon am 1. November nicht mehr zur Arbeit. In der Folgezeit kam es immer wieder zu Ausschreitungen zwischen Streikenden und Streikbrechern. Der Lambrechter Bahnhof und die Zugänge zur Fabrik wurden ständig durch 20-30 Mann besetzt gehalten. Angesichts dieser Lage forderte der Bezirksamtmann eine Vergrößerung der Gendarmeriestation in Lambrecht von 6 auf 9 Mann. Am 27. November wurde dann die Station Lambrecht mit 6 Gendarmen verstärkt. Ende November hielt der Metallarbeiterverband eine Versammlung mit 250 Teilnehmern ab. Darin wurden die Gründe für den Streik nochmals erläutert und die Streikenden zur Disziplin gegenüber den Streikbrechern aufgerufen. Auf keinen Fall sollten Gewaltakte verübt werden. Der Bezirksamtmann des Bezirksamtes Neustadt, Junker, versuchte am 3. Dezember die Lage zu entschärfen, indem er die Firma Hemmer „zu einer gewissen Nachgiebigkeit gegenüber den Forderungen ihrer ausständigen Arbeiter zu bewegen versuchte. Diese lehnte jedoch mit Bezug auf einen angeblichen Aufsichtsratsbeschluss ab. Sie wolle unter keiner Bedingung auf eine Erhöhung der Arbeitslöhne eingehen, da erstens keine Aufträge vorlägen, also angeblich Arbeitsmangel herrsche, und zweitens durch die in den letzten Wochen eingestellten fremden Arbeiter nur noch etwa 50 der ausständigen Arbeiter wieder aufgenommen werden könnten. Der Bezirksamtmann erreichte aber die Zurückziehung einer 169 Namen enthaltenden sogenannten „schwarzen Liste".

Die Bedrohungen gegenüber den Streikbrechern nahmen aber kein Ende. Jetzt wurde ihnen sogar mit Knüppeln gedroht. Mittlerweile war die Gendarmeriestation auf insgesamt 20 Mann aufgestockt wurde. Die anreisenden fremden Arbeiter wurden durch Polizisten begleitet und geschützt. Mitte Dezember hatte die königliche Regierung der Pfalz die Zusammenziehung von etwa 40 Gendarmen in Lambrecht verfügt. Sie liefen „mit aufgepflanzten Bajonetten herum, als ob hier lauter Räuber und Diebe wohnten!“

Bis 22. Dezember war gegen 20 Streikende der Hemmer'schen Fabrik Strafanzeige erstattet worden. Anklagepunkte waren: Beleidigungen, Bedrohungen, Steinwürfe auf die Fabrik, Steinwürfe auf Arbeitswillige, Schläge ins Gesicht und dergleichen. Die Streikenden blieben jedoch von den verhängten Strafen wenig beeindruckt. Sie versuchten weiterhin massiv die Arbeitswilligen zu behindern.

Mitte Januar 1901 versuchten die Streikenden mit der Firmenleitung eine Vereinbarung abzuschließen. Sie forderten die sofortige Einstellung von 60 ehemaligen Arbeitern. Ferner sollte die Firma die fremden Arbeiter entlassen und den früheren Arbeitern, die sie nicht wieder einstelle, durch Zeugnis bescheinigen, dass die dieselben „ordnungsgemäß" ausgetreten seien. Dies lehnte die Firma jedoch ab.

„Am 28. Januar 1901, nach 12-wöchiger Dauer, ging der Streik zu Ende. In verschiedenen Zeitungen veröffentlichte die Direktion von Hemmer nachfolgende Erklärung zum Streikende: „Um allen Missdeutungen und Missverständnissen zu begegnen, teilen wir nachstehend in den Hauptzügen mit, unter welchen Abmachungen der Streik beigelegt wurde. Wir stellen 50 Mann, die wir bezeichneten, gegen deren entsprechenden Revers sofort ein und verpflichteten uns, von den noch übrigen Arbeitern nach Bedarf, und zwar aufzunehmen, ohne dabei in Bezug auf Zahl und Zeit irgendwie gebunden zu sein, dagegen fremde Leute vorläufig nicht mehr zuzuziehen. Die Akkordpreise wurden mit einigen wenigen Abweichungen nach oben und unten um 15 Prozent reduziert und die Tagelöhne zur beiderseitigen Zufriedenheit geregelt. Neidenfels den 30. Januar 1901, Gebrüder Hemmer Maschinenfabrik AG, die Direktion.“

Die Einigung zwischen den beiden Parteien sah folgendermaßen aus: „Der vereinbarte Akkordlohn enthält 950 Positionen, von denen gegenüber dem vor dem Ausstande geltenden Tarife 5 um 20 Prozent und die übrigen um 15 Prozent reduziert worden sind, mit Ausnahme zehn Positionen, die unverändert beschlossen wurden. Von einer Abminderung der früher geltenden Tagelohnsätze wurde abgesehen, Die Firma verpflichtet sich sofort 30 von ihr ausgewählte ausständige Arbeiter wieder einzustellen und vorerst keine fremden Arbeiter beizuziehen, während sie bezüglich der Zeit der Wiedereinstellung der übrigen ausständigen Arbeiter in keiner Weise gebunden ist. Da jedoch ein Teil der beigezogenen fremden Arbeiter in den letzten Tagen wieder ausgetreten ist, wurden bis jetzt schon 52 der ausständigen Arbeiter wieder eingestellt. Jeder wieder eintretende Arbeiter muss sich durch Unterschrift verpflichten, dass er sich gegenüber den fremden, sowie den nicht in Ausstand getretenen Arbeitern, anständig aufführt und dieselben in keiner Weise belästigt, widrigenfalls er ohne weiteres entlassen werden kann.“

Durch die dann folgende Misswirtschaft der Inhaber und der Meister der Maschinenfabrik Hemmer kam es im Jahre 1903 schließlich zum Konkurs des Betriebes. Etwa 400 Arbeiter standen damals brotlos auf der Straße. Die meisten verließen mit ihrer Familie das Tal und suchten sich in anderen Städten Arbeit. Da die Maschinenfabrik Hemmer die höchsten Löhne im Tal bezahlte, brachte dieser Konkurs einen bedeutenden finanziellen Rückschlag. (Werner Dietrich)