Lambrecht. (WD) Der Volkskundler, Autor und Verleger Helmut Seebach hat sich mit seiner ganzen Person und seinem Bachstelz-Verlag im wortwörtlichen Sinne der Pfalz „verschrieben“. Er publiziert seit vielen Jahren über die Pfalz und präsentiert dabei immer wieder auch neue Sichtweisen auf bekannte Themen. Von 1982 bis 1985 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichtliche Landeskunde der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Der Anfang seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Pfalz war bereits im Studium gegeben. Im Jahr 1983 gründete er den Bachstelz-Verlag, dessen Verlagsprogramm auf eine analytisch-kritische Heimatbeschreibung der Pfalz ausgerichtet ist. Am 22. Januar 2004 wurde Seebach mit dem Förderpreis für Heimatforschung 2003 ausgezeichnet, am 8. November 2003 erhielt er von der Jury des europalz MundArt Germersheim e.V. den Pamina Kulturpreis.
Was Lambrecht anbetrifft, bekam Seebach dabei in der Vergangenheit Unterstützung vom Heimatforscher Karl Heinz Himmler, der leider im Jahr 2019 im Alter von 85 Jahren verstorben war. Ihm widmete er sein 2023 erschienenes Buch „Altes Handwerk und Gewerbe in der Pfalz, Band 6: Rheinebene – Flechten, Spinnen, Weben“, in dem unter anderem über die Lambrechter Textilvergangenheit berichtet wird. Dieses hätte Helmut Seebach eigentlich im September 2023 in Lambrecht vorstellen wollen. Aber bedauerlicherweise fiel er damals kurzfristig aus, und Gerald Lehmann (Weber-Museum Lindenberg) übernahm mit einem Ersatz-Vortrag.
Nun kam Helmut Seebach also endlich am vergangenen Donnerstag nach Lambrecht. Er hielt einen kurzweiligen Vortrag über den Inhalt seines 2025 erschienenen Buches „Der Pfälzerwald: Lebensraum und Lebensgrundlage vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert – Beitrag zur Revolutions- und Kulturgeschichte eines Naturraumes“ (siehe www.bachstelz-verlag.de/revolutionsgeschichte/der-pfalzerwald). In diesem schildert er den Lebensraum aus neuer Sicht, vor allem anders als von den meisten Autoren gewohnt. Schon immer waren die im Pfälzerwald lebenden Bauern darauf angewiesen, den Wald als Rohstoffquelle in ihr Dasein einzubeziehen. Es war ihnen vergönnt, den seit dem frühen Mittelalter ihnen überstellten sogenannten Haingeraidewald gemeinsam und mit gleichen Rechten als ein ungeteiltes Eigentum ähnlich einem genossenschaftlichen Verband zu nutzen. In dem riesigen Waldgebiet, an Ausdehnung ähnlich dem heutigen Biosphärenreservat Pfälzerwald/Nordvogesen, gab es 16 solcher Waldgenossenschaften. Die Geraidegenossen waren von Steuern und Abgaben befreit. Ihre Rechte durften sie jedoch nur entsprechend ihres wirklichen Bedarfs wahrnehmen. Geraideschultheiß und Waldmeister wachten darüber, dass dieses frühe Prinzip der Nachhaltigkeit von allen Beteiligten eingehalten wurde, und so beugte die geregelte Waldwirtschaft lange Zeit einem Raubbau vor. Sie hielt bis ins frühe 19. Jahrhundert, nachdem die Haingeraidegebiete an das Königreich Bayern gefallen waren und damit unter staatlicher Verwaltung gestanden hatten. Wiederholt wollten die Landesherren die Geraiderechte durch angeblich ihnen zustehende Vorrechte verdrängen. Schließlich versuchten sie über den Anspruch auf das Jagdrecht, die volle Forsthoheit zu erlangen. Der Geraidewald sah damals anders aus als heute. Er war offener, artenreicher, stellte sich überwiegend als Laubwald dar und wurde vor allem genutzt als Waldweide für Gänse und Rinder, zur Schweinemast im Herbst, zum Sammeln von Waldfrüchten, zur Brennholzversorgung. Da es im Wald an Stroh fehlte, halfen sich die Waldbauern mit „Streuseln“ aus. Das war ein Gemenge aus Laub, niederen dürren Sträuchern, Moos, Heidekraut und Ginster. Die Streu verteilte man auf dem Stallboden. Der entstandene Mist kam als Dünger auf die Äcker. Indem der Waldbauer von Ackerbau und Viehzucht abhängig war, hielt er auch das ihm gewohnte Recht, Streusel sammeln zu dürfen, für unverzichtbar. Doch die bayerische Regierung verbot das Streusel- und Holzsammeln. Dieses Verbot stürzte die Waldbauern in bittere Armut bis hin zur Verelendung. Denn noch vor Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich die waldbaulichen Pläne der bayerischen Forstverwaltung grundsätzlich geändert. Der bisher sich selbst überlassen gewesene Wald wurde in einen wirtschaftlich planbaren und systematisch geordneten Forst verwandelt. Nicht mehr lediglich Brennholz sollte der Wald liefern, sondern im Wesentlichen höherwertiges Bau- und Nutzholz. Die damals entstandenen Monokulturen von Fichtenwäldern gehören heute noch zu den Baumbeständen und werden erst in jüngster Zeit in ökologisch sinnvollere Mischkulturen zurückverwandelt. 1823 wurden die Haingeraiden aufgelöst. Dann spätestens brach über die Waldbevölkerung die Existenznot aus. Nicht nur Streu- und Holzlese waren verboten. Auch Laub durfte nicht geholt, kein Gras gerupft oder geschnitten werden; der Wald sollte der nötig gewordenen Biomasse nicht beraubt werden. Wer dagegen verstieß, dem drohten Geldstrafen oder gar Gefängnis, selbst Kindern. Dennoch wuchs der sogenannte Forstfrevel seit 1830 zur Alltäglichkeit an. Die Forstbehörden waren hilflos. Ihre unerbittliche Einstellung der Bevölkerung gegenüber änderten sie trotzdem nicht. Hingegen wurde erwogen, notorische Forstfrevler zur Auswanderung nach Amerika zu zwingen. Viele ihrer Lebensgrundlage beraubten Waldbauern wanderten auch aus freien Stücken aus. Helmut Seebach hält es daher nicht für verwunderlich, dass von den Demonstranten 1832 auf dem Hambacher Fest das existenzielle Recht eingefordert wurde, zum Kochen und Heizen herumliegendes Holz sammeln zu dürfen. Die revolutionären Ereignisse von 1832 und 1848 brachten dennoch keine nennenswerte Verbesserung der prekären Lebensverhältnisse für die Menschen im Pfälzerwald.
Zum Vortrag waren viele Interessierte gekommen. Mehr hätten wahrlich nicht mehr in den nicht kleinen Raum gepasst, in dem auch noch eine mit der Vortragsreihe korrespondierende Gemälde-Ausstellung der Malerinnen Marianne Mansmann, Martina Müller und Petra Thullen zu sehen war.
„Ich bin überwältigt!“, begann Helmut Seebach seinen Vortrag. „Schön, dass so viele Leute hierhergekommen sind! Wenn mein Stadtbürgermeister mir die Chance gibt, ein Referat zu halten, dann kommen vielleicht 12 Leute.“
Die Veranstaltungsreihe habe Vorbildcharakter und könne in ihrer Verbindung von Technik, Kultur, Kunst, Wirtschafts- und Sozialgeschichte mit den Angeboten von Volkshochschulen mithalten könne. Gastgeber Lars Mattil freute sich auch über das große Interesse und lud alle Beteiligten herzlich ein, auch zu den noch folgenden Terminen am 29.1. und am 19.2. zu kommen.
Fotos Jola / Mehn