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Talpost Lambrecht
Ausgabe 11/2026
Stadt Lambrecht (Pfalz)
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Der 3. Streik der Lambrechter Textilarbeiter

In der heutigen Ausgabe der Talpost veröffentlichen wir den dritten Teil des Vortrags von Dr. Werner Dietrich zu den Anfängen der Arbeiterbewegung im Lambrechter Tal. Der 4. und letzte Teil erscheint in der nächsten Ausgabe.

Im Oktober 1889 schlossen sich etwa 40-50 Weber zusammen und gründeten den „Fachverein der Weber“. Dieser konnte sich aber erst am 1. Oktober 1891 dem neu entstandenen „Zentralverband aller in der Textilindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen“ angliedern.

Im Jahre 1890 kam es erneut zu einem Streik. Der Fachverein hatte seine erste Probe zu bestehen. Er fasste die Forderungen zusammen und leitete den Ausstand. Diesmal wollten die Arbeiter jedoch nicht die gleichen Fehler wie 1872 begehen. Schon wochenlang vorher kauften sie deshalb ihre Waren auf Kredit, um im Eventualfall flüssig zu sein.

Der Textilarbeiterfachverein brachte die Forderungen zunächst nur bei der Firma Botzong ein. Er verfasste am 17. Februar 1890 eine von den Beschäftigten bei Botzong unterschriebene Eingabe, die eine Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit forderte, da Lebensmittel- und Wohnungspreise fortwährend steigen würden. Sollten ihre Forderungen binnen 14 Tagen nicht erfüllt werden, würden sie in den Ausstand treten und über die Fabrik die Sperre verhängen.

Am 22. Februar maßregelten sämtliche Lambrechter Fabrikanten per Plakatanschlag ihre Arbeiter : „Die unterzeichneten Tuchfabrikanten von Lambrecht sind durch das Vorgehen einer Anzahl bei Hartmann Botzong beschäftigten Arbeiter genöthigt, hiermit sämtlichen Arbeitern in allen Lambrechter Tuchfabriken auf 14 Tage zu kündigen, und es werden am Samstag, den 8. März 1890, Abends 8.00 Uhr sämtliche Fabriken geschlossen. Diese Mittheilung ist als gesetzliche Kündigung anzusehen. Für den Fall die 20 Arbeiter, welche die H. Botzong’sche Fabrik unter Sperre gelegt haben, ihre geforderte 40 bis 50 procentige Lohnerhöhung und ihre Drohung der Sperre schriftlich bei Hartmann Botzong zurückziehen, so wird von Seiten der Fabrikanten gegenwärtige Kündigung am gleichen Tage zurückgezogen. Die Fabrikanten der Textilindustrie in Lambrecht bezahlen die höchsten Löhne, welche in gleichartigen Textilindustrieplätzen in Deutschland bezahlt werden, und sehen sich deshalb und auch wegen der höchst ungünstigen Geschäftslage außer Stande, eine Änderung der Arbeitslöhne vorerst eintreten zu lassen. Unterschrieben sind sämmtliche Fabrikanten.“

Daraufhin fand am 23. Februar (sonntags) um 1/2 3 Uhr eine Generalversammlung der Textilarbeiter statt, in welcher der Vorsitzende des Fachvereins Karl C. Schlosser die anwesenden Arbeiter der Botzongschen Fabrik fragte, ob sie ihre Forderungen zurücknehmen wollen, worauf diese einstimmig für die Beibehaltung ihrer Forderungen votierten. Ferner erklärten sie, am 1. März die Arbeit niederzulegen und verabschiedeten nachfolgende Resolution: „Die heute im Saale des Herrn Neu abgehaltene Versammlung der Textilarbeiter Lambrechts erklärt sich mit den Arbeitern von H. Botzong solidarisch, verspricht, dieselben solange zu unterstützen, bis ihre Forderungen bewilligt sind, und lassen den Drohungen der Herren Fabrikanten freien Lauf.“

Am 24. Februar 1890 präzisierte der Vorsitzende des Fachvereins, Karl Schlosser, in Anwesenheit des damaligen Bürgermeisters Bofinger auf dem Bezirksamt in Neustadt die Forderungen des Fachvereins.

Die Arbeiter strebten vor allem eine Reduzierung der täglichen Arbeitszeit an, wobei in diesem Punkte die Arbeitgeber eine Nachgiebigkeit in Aussicht gestellt hatten. Ferner wurde eine Bezahlung der Zeit für Arbeitsvorbereitungen, also das Herrichten der Stühle, gefordert. „Ebenso wird gefordert, dass der Arbeiter während der durch Reparaturen an der Maschine in Anspruch genommenen Zeit nicht völlig ohne Arbeit und Brot von seinem Arbeitgeber gelassen“ würde. Am 25. Februar präzisierte der Fachverein nochmals seine Forderungen und teilte diese schriftlich dem Bürgermeisteramte mit. Beachtenswert ist, dass die Fabrikanten öffentlich von einer 40- bis 50-prozentigen Lohnforderung der Arbeiter sprachen, obwohl diese zunächst nicht präzisiert war und erst in oben genanntem Schreiben konkrete Formen annahm.

Im „Südwestdeutschen Volksblatt“ präzisierten die Lambrechter Textilarbeiter nochmals ihre Forderungen und schilderten die Vorgänge in Lambrecht. Der Artikel endet mit nachfolgendem Aufruf: „Textilarbeiter Deutschlands! Unser Interesse und Ehre erheischt es, dass wir uns diesem Ansinnen nicht fügen können. Wir haben uns lange genug darüber besonnen, wie wir unsere Lage etwas verbessern können, denn die hiesigen Verhältnisse zählen zu den ungünstigsten in ganz Deutschland, da sämtliche Lebensmittel- und Wohnungspreise zu den höchsten gehören. Wir werden uns daher auf das Äußerste gefaßt machen, deshalb haltet vor allem den Zuzug fern und unterstützt uns mit allen Euch zu Gebote stehenden Mitteln, was wir ja bisher auch gethan und noch ferner thun werden. Briefe, Sendungen u.s.w. sind zu richten an den Textilarbeiterfachverein Karl Schlosser, Wirth in Lambrecht.“

In einem Schreiben der Tuchfabrikanten an das Bürgermeisteramt Lambrecht versuchten diese die Forderungen der Arbeiter mit entsprechendem Zahlenmaterial zu entkräften.

In einer am 2. März abgehaltenen Versammlung der Textilarbeiter wurde beschlossen, an den Forderungen festzuhalten. Sollten die Fabrikanten nicht nachgeben, würde am 5. März über die Botzong’sche und am 8. März über sämtliche Fabriken die Sperre verhängt. Aufgrund dieser Entwicklung verlangte das Bezirksamt in Neustadt von der Regierung der Pfalz in Speyer eine Verstärkung der Polizeistation in Lambrecht von 2 auf 6 Mann.”

Die Arbeitgeber bewilligten eine Lohnerhöhung von 10 bis 20 Prozent in allen Betrieben, lehnten aber eine Verkürzung der Arbeitszeit kategorisch ab, was die Arbeiter dazu bewegte, weiter an ihren Forderungen festzuhalten. Eine Verkürzung der Arbeitszeit scheint für den Fachverein auch die primäre Forderung gewesen zu sein. Bemerkenswert ist, dass der damalige Bürgermeister Bofinger in seinem Bericht an das Bezirksamt Neustadt schrieb, er sei „nämlich der Ansicht, daß die Kürzung der Arbeitszeit in obigem Sinne (von 6 Uhr morgens bis 7 Uhr abends mit 2 Stunden Pausen insgesamt) eine berechtigte Forderung der Arbeiter sei“.

Die Sperre über die Botzong’sche Fabrik wurde schließlich verhängt.

Am 8. März erfolgte dann die angekündigte Aussperrung sämtlicher Lambrechter Arbeiter. Am gleichen Tage erließ der Verein der Tuchfabrikanten nachfolgende Bekanntmachung: „Die über die H. Botzong’sche Fabrik verhängte Sperre wurde nicht aufgehoben, eine große Anzahl Arbeiter der anderen Fabriken hat sich mit diesem Zwangsverfahren solidarisch erklärt und es werden deshalb die Tuchfabriken in Lambrecht gemäß der Kündigung vom 22. Februar heute geschlossen. Dem Fabrikantenverein sind auswärts 300 Webstühle zur Benutzung angeboten, ebenso im reichlichen Maße Spinnerei und Appretur. Die Fabrikanten machen es gerade so, wie die Arbeiter, welche abgereist sind: beide arbeiten auswärts und Lambrecht hat den Schaden. Zur Abwendung dieses Schadens machen die Fabrikanten noch einen letzten Versuch. Die friedlich gesinnten Arbeiter wollen sich bis längstens Dienstag Abend bei ihren bisherigen Arbeitgebern melden. Der Fabrikantenverein wird am Mittwoch beschließen, ob und wann alle Fabriken wieder in Betrieb gesetzt werden können, vielleicht ist es bei dem schlechten Geschäftsgang möglich, mit der Hälfte der Arbeiter wieder anzufangen. Melden sich zu wenig Arbeiter, so sind die Fabrikanten außer Stande für die Aufrechterhaltung des Betriebes noch etwas zu thun. Es wird noch bemerkt, daß die Arbeitszeit von 6-7 Uhr zur allgemeinen Einführung gelangt, und daß die Fabrikanten bereit sind bei Lohnsteigerungen in den deutschen Tuchindustriebezirken auch hier in Lambrecht eine dem Durchschnitte entsprechende Lohnerhöhung eintreten zu lassen. Lambrecht, 8. März 1890. Die Mitglieder des Fabrikantenvereins: (gez.) J. Sauerbrunn, Daniel Hans, J. J. Marx, Hartm. Botzong, Gebr. Mattil, Gebr. Haas, F. Waltzinger Söhne, L. & P. Strauch, Georg Botzong, C. Oehlert &. Cie.“

Am 9. März sprachen sich die Textilarbeiter für eine Fortführung des Streiks aus, bis eine 20-prozentige Lohnerhöhung bewilligt sei. In dieser Versammlung wurde auch ein Brief eines Kollegen aus Aachen verlesen, der folgenden Passus beinhaltete: „Gestern Abend war Hartmann Botzong (der Chef der Firma, über die unsererseits die Sperre verhängt wurde) hier, und hat fertig gebracht, daß die Aachener Tuchfabrikanten sich gegenseitig verpflichteten, bei 100 Mark Strafe keinen Lambrechter Weber in Arbeit zu nehmen“.

Ein auf den 11. März angelegter Einigungstermin blieb ohne Erfolg. Trotz der Angebote der Arbeitgeber, - jetzt auch unter Einschluß einer Arbeitszeitverkürzung von 1 Stunde - blieben die Textilarbeiter in ihren Forderungen hart.

Im großen Saale der Bierbrauerei Neu fanden die Auszahlungen der streikenden Arbeiter statt. Die Gelder kamen aus ganz Deutschland zusammen. Jeder Arbeiter erhielt 5 Mark Wochengeld. Brot und Kartoffeln wurden ebenfalls ausgegeben. Laut einem Bericht der „Neustadter Zeitung“ hatten die streikenden Arbeiter beim ‚,Arbeiterbildungsverein“ ein Darlehen von 600 Mark aufgenommen, um Hjlfsgelder auszuzahlen. Das Darlehen sollte dann durch die eingehenden Unterstützungsgelder zurückgezahlt werden. Es seien aber nicht alle Mitglieder des Arbeiterbildungsvereins mit dieser Kapitalanlage einverstanden gewesen, obwohl es dem Ausschuß nach § 13 der Statuten zustehe, über das Vereinsvermögen zu verfügen: „Das Vereinsvermögen ist dem jeweiligen Ausschüsse zur sorglichen Verwaltung übergeben“.

Dem Autor des Artikels mißfiel sehr die Unterstützung der streikenden durch diesen Verein, zumal dieser eindeutig seine Ziele nicht verfolgen würde. Er zitiert § 1 der Statuten: „Zweck des Vereins ist: Gesellschaftliche Hebung und geistige Bildung des Arbeiters durch Unterricht in nothwendigen und nützlichen Kenntnissen, belehrende Vorträge, gewerbliche, gesellschaftliche, geschichtliche und schöne Literatur, durch Pflege des Gesanges und gesellige Unterhaltung u.s.w.“

In einer Versammlung des Fachvereins am 23. März wurde beschlossen, „daß die Kinder, die bisher die Arbeit fortgesetzt hatten, von ihren Eltern zurückgehalten werden sollten.“

Um die Produktion aufrechtzuerhalten, wurden auch dieses Mal auswärtige Weber beschäftigt. Die ersten trafen am 4. April in Lambrecht ein. Am 7. April waren bereits über 40 auswärtige Weber in Lambrecht. Dies heizte die Stimmung unter den Arbeitern erheblich an. Bei jedem ankommenden Personenzug stand eine Abordnung der Arbeiter am Bahnhof und versuchte die Anreisenden zur Umkehr zu überreden, jedoch ohne Erfolg. Am Karfreitag war eine größere Delegation auch am Neustadter Bahnhof, wo sie 20 Weber erwartete. Verstärkt durch Neustadter Anhänger verursachten die streikenden einen Auflauf.

Die anreisenden fremden Weber kamen in der Mehrzahl aus Thüringen und hatten ein Durchschnittsalter von 20 Jahren. Die Streikbrecher standen bei den Fabrikanten in Kost und Logis. Die Gendarmeriestation in Lambrecht wurde‚ um Ruhestörungen vorzubeugen, auf 6 Mann erweitert. Ferner wurden Vereinbarungen getroffen, „daß im Falle eines Krawalls die bewaffnete Macht in wenigen Stunden am Platze ist“. Die Zahl der fremden Arbeiter war bis 13. April auf 100 gestiegen. Die eingehenden Unterstützungen an den Fachverein reichten offenbar immer weniger aus, die Streikenden auszuzahlen. Sie stellten deshalb an die Stadt Lambrecht den Antrag, „ihnen die Umrodung des bis jetzt noch nicht benutzten Theiles des protestantischen Friedhofes zu übertragen“. Dies wurde vom Stadtrat mit 10 gegen 8 Stimmen abgelehnt.

Ende April 1890 schien sich ein Ende des Streiks anzubahnen. Sechs Tuchfabrikanten und acht Arbeiter — größtenteils Mitglieder des Fachvereinsausschusses — kamen zu nachfolgender Vereinbarung: „Auf amtlichem Wege werden in den Fabrikstätten Cottbus, Luckenwalde, Schwiebus, Sprernberg und Forst i./L., vielleicht auch Finsterwalde, welche ungefähr dieselben Waaren fabricieren wie Lambrecht, Erhebungen über die dortigen Weberlöhne gepflogen und nach Einigung derselben in gemeinsamer Sitzung Vergleichungen mit den hiesigen Löhnen angestellt. Zeigen sich dieselben höher, wie dahier, so werden sie für hier zugestanden, zeigen sie sich niedriger, so wird trotzdem der von den Fabrikanten dahier bereits aufgestellte gemeinschaftliche Tarif, welcher eine namhafte Lohnerhöhung gegen früher bietet, beibehalten.“ Die Fabrikanten nahmen den Vorschlag rückhaltlos an, dagegen wollten die Arbeitervertreter erst die Abstimmung einer Generalversammlung abwarten. Die Fabrikanten äußerten sich auch dahingehend, daß sie den Eintritt in ihre Fabriken nicht mehr vom Austritt der Arbeiter aus dem Fachverband abhängig machen würden. Fraglich war zu diesem Zeitpunkt, was mit den über einhundert von auswärts herbeigezogenen Arbeitern geschehen würde.

Bei dem nun 7½ Wochen dauernden Streik waren den Arbeitern schätzungsweise etwa 35 000 bis 40 000 Mark an Lohn entgangen. Wie sehr der Zuzug fremder Arbeiter nach Lambrecht den streikenden zu schaffen machte, verdeutlicht nachfolgender Aufruf im „Südwestdeutschen Volksblatt“: „Freunde und Genossen allerwärts! Der ungeheure Zuzug erschwert uns, den Lambrechter Textilarbeitern, den Kampf ungemein. Wir treten nun schon in die siebente Woche dieser unheilvollen Bewegung. Wir glauben euch nicht erst aufmerksam machen zu brauchen auf die Folgen eines verlorenen Streikes, und wir sind, um einen solchen zu verhüten, genöthigt, an euch alle zu appellieren, damit ihr uns die möglichste Unterstützung angedeihen lasset. Wo es irgendwo sich machen läßt, bewege man Eltern und Verwandten dieser Zugezogenen, der Streikbrecher, einen Versuch zu machen, ob die Lohnverderber, richtiger Piraten ‚ nicht wieder von hier abziehen wollen. Wir hatten zu Anfang unserer Aussperrung einen Lohntarif aufgestellt, der eine Erhöhung von 20 Procent bedeutete, sowie eine Verminderung der Arbeitszeit von 6 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends. Die seitherige Arbeitszeit begann schon früh 5 Uhr. Nun wurde von den Fabrikanten geltend gemacht (und der ganze Cartellpreßapparat hat es in die Welt geschleudert), wir verlangten eine Lohnerhöhung von 50 Procent. Dem gegenüber nahmen wir eine andere Stellung ein und ermäßigten unsere Forderung so weit, daß die Löhne bei der Firma J. J. Marx seither verhältnismäßig höher waren, als unser jetziges Verlangen. Nun macht unsere protzenhafte Bourgeoisie uns die Auflage, daß jeder, der die Arbeit wieder aufnehmen wolle, der Arbeiterorganisation den Rücken kehren müßte. Also, Parteigenossen und Collegen, helft uns in jeder Beziehung, thut euer Möglichstes, daß die Streikbrecher aus Thüringen und Württemberg wieder zurückkehren, der Sieg würde unser werden, wenn auch nur gering, und die Lambrechter Arbeiterschaft wird allen Helfern die größte Dankbarkeit erzeigen. Ueberhaupt liegt es im Interesse der Arbeiterschaft, solchen Zumuthungen entgegenzuarbeiten. Mit Gruß und Handschlag: die ausgesperrten Arbeiter Lambrechts.“

Die Abstimmung in der bereits erwähnten Generalversammlung des Fachvereins der Textilarbeiter ergab folgendes Ergebnis: 105 sprachen sich für die Beendigung des Streiks und 5 für eine Fortsetzung des Streiks aus.” Folgende Bedingungen wurden an eine Wiederaufnahme der Arbeit gestellt: „1. Jeder Arbeiter tritt wieder in seine frühere Stelle ein;

2. Kein Arbeiter, besonders keiner der Vorstände des Fachvereins, darf gemaßregelt werden; 3. Für allmähliche Entlassung der fremden Arbeiter ist Sorge zu tragen; 4. Von den Fabrikstätten, bei welchen auf amtlichem Wege Lohnerhebungen gemacht werden sollen, ist Schwiebus auszunehmen.“ Dagegen beschlossen die Fabrikanten, daß auch in Schwiebus Erhebungen zu machen sind, Maßregelungen nicht beabsichtigt sind und auch nicht stattfinden werden und „da zur Wiederaufnahme der Arbeit noch verschiedene Vorbereitungen getroffen (...) werden müssen“, die Arbeiter je nach Bedarf nach und nach einberufen werden.“ Die Bedingungen des Fabrikantenvereins wurden schließlich vom Textilarbeiterfachverein anerkannt. Am 28. April 1890 ging der Streik zu Ende. Tags darauf wurde nach 9 Wochen Streik wieder gearbeitet. 500 von 700 Arbeitern hatten gestreikt. Die Arbeitgeber erkannten den Textilarbeiterfachverein als Verhandlungspartner an; die Löhne wurden um geringe Beträge erhöht, die Arbeitszeit auf 11 Stunden gesenkt. Viele Familien waren infolge des Streiks aber hoch verschuldet, die Führer des Streiks zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt, andere wanderten nach Amerika aus, um der drohenden Strafe zu entgehen.

Mehr als 15 Monate nach diesem Streik verfaßte der Lambrechter Bürgermeister Bofinger eine fünfzehnseitige Schrift zur Lohnbewegung in Lambrecht‚ die er an das königliche Bezirksamt in Neustadt schickte. Darin analysiert er die Ursachen des Streiks und erkennt klar, daß deren Wurzeln bis in die 1830er Jahre zurückgehen, als sich das Verhalten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch den Übergang vom Handwerk zur Fabrikation allmählich löste. Vorher wurde der Arbeiter als ein Teil des Geschäftes und der Familie betrachtet und behandelt. Nach Einführung der Maschinen schrumpfte immer mehr die Zahl derjenigen, die mit der neuen Zeit Schritt halten konnten. Die Bevölkerung spaltete sich zunehmends. Die Zahl derjenigen, die erkannten, daß sie zeitlebends Arbeiter bleiben würden, nahm ständig zu. „Die zu Fabrikanten gewordenen Tuchmacher betrachteten und behandelten allmählich ihre Arbeiter nur als Mittel zum Gelderwerb, und diese blickten mit immer größer werdendem Mißtrauen und Neid auf den stetig zunehmenden Wohlstand ihrer früher Gleichgestellten. (...) Bei dem Verkehre mit den Arbeitern wurde vielfach ein schroffer, geringschätziger Ton angeschlagen“ und bei den Hungerlöhnen, die die Fabrikanten zahlten, mußten deren Arbeiter von morgens 5 bis abends 9 Uhr oder 10 Uhr arbeiten. Daß die Arbeiter zu jener Zeit noch ihr Dasein fristen konnten, hatte nur darin seinen Grund, daß Landwirtschaft und Viehzucht betrieben wurde und den größten Teil des Lebensunterhalts lieferten. Bofinger betonte in seinem Schreiben, daß wiederholte Bitten um eine bessere Entlohnung immer unbeachtet blieben. So kam es dann 1859 erstmals zum Streik. Seit jener Zeit hatten sich die Verhältnisse zwischen den Parteien zunehmend verschlechtert. Die Einführung neuer Maschinen machte den Arbeiter immer entbehrlicher, vor allem was seine Intelligenz und handwerkliche Fähigkeit betraf. Damit ging ein Rückgang der Löhne, bei einer gleichzeitigen Steigerung der Lebensmittelpreise, einher. Die Auseinandersetzungen von 1872 und 1890 hatten am Verhältnis zwischen den Parteien nichts geändert.“

1896 wurden durch Verhandlungen die Löhne unerheblich erhöht. Im Jahre 1900 konnte eine Lohnbewegung ohne Streik beendet werden, da man sich auf eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 10 ½ Stunden, bei gleichbleibenden Löhnen, einigte. Außerdem wurde ein für alle Fabriken verbindlicher Tarif aufgestellt.