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Talpost Lambrecht
Ausgabe 31/2026
Stadt Lambrecht (Pfalz)
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Rohrwiesen bedeutend für Tuchmacherei

Altes Webblatt mit Rieten aus Riet (unten), darüber dessen rot umrandeter Teil als vergrößerte Detail-Ansicht. Foto/Fotomontage: Gerald Lehmann

Dem Schilfrohr vermittelt, aufgrund der pflanzlichen Artverwandtschaft, der hier abgebildete Mini-Bambus eine nahezu identische Vergleichsansicht. Foto: Gerald Lehmann

Die Untermühle am Speyerbach, wie diese und ihr Umfeld einmal ausgesehen haben dürften, mit den sich vom rechten Bachufer nach Süden (rechts) hin zum Schauerberg erstreckenden Rohrwiesen. Foto: Gerald Lehmann





Riet/Ried als wichtiger Rohstoff der Lambrechter Tuchweberei

Lambrecht. (Gerald Lehmann) Ein Fachbuch zur Tuchweberei macht uns, in alter Schreibweise mit t, in neuer mit d, auf Riet/Ried aufmerksam. So bezeichnet es in seiner Abhandlung zum Webstuhl die aus runden Metallstäbchen bestehenden Unterteilungen im Webblatt als Riete. Dies deshalb, weil bei den frühesten Webblättern die Unterteilungen aus Riet, allgemein auch Schilfrohr genannt, hergestellt wurden. Als man für die Herstellung der Webblätter Metall zu verwenden begann, wurde für deren metallenen Unterteilungen die alte Bezeichnung Riete beibehalten.
Das Webblatt mit seinen Rieten
Das Webblatt ist beim Webstuhl in der Lade positioniert. Durch dieses werden beim Aufbäumen der Kette auf den Webstuhl deren Kettfäden mittels des Blattstiches nebeneinander durch die Zwischenspalten der Riete gestochen. Womit so die Kette entsprechend der Webbreite des Tuchs angelegt wird.
Beim Weben am Webstuhl werden mit dem Schiffchen oder Schützen Schussfaden um Schussfaden ins Fach eingetragen und jeweils an das bereits gewebte Tuch eingeschlagen, um so mit jedem Faden das Tuch fort zu entwickeln. Das Einschlagen erfolgt mit einem Schwung der Lade gegen das bereits gewebte Tuch, wobei das Webblatt mit seinen Rieten den Schussfaden gleichmäßig an das Tuch drückt und so dann auch für ein homogenes Webbild desselben sorgt.
Die Fertigung der Riete im Webblatt
Die Riete aus Riet wurden handwerklich gefertigt, wobei dem entgegen kam, dass Riet mit seinem hohlen Stängel ein Rohr bildete. Aus hieraus geschnittenen Stücken konnten deren Länge nach diese dann mit scharfer Klinge in dünne Streifen gespalten werden. Letztere übernahmen dabei die in Längsrichtung parallel verlaufenden Fasern, welche dem Schilfrohr seine hohe Stabilität verliehen für ihre eigene gute Stabilität, die etwa Holz bei weitem nicht zu erbringen vermochte.
Die so entstandenen Riete wurden in einen hölzernen Rahmen gesetzt, indem zwischen ihnen ein Faden hindurch geführt wurde, um so in dessen Stärke einen Abstand zwischen den Rieten zu bilden. Nach jeweils 20 Rieten wurde eine Markierung gesetzt, was bei 23 Markierungen bei einem knapp 80 cm breiten Webblatt insgesamt 480 Riete ergab. Damit konnte das Webblatt bei dreifädigem Blattstich bis zu 1440 Kettfäden aufnehmen. Im Ganzen wurden die Riete im Webblatt mit Pech verklebt.
Riet für Spulen von Schiffchen und Schützen
Als weitere Verwendung von Riet sind die Spulen für den Schusseintrag mit Schiffchen oder Schützen an zuführen. Hierfür war Riet mit seinem runden Rohrstängel geradezu prädestiniert. In entsprechender Länge in Stücke geschnitten, konnte auf die Rohrstücke das Schussgarn gespult und diese dann einfach, aufgrund ihrer natürlichen hohlen Seele, auf den Eisendorn im Innern des Schiffchens bzw. Schützens gesteckt werden. Womit dann auch der Schusseintrag bestens erfolgen konnte. Wobei hierfür der Bedarf an derartigen Spulen in der Lambrechter Tuchmacherei in viele Tausende gegangen sein dürfte.
Riet von größter Bedeutung für die Tuchmacherei
Somit war Riet zur Fertigung von Webblättern und Spulen, was beides zum technischen Fortschritt beitrug, der in der gewerblichen Weberei unverzichtbar war, von größter Bedeutung für die Tuchmacherei. Und damit war Riet dem Speyerbach nahezu ebenbürtig, der wegen seiner Wasserkraft oft ausschließlich als ausschlaggebend für die Entstehung der Tuchmacherei in Lambrecht angeführt wird. Nur gut, dass die Wallonen als Begründer der Tuchmacherei nach ihrer Ankunft um 1565 in St. Lambrecht, die nur etwa 250 m östlich des Dorfes sich vom Südufer des Speyerbachs bis hin zum Schauerberg erstreckenden Rohrwiesen vorfanden, mit ihrem reichen Vorkommen an Riet. Was für den Entschluss der Wallonen, ihr Handwerk der Tuchmacherei in St. Lambrecht auszuüben, durchaus auch entscheidend gewesen sein dürfte. Dies spiegelt sich auch in einem alten Tuchmacher-Lied, wenn es in dessen dritten Strophe heißt: Es brechen Herfel, 'spalten Rieder', bald springt der Schütze oben aus.... Womit Riet/d gemäß seiner großen Bedeutung für die Tuchmacherei ein spezielles gesangliches Gedenken gewidmet wurde.
Die Rohrwiesen als altes Gewann
Der großen Bedeutung von Riet entsprach als Lieferant desselben auch die Bedeutung der Rohrwiesen selbst, indem diese ein altes Gewann bildeten, das namentlich auch als Rohrwiesen im bayerischen Urkataster so dokumentiert wurde. Aber wohl schon deutlich früher könnten die Rohrwiesen zum Gewann geworden sein. Nämlich schon kurz nach Ankunft der Wallonen in St. Lambrecht um 1565, nachdem diese auf die Rohrwiesen als von größter Wichtigkeit für die Ausübung der Tuchmacherei sicherlich eindringlich hingewiesen haben dürften. Dem dann wohl mit der amtlichen Aufwertung der Rohrwiesen zum Gewann entsprochen wurde. Dafür spricht, dass um 1700 ein Halbteil der Rohrwiesen im Grund- und Bodenbesitz der Tuchmacherfamilie Marx aufgeführt wird, welche nachweislich 1565 unter ihrem damaligen Namen Remacle zu den ersten wallonischen Einwanderern in St. Lambrecht zählte.
Rohrwiesen als Wasserwiesen und Feuchtgebiet
Dass auf den Rohrwiesen Riet in großer Menge gedeihen konnte, war dem Umstand zu verdanken, dass im unteren Hang des Schauerbergs mehrere Schichtquellen zu Tage traten. Mit ihrer starken Schüttung an Wasser speisten sie die Rohrwiesen, über die hinweg sich das Wasser, wohl zum Teil auch in Gräben, bis hin zum Speyerbach im Bereich der alten Untermühle zu verteilen vermochte. Damit waren die Rohrwiesen als Wasserwiesen und Feuchtgebiet ein idealer Ort für das Gedeihen von Riet. Heute trifft dies wegen ihrer weitestgehenden baulichen Versiegelung nicht mehr zu.
Noch in jüngerer Zeit war der nasse bzw. feuchte Charakter der Rohrwiesen wahrnehmbar, als nämlich in ihrem westlichen Bereich im Jahr 1982 der Bau des Gemeinschaftshauses erfolgte, wobei ein sumpfiger Untergrund dessen Gründung erschwerte. Was die Quellen angeht, die einst den Rohrwiesen ihr Wasser spendeten, so dienen diese dem Turn- und Sportverein zum Besprengen seiner heutigen Sportanlage auf dem Gelände der Rohrwiesen, worauf bereits 1928 die Jahnwiese mit Sportplatz angelegt worden war.