Lambrecht. (Werner Dietrich) Der 1. Mai in Deutschland hat eine ungewöhnlich vielschichtige Entwicklung durchlaufen, weil er von sehr unterschiedlichen politischen Systemen jeweils umgedeutet und instrumentalisiert wurde. Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich der Tag als internationaler Kampftag der Arbeiterbewegung, getragen vor allem von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und von Gewerkschaften. Forderungen wie der Achtstundentag, bessere Arbeitsbedingungen und politische Mitbestimmung standen im Mittelpunkt; der Staat reagierte in vielen Fällen mit Verboten und Repressionen. Ein markanter Einschnitt erfolgte 1919, als die junge Republik den 1. Mai einmalig zum Feiertag erklärte — eine dauerhafte Durchsetzung stand zunächst noch aus, doch die symbolische Bedeutung des Tages als Ausdruck sozialer Bewegung war etabliert.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann eine entscheidende Sonderentwicklung. Adolf Hitler erklärte den 1. Mai zum „Tag der nationalen Arbeit“ und machte ihn zum gesetzlichen Feiertag mit dem Ziel, die Arbeiter symbolisch in das Regime einzubinden und zugleich unabhängige Arbeiterorganisationen politisch zu entmachten. Bereits am 2. Mai 1933 wurden die freien Gewerkschaften zerschlagen, Funktionäre verhaftet und gewerkschaftliche Strukturen aufgelöst; an ihre Stelle trat die staatlich gelenkte Deutsche Arbeitsfront. Der 1. Mai blieb formal bestehen, verlor aber seinen ursprünglichen Charakter als Kampf- und Protesttag und diente fortan primär propagandistischen Inszenierungen.
Nach 1945 entwickelten sich in Ost- und Westdeutschland unterschiedliche Lesarten. In der Bundesrepublik wurde der 1. Mai wieder stärker als „Tag der Arbeit“ im demokratischen Sinn verankert. Gewerkschaften, insbesondere der Deutsche Gewerkschaftsbund, nutzen den Tag für Kundgebungen mit Fokus auf soziale Marktwirtschaft, Mitbestimmung und Arbeitnehmerrechte. In der DDR hingegen wurde der 1. Mai erneut stark staatlich inszeniert: große Paraden, häufig verpflichtende Teilnahme und die Demonstration der Einheit von Partei und Volk prägten das Bild; Träger solcher Veranstaltungen war unter anderem der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund.
Seit der Wiedervereinigung 1990 existieren mehrere parallele Bedeutungen nebeneinander: Der 1. Mai ist offizieller Feiertag und Bühne für klassische Gewerkschaftskundgebungen, gleichzeitig ist er ein Konfliktfeld, an dem linke Demonstrationen und teils gewaltsame Auseinandersetzungen stattfinden und an dem auch rechtsextreme Gruppen versuchen, den Tag umzudeuten. Die besondere Entwicklung des 1. Mai in Deutschland liegt darin, dass er vom Arbeiterkampftag über den NS-Propagandatag und das geteilte Symbol in Ost und West bis hin zum pluralen politischen Aktionstag geführt wurde — kaum ein anderes Land hat diesen Tag über so unterschiedliche Regime hinweg jeweils neu geformt.