Foto: Archiv Talpost
Lambrecht. (Werner Dietrich) Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zwar zunächst einen Aufschwung, doch bald zeichnete sich das Ende der Lambrechter — und insgesamt der deutschen — Tuchmacherei ab. Der Abschwung der deutschen Textilindustrie, einst die größte Konsumgüterbranche des Landes, traf Lambrecht besonders hart. Im Frühjahr 1966 stellte die Firma F. & L. Haas, die damals noch 135 Beschäftigte hatte, als letzte Tuchfabrik die Produktion ein. Im Jahre 1910 gab es in Lambrecht sieben Tuchfabriken mit 280 mechanischen Webstühlen und 800 Beschäftigten. So berichtete die „Talpost” am 14. April 1966: „F. & L. Haas stellt mit Auslaufen der Wintersaison 1966/67 die Produktion ein!“ Das Schicksal Lambrechts als einst blühende Tuchmacherstadt schien damit endgültig besiegelt.
Was lange nur Gerücht war, wurde traurige Gewissheit: Nachdem F. & L. Haas sich als letzte Lambrechter Tuchfabrik noch mit aller Kraft gehalten hatte, sah das Unternehmen keine Möglichkeit mehr, als Volltuchfabrik weiter zu bestehen. Gemeinsam mit dem Arbeitsamt wurde versucht, den 135 Mitarbeitern neue Arbeitsplätze zu vermitteln. Die Betriebsgebäude wurden an die Nachbarfirma Heinrich Häussling verkauft. Die Juniorchefs Kurt Haas und Oskar Frisch informierten die Belegschaft in einer Betriebsversammlung; es sprach auch Betriebsratsvorsitzender Karl Küchel. Viele der Mitarbeiter hatten ein Leben lang, oft über Generationen, in dem Betrieb gearbeitet und waren ihrem Arbeitgeber treu verbunden — wie es in den Betrieben des Tals häufig der Fall gewesen war.
In der Tuchindustrie setzte sich unter dem Zwang zu rationalisieren ein Trend vom lohnintensiven zum kapitalintensiven Unternehmen durch. Trotz größter Anstrengungen war es F. & L. Haas in den letzten Jahren nicht gelungen, die für diesen Umbruch notwendigen Investitionen zu erwirtschaften. Auch für die Zukunft sahen die Firmenchefs aufgrund der angespannten Marktlage keine Chance mehr, rentabel weiter zu produzieren. Ein Zusammenschluss mit anderen Firmen kam nicht zustande, zumal F. & L. Haas die letzte Volltuchfabrik in Rheinland-Pfalz war.
Das Unternehmen, das kurz nach dem Ersten Weltkrieg aus der kleinen Tuchfabrik A. H. Fuchs hervorgegangen war und von den Brüdern Friedrich und Ludwig Haas mit großem Elan zu einem bedeutenden Betrieb ausgebaut worden war, stand lange würdig neben den anderen Lambrechter Tuchfabriken. Sein Ende bedeutete für die Stadt Lambrecht einen schmerzlichen wirtschaftlichen Verlust — und einen nicht minder empfindlichen Prestigeverlust. Was vor Jahrhunderten die Wallonen begonnen hatten, als sie die weithin geschätzte und bewunderte Tuchmacherkunst nach Lambrecht brachten, war damit zu Ende. Das bedeutendste Kapitel in Lambrechts Geschichte war abgeschlossen. Die Tuchmacherei war ehrenvoll untergegangen.
Das Foto (Quelle: Talpost) zeigt den Beginn der Beerentalstrasse. Das Gebäude links steht heute noch. Auf der rechten Seite befand sich u.a. die Firma Häussling, später Perstorp bzw. Auria.