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Talpost Lambrecht
Ausgabe 28/2026
Stadt Lambrecht (Pfalz)
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„Domols uff de Brick“ - der Kiosk

„Seneca, der große altrömische Philosoph, dem wir eine Fülle tiefer Lebensweisheiten verdanken, beschreibt dıe Vergangenheit des Menschen in Abgrenzung zur flüchtigen, da nur in kurzen Momenten erfahrbaren Gegenwart und zur völlig ungewissen Zukunft —als persönliches Paradies („sacra ac dedicata“, d. h. heilig und geweiht), aus dem uns niemand vertreiben kann. Ungestört ist seinen Worten zufolge ihr Besitz. Jederzeit steht sie uns zwecks erbaulicher Betrachtung und Erinnerung zur Verfügung. So möchte ich nun, die Einsicht des alten Weisen beherzigend, eine längst vergangene Episode in Erinnerung rufen und unter Benutzung eines neudeutschen Begriffs ein kleines „Zeitfenster“aufstoßen, ein Fenster, dessen Läden die Aufschrift „1957“ tragen. Damals besuchte ich die 2. Klasse der ehemaligen Lambrechter Volksschule, gelegen an der FriedrichEbert-Brücke (der so genannten „Brick“). Wir wohnten bei meinen Großeltern im Eckhaus Kirch-/Klostergartenstraße, waren also „Bricken“-Anrainer. Nach verschiedenen Berichten zeitgenössischer Gewährsleute, die als absolut zuverlässig zu gelten haben, muss ich ein ziemlicher Rabauke gewesen sein. Sämtliche mir nachgesagten Verfehlungen aufzulisten will ich mit an dieser Stelle ersparen. Dazu nur soviel: Mit braven und zurückhaltenden Gleichaltrigen konnte ich nicht viel anfangen. Viel lieber hielt ich mich an Gleichgesinnte, unter denen mein Klassenkamerad J. L. (genannt „Linker“) mein bester Kumpel war. Ob er allerdings an der nachfolgend geschilderten Missetat mitwirkte, kann ich nicht mehr mit Sicherheit angeben. Ich neige eher dazu, dies auszuschließen.Treffpunkt unserer Clique war der damalige Kiosk auf der „Brick“, geführt vom Kratze Lenche, einer schätzungsweise 35 Jahre alten, äußerst resoluten und stets modisch gekleideten Geschäftsfrau. Vor dem Kiosk, lnks lınks versetzt unterhalb des Verkaufsschalters, stand ein Papierkorb, das spätere „corpus Delicti“. Es war ein recht grobschlächtiges Gerät, ca. 80 cm hoch, aus silbernem Metall. Das Kratze Lenche kannte ich bereits aus den Tagen meiner Kindergartenzeit. Wenn ich irgendwie zu Kleingeld kam —an en eın regelmäßiges Taschengeld war damals nicht zu denken - wurde es prompt am Kiosk in Süßigkeiten umgesetzt. Dort bekam ich es jeweils mit dem Kratze Lenche zu tun, der unumschränkten Herrscherin im Knusperhäuschen. Fairerweise muss ich aber darum bitten, diese Analogie nicht weiterzuspinnen. Mit der Zeit avancierte ich zu ihrem Stammkunden und zwar teilweise gewissermaßen in amtlicher Funktion, musste ich doch regelmäßig im Auftrag unseres Klassenlehrerss, des Herm Roos, Besorgungen (Coca Cola, Brezeln, Zigarren, Lottoscheine) am Kiosk erledigen. Auch sonst hat mich der Lehrer während des Unterrichts, wohl um mich wenigsten kurzfristig loszuwerden, zu diversen Botengängen im gesamten Stadtgebiet auserkoren. Mit der Zeit entwickelte sich zwischen dem Kratze Lenche und mir ein spannungsgeladener Umgang. Ich räume ein, dass ich ihr ab und zu eine „fresche Gosch angehängt“ habe. Sie hingegen nahm jede Gelegenheit wahr, mich und meine Kumpane zurechtzuweisen und zu schurigeln. Einmal passte ihr nicht, dass wir Verpackungspapier nach hastiger Entnahme des köstlichen Inhalts achtlos auf den Boden fallen ließen, statt das erwähnte Abfallbehältnis zu benutzen. Das andere Mal waren wir ihr — waschechte „Pälzer Krischer“ eben - zu laut, weshalb sie uns rigoros vom Kioskvorplatz verjagte.

So entstand zwischen uns eine Beziehung, die ich aus meiner Sicht weder als ausgesprochene Feindseligkeit, noch als Hassliebe bezeichnen möchte; die Gefühlsstufe lag irgendwo dazwischen. Im zugegebenermaßen verklärenden Rückblick würde ich das Kratze Lenche heute als durchaus attraktiv, eine Art Claudia-Cardinale-Typ bezeichnen; ich bin mir fast sicher, dass sie sich gegen diesen Vergleich nicht verwahrt hätte. Derartige Charakterisierungen lagen aber damals gänzlich außerhalb unserer Lebenswelt. Eines Tages nun, um zur e1rgentlichen Geschichte zu kommen, platzte das Kratze Lenche leibhaftig, lauthals lamentierend, mitten im Unterricht in unser Klassenzim- mer. Ich kann mich nicht entsinnen, sie jemals zuvor außerhalb ihres Schneckenhauses gesehen zu haben. Was war geschehen? Der zum Kiosk gehörende Papierkorb war spurlos verschwunden! Trotz intensiver Durchsuchung der näheren Umgebung im Umkreis der „Brick“ konnte er nicht aufgespürt werden: Er war wie vom Erdboden verschluckt. Die Geschädigte hatte sofort mich und meine Kumpane in Verdacht.

Ob beim anschließenden Roos’schen Verhör der mir sattsam bekannte Rohrstock zum Einsatz kam oder ob dessen Gebrauch angesichts der anwesenden Anzeigerin nur angedroht wurde, ist mir nicht mehr erinnerlich. Jedenfalls kam den Beschuldigten kein Geständnis über die Lippen. Natürlich lag das Lenche mit ihrem Verdacht goldrichtig. Tatsächlich war es mir mit Hilfe eines kongenialen Kameraden geglückt, den so sehr vermissten Abfallbehälter unbemerkt der Kratze Obhut der argwöhnischen Trafikantin zu entziehen, ihn nach meiner insoweit etwas lückenhaften Erinnerung vielleicht mittels des großmütterlichen Leiterwägelchens - unbeobachtet über die „Brick“ zu transportieren, um ihn sodann im angrenzenden „Wassergässel“, wo die Luhrbach steilabwärts in das Kanalisationssy- stem geleitet wird, jäh verschwinden zu lassen.

Kein Wunder also, dass das gute Stück den spähenden Blicken der oberirdischen Fahnder entzogen blieb. So wurde der Vorfall nie aufgeklärt; die Tat blieb ungesühnt. Die wenigen Mitwisser hielten dicht. Denn: Wir waren. Helden; zumindest empfanden wir es so. "Zum weiteren Schicksal von Kratze Lenchens Papierkorb ist nachzutragen, dass er irgendwann überraschenderweise wieder auftauchte und wie gewohnt an seinem ange- stammten Platz zu stehen kam, etwas angerostet und ramponiert zwar, ansonsten aber uneingeschränkt einsatztauglich. Städtische Arbeiter hatten ihn anscheinend bei routinemäßigen Kanalreinigungen entdeckt und aus dem Hades an’s Tageslicht zurückbefördert. Mein „Verhältnis“ zum Kratze Lenche blieb in der Folge weiterhin Problembelastet. Weitere Attacken meinerseits aber fanden nicht mehr statt. Viel Zeit ist seither vergangen. Der Kiosk ist längst der Abrissbirne zum Opfer gefallen, kein Stein mehr bezeugt seine historische Existen; meine ehemalige Kontrahentin weilt schon lange nicht mehr unter uns. An dieses Kindheits-Abenteuer werde ich aber immer wieder zurückdenken - wenn auch nicht ohne Wehmut. Falls meine Anekdote auch als Hommage an’s Kratze Lenche aufgefasst werden sollte, wäre dies nicht unbeabsichtigt. Rudolf Leidner, Lambrecht“

Dieser Artikel erschien am 24. Juni 2006 in der Talpost unter der obigen Überschrift.