Manche Geschichten gehören zur Heimat – auch wenn sie keine sind, auf die man stolz ist.
Vor rund 20 Jahren brachte Regisseur Peter Fleischmann mit Mein Freund, der Mörder die Geschichte des „Al Capone von der Pfalz“ erneut auf die Leinwand und rückte Bernhard Kimmel noch einmal ins öffentliche Bewusstsein. Heute ist die Figur für viele Jüngere kaum noch bekannt – dabei spielte sich einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit direkt vor den Toren Lambrechts und im Pfälzerwald ab. Ein Blick zurück auf ein Kapitel Heimatgeschichte, das bis heute zwischen Legendenbildung, medialer Inszenierung und historischer Wirklichkeit steht.
Der Name Bernhard Kimmel löst in der Pfalz bis heute unterschiedliche Reaktionen aus. Für die einen war er ein skrupelloser Straftäter, für andere eine schillernde Figur, die in Erzählungen beinahe Züge eines modernen Räubers annahm. Die Boulevardpresse machte aus ihm den „Al Capone von der Pfalz“ – ein Titel, den Kimmel selbst später durchaus mittrug. Doch jenseits aller Mythen bleibt seine Geschichte vor allem eines: die Geschichte eines Mannes, dessen Weg früh in Kriminalität und Gewalt führte.
Geboren wurde Bernhard Kimmel am 21. Mai 1936 im schweizerischen Liestal. Sein Vater stammte aus Lambrecht, seine Mutter aus der Schweiz. Nach der Trennung der Eltern kehrte der Vater mit dem Sohn in die Pfalz zurück. Kimmel wuchs in Lambrecht auf, besuchte die Volksschule und lernte den Beruf des Tuchwebers – damals noch ein prägender Industriezweig der Region. Doch schon als Jugendlicher geriet er mit dem Gesetz in Konflikt.
Ab 1957 begann die Zeit, die seinen Namen dauerhaft mit der Pfalz verbinden sollte. Gemeinsam mit mehreren jungen Männern bildete Kimmel die später sogenannte „Kimmel-Bande“. Die Gruppe zog über Jahre durch den Pfälzerwald und die umliegenden Orte. Anfangs standen Sachbeschädigungen und kleinere Delikte im Mittelpunkt, bald folgten Brandstiftungen, Einbrüche und bewaffnete Überfälle. Insgesamt wurden der Bande später 187 Straftaten zugerechnet.
Die Gegend rund um Lambrecht und besonders die Totenkopfstraße wurde zum Schauplatz dieser Serie. Einer der ersten Einbrüche richtete sich 1957 gegen die AOK-Dienststelle in Lambrecht. Später folgten Einbrüche in Banken und Geschäfte. Besonders spektakulär war der Coup im Neustadter Kaufhaus Weickert im März 1960: Dort gelang es der Bande, mehr als 40.000 D-Mark aus einem Tresor zu entwenden – damals ein Vermögen.
Was zunächst fast wie die Geschichte einer übermütigen Jugendbande wirken könnte, bekam jedoch eine tragische und endgültige Wendung.
In der Neujahrsnacht 1960 auf 1961 zog die Gruppe durch den winterlichen Pfälzerwald. Nach Ausschreitungen an der Totenkopfhütte erreichte sie die Hellerhütte. Dort erschoss das Bandenmitglied Lutz Cetto den Hüttenwart Karl Wertz aus Haßloch. Hintergrund war die Befürchtung, erkannt und später identifiziert zu werden. Wertz starb noch in derselben Nacht. Der Fall erschütterte die Region tief – und veränderte die öffentliche Wahrnehmung der Bande schlagartig. Aus einer Serie spektakulärer Straftaten war endgültig ein Gewaltverbrechen geworden. Noch heute erinnert ein Ritterstein an der Hellerhütte an das Opfer.
Es folgte eine Großfahndung, wie sie die Region bis dahin kaum erlebt hatte. Mehr als tausend Polizeikräfte suchten nach Kimmel und seiner Lebensgefährtin Mathilde Dohn. Das Lambrechter Schulhaus diente zeitweise als Einsatzzentrale – für die Schülerinnen und Schüler bedeutete das damals sogar einige Tage schulfrei. Kimmel entzog sich zunächst der Festnahme und konnte später sogar während eines Ortstermins im Wald kurzzeitig fliehen. Erst nach wenigen Tagen stellte sich das Paar erneut den Behörden.
In den folgenden Prozessen wurde Kimmel wegen zahlreicher Einbrüche und seiner Rolle als Kopf der Bande zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Den Mord an Karl Wertz hatte zwar nicht er selbst begangen, doch seine Stellung innerhalb der Gruppe prägte sein öffentliches Bild nachhaltig. Nach etwas mehr als neun Jahren Haft wurde Kimmel 1970 entlassen.
Damit war seine Geschichte allerdings nicht beendet. 1981 wurde Kimmel erneut straffällig. Bei einem versuchten Bankeinbruch in Bensheim kam es zu einer Schießerei mit Polizeibeamten. Ein Beamter starb, ein weiterer wurde schwer verletzt. Kimmel wurde wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt und verbrachte insgesamt mehr als 31 Jahre seines Lebens im Gefängnis, bevor er 2003 vorzeitig entlassen wurde.
In den Jahren danach blieb die öffentliche Aufmerksamkeit bestehen. Dokumentationen, Theaterstücke und Filme beschäftigten sich mit seinem Leben. Kimmel selbst trat immer wieder öffentlich auf und zeichnete das Bild eines Mannes, der sich als Produkt seiner Umstände verstand. Diese Selbstdarstellung trug dazu bei, dass aus dem Straftäter in Teilen der Öffentlichkeit eine Art regionale Legendenfigur wurde – ein Bild, das mit den tatsächlichen Folgen seiner Taten nicht immer Schritt hielt.
Bernhard Kimmel starb am 6. Dezember 2019 in Landau im Alter von 83 Jahren. Text und Zeichnung: LW