Lambrecht braucht ein Bürgerhaus
Vorschlag der Jungsozialisten - Umbau der Webschule zu einem Freizeitzentrum.
Die Freizeit der Menschen, die in der modernen Gesellschaft immer mehr an Bedeutung gewonnen hat, wird aller Voraussicht nach zunehmen. Deshalb wird immer häufiger die Frage nach der Gestaltung dieser freien Zeit gestellt. Eine Frage, der auch Gemeinden nicht ausweichen können, auch die Stadt Lambrecht nicht. Inmitten unserer verwalteten Welt kann die Freizeit ein letztes Reservat für die Wünsche und Bestätigungen des einzelnen Bürgers sein. Tatsächlich aber wissen immer weniger Mensche ihre Freizeit sinnvoll zu nutzen. Freizeit, die ein Stück Freiheit bedeuten könnte, wird vielfach vertan. In der Stadt Lambrecht gibt es keine öffentlichen Einrichtungen, die dem Bürger eine vielseitige und sinnvolle Nutzung seiner Freizeit ermöglichen oder ein soziales Leben entstehen lassen. Man sagt gerne, in Lambrecht kenne jeder jeden. Tatsächlich bleibt in einem überschaubaren Lebensraum wie in dieser Stadt fast niemand anonym. Die Bevölkerung findet aber trotzdem nur in seltenen Fällen zu einem gemeinsamen Handeln Gemeinsame Bedürfnisse und Interessen werden fast nie zum Ausdruck gebracht, wenn sie über den Rahmen der repräsentativen Selbstdarstellung hinausreichen. Gesellschaftspolitische Probleme erörtert man am Stammtisch, Sie bleiben aber Theorie ohne unmittelbaren Bezug zum Gemeindeleben, zum Alltag der Bürger. Das notwendige Problembewusstsein stellt sich nicht. Ein Freizeitverhalten wird deshalb vielfach bestimmt durch überlieferte Verhaltensregeln, manipulierten Konsum und Fremdbestimmung. Freizeit wird gleichgesetzt mit Kneipe, Fernsehen, Fußball und Autofahrt. Politische und kulturelle Bildung, sowie eine Weiterbildung in der Freizeit sind dagegen nahezu unmöglich. Weder der ehemalige SPD-Bürgermeister Salate noch der jetzige CDU-Bürgermeister Stöhr haben erkannt, dass es zu den Pflichten der Verwaltung gehört, eine höhere Qualität des Lebens auch im Freizeitbereich zu fördern. Eine Stadt, die ihre Attraktivität durch einen gehobenen Freizeitwert beweisen möchte, muss endlich auch Freizeitangebote schaffen. Wir brauchen keinen Reitplatz für Reiche. Wir brauchen auch keine Kulturhalle, in der emporgekommene Kommunalpolitiker dann und wann ihre Feldgottesdienste abhalten, zweimal im Jahr ein Sängerfest stattfindet oder Bürgertöchter ihre Beinchen schwingen.
Was wir brauchen, ist ein Haus für alle Bürger, ein Bürgerhaus. Hierfür bietet sich in geradezu idealer Weise das frei werdende Gebäude der Textilfachschule an. Man darf nicht vergessen, dass in Lambrecht auf Jahre hinaus das Stadtsäckel leer sein wird, denn wir müssen jetzt die Zeche für den Sparkassenskandal zahlen. Ohne allzu großen finanziellen Aufwand könnte aber in der Webschule ein Bürgerhaus eingerichtet werden. Es wäre zudem ein guter Bestandteil der städtischen Umgebungen. Ein Besuch würde keine unverhältnismäßig langen Anmarschwege voraussetzen. Ein solches Gemeinschaftshaus könnte sowohl soziale Kontakte fördern als auch individuelle Neigungen sowie Ruhe und Erholungsbedürfnisse aller Bürger befriedigen. Diese Freizeiteinrichtung könnte auch die Eigeninitiative und Selbstbestimmung ermöglichen, die Isolation zwischen einzelnen Generationen aufheben und die Bevölkerung aus ihrem passiven Verhalten herausführen. Um dies zu erreichen, soll deshalb das künftige Freizeitzentrum ein Bürgerhaus sein, das nicht nur der Jugend dient, sondern zu einer Begegnungsstätte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen und insbesondere auch älteren Menschen werden. Dementsprechend muss auch das Angebot an möglichen Betätigungen sein und müssen die Räumlichkeiten und die Einrichtungen im Freien ausgestattet werden. Die Textilfachschule könnte zu einem Gemeindezentrum werden und künftig wäre kein Verein und keine Jugendgruppe mehr auf ein verräuchertes Hinterzimmer einer Gastwirtschaft oder das Wohlwollen von Hausmeistern angewiesen. Hier könnten Verwaltung und alle Kommunalpolitiker zeigen, wie wichtig sie die Bedürfnisse der Bevölkerung nehmen. Freizeitwert ernst genommen heißt, jetzt Kulturminister Vogel von seinem Wiedererweckungsplan der Textilfachschule abzubringen und ihn von den echten und dringenden Bedürfnissen der Lambrechter Bürger zu überzeugen.
Wir Jungsozialisten haben deshalb in der letzten Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereins Lambrecht am 4. Mai 1973 einen diesbezüglichen Antrag gestellt, der einstimmig angenommen wurde. Verwaltung und Stadtrat müssen handeln, und zwar jetzt.
Dieser Artikel stammt aus der Zeitung „Links vor Rechts“ der Jungsozialisten der SPD Lambrecht, Ausgabe 1/1973. In den Jahren 1972 und 1973 war die Diskussion in vollem Gange wie ein Bürgerhaus aussehen könnte.