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Talpost Lambrecht
Ausgabe 31/2026
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Gäsbock-Kerwe 1974: Als das Stadtfest die Innenstadt verlassen musste

Vor 52 Jahren sorgte die Verlegung auf den heutigen Tuchmacherplatz für heftige Debatten

Lambrecht. (Werner Dietrich) Die Gäsbock-Kerwe gehört heute untrennbar zur Lambrechter Innenstadt rund um die Friedrich-Ebert-Brücke. Doch im Jahr 1974 spielte sich das höchste Stadtfest an einem völlig anderen Ort ab. Erstmals wurde die Kerwe auf den damaligen Festplatz an der Ecke Wiesen- und Fabrikstraße – dem heutigen Tuchmacherplatz – verlegt. Die Entscheidung löste in der Bevölkerung heftige Diskussionen aus und beschäftigte Politik, Vereine und Verwaltung gleichermaßen.

1974 war ohnehin ein besonderes Jahr für die Stadt. Nach der Kommunalwahl übernahm mit Erna Merkel (SPD) erstmals eine Frau das Amt der Stadtbürgermeisterin. Gewählt wurde sie vom Stadtrat, denn eine Direktwahl der Bürgermeister gab es damals noch nicht. Bis 1994 bestimmten die Bürger ausschließlich den Stadtrat, der anschließend den ehrenamtlichen Stadtbürgermeister wählte. Merkel setzte sich nur knapp gegen den Kandidaten der CDU durch und musste von Beginn an mit einer starken Opposition im Stadtrat arbeiten. Kaum im Amt, stand die neue Bürgermeisterin vor einer schwierigen Entscheidung: Die Kerwe konnte nicht wie gewohnt in der Stadtmitte stattfinden. In einer ausführlichen Stellungnahme in der Talpost erläuterte sie die Gründe für die Verlegung.

Platzprobleme und Sicherheitsbedenken

Nach Darstellung der Stadt waren die traditionellen Flächen rund um die Friedrich-Ebert-Brücke für die immer größer werdenden Fahrgeschäfte nicht mehr ausreichend. Gleichzeitig durfte der Schulhof nach den Sommerferien nicht genutzt werden. Da die Verbandsgemeinde für die Hauptschule und die Stadt für die Grundschule zuständig waren, konnte keine gemeinsame Lösung gefunden werden. Hinzu kamen Sicherheitsfragen: Die Ausfahrt des Feuerwehrgerätehauses musste jederzeit frei bleiben. Verschiedene Alternativen wurden geprüft, scheiterten jedoch allesamt. Die damalige Firma Siemens bot zwar an, den Autoscooter auf ihrem Betriebsgelände aufzustellen, doch auch dieses Fahrgeschäft war inzwischen zu groß geworden.

Ebenso verliefen Gespräche mit den Schulen, über kerwebedingte schulfreie Tage oder die Nutzung anderer Flächen, ergebnislos. Auch der Vorschlag, die Feuerwehrfahrzeuge während der Kerwe auf dem Gelände des städtischen Schlachthofs unterzubringen, wurde verworfen. Der Hof war nicht abschließbar, zudem hätten die Feuerwehrangehörigen ihre persönliche Ausrüstung mit nach Hause nehmen müssen.

Für Bürgermeisterin Merkel stand deshalb fest: Die Einsatzbereitschaft der Feuerwehr durfte durch die Kerwe nicht gefährdet werden. Außerdem hätte die Friedrich-Ebert-Brücke für die Dauer des Festes vollständig gesperrt werden müssen – eine Lösung, die auch von der Polizei kritisch gesehen wurde.

Leserbriefe und heftige Kritik

Die Verlegung sorgte in Lambrecht für erhebliche Unruhe. Zahlreiche Leserbriefe erschienen, viele Bürger äußerten ihr Unverständnis. Besonders die Tatsache, dass das traditionsreiche Fest den historischen Ortskern verlassen musste, stieß auf Widerstand.

Erna Merkel machte zugleich deutlich, dass sie persönlich die Kerwe lieber weiterhin in der Stadtmitte gesehen hätte. Die Verlegung sei jedoch das Ergebnis fehlender Kompromissbereitschaft verschiedener Beteiligter. Selbst die Absperrzäune auf dem neuen Festplatz wurden kritisch kommentiert – die Kerwe komme nun „hinter Gitter“, hieß es damals.

Der Erfolg gab dem neuen Standort vorübergehend recht

Trotz aller Skepsis entwickelte sich die Kerwe schließlich zu einem Erfolg. Bei sommerlichen Temperaturen von nahezu 30 Grad strömten zahlreiche Besucher auf den neuen Festplatz. Die Schausteller zeigten sich ebenso zufrieden wie die Betreiber des Ausschanks auf dem gegenüberliegenden TSV-Sportplatz. Für die musikalische Unterhaltung sorgte die Stadtkapelle.

Auch die Talpost zog damals ein positives Fazit und verglich die Situation mit einer überfüllten Schachtel, die nach kräftigem Schütteln doch noch alles aufnehmen könne. Der „Verlegenheits-Kerweplatz“ habe sich überraschend gut bewährt.

Heute ist diese Episode längst Geschichte. Die Gäsbock-Kerwe findet wieder dort statt, wo sie nach Ansicht vieler Lambrechter hingehört – mitten im Herzen der Stadt rund um die Friedrich-Ebert-Brücke. Gerade die besondere Atmosphäre in den engen Straßen und auf den Plätzen der Innenstadt macht den unverwechselbaren Charakter des traditionsreichen Volksfestes aus. Die Ereignisse des Jahres 1974 bleiben dennoch ein bemerkenswertes Kapitel der Lambrechter Stadtgeschichte und zeigen, wie eng die Bürger mit ihrer Kerwe verbunden sind.