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Talpost Lambrecht
Ausgabe 5/2026
Stadt Lambrecht (Pfalz)
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Als Tributböcke in Lambrecht versteigert wurden

Eine Geißbock-Versteigerung Foto: KI

Neustadter Zeitung, 17. Juni 1858, Jg. 28

Neustadter Zeitung, 12. Juli 1859, Jg. 29

Neustadter Zeitung, 7. Juni 1860, Jg. 30

Neustadter Zeitung, 28. Mai 1861, Jg. 31

Der Eilbote, Tageblatt für Stadt und Bezirk Landau, 26. Juni 1862

Lambrecht. (hk) Der Lambrechter Geißbock ist weit mehr als ein kurioser Brauch. Er steht für ein jahrhundertealtes Rechtsverhältnis zwischen den Städten Lambrecht und Deidesheim und ist fester Bestandteil der regionalen Geschichte. Seit März des vergangenen Jahres zählt dieses einzigartige Brauchtum offiziell zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Zahlreiche Geschichten ranken sich um den Geißbock. Besonders anschaulich zusammengetragen wurden sie in dem Büchlein „Dienstag nach Pfingsten – Der Höhepunkt im Leben des Deidesheimer Geißbocks“ von Karl Heinz Himmler und Berthold Schnabel. Darin findet sich ein kurzer, aber bemerkenswerter Hinweis auf Versteigerungen von Tributböcken in Lambrecht in den Jahren 1858 bis 1862. Grundlage sind Aufzeichnungen des Gerichtsboten Paul Joseph Arent in den Deidesheimer Akten.

Dieser Hinweis macht neugierig – vor allem auf die zeitgenössische Berichterstattung in den damaligen Zeitungen. Um die Ereignisse richtig einordnen zu können, ist jedoch ein Blick auf die Hintergründe notwendig.

Pfingstdienstag 1858: Der Geißbock als Streitfall

Die traditionelle Übergabe des Lambrechter Geißbocks entwickelte sich am Pfingstdienstag, 25. Mai 1858, zu einem öffentlich viel beachteten und konfliktreichen Ereignis. Zeitgenössische Zeitungen berichten ausführlich über einen Vorfall, der zeigt, wie streng und sensibel das alte Geißbockrecht bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gehandhabt wurde.

Hintergrund war ein Gerichtsurteil, das die Gemeinde Lambrecht-Grevenhausen verpflichtete, im Jahr 1858 insgesamt acht Böcke nach Deidesheim zu liefern: sieben als Nachlieferung für die Jahre 1851 bis 1857 sowie einen weiteren für das laufende Jahr 1858. Die Ursachen, die bereits 1851 zu einer Eskalation im Geißbockrecht führten und später die Nachlieferung mehrerer Böcke notwendig machten, werden in einem gesonderten Bericht näher beleuchtet.

Entsprechend machte sich am frühen Morgen des Pfingstdienstags 1858 ein Zug von Lambrecht nach Deidesheim auf den Weg, angeführt von Ziegenführern und dem jüngsten Bürger Lambrechts, der insgesamt acht Geißböcke mitführte.

Entgegen den vertraglichen Bestimmungen traf die Gruppe nicht vor Sonnenaufgang, sondern erst gegen halb sieben Uhr morgens in Deidesheim ein. Seit dem frühen Morgengrauen hatten zahlreiche Menschen die Ankunft des „gehörnten Tributs“ erwartet. Die Verspätung wurde von Teilen der versammelten Menge als Vertragsverstoß gewertet. Trotz Regens und nur kurzzeitig aufklarender Sonne blieb die Stimmung angespannt, bis der Tross schließlich eintraf.

Schweigend begleiteten die Zuschauer die Abordnung aus Lambrecht zum Rathaus. Dort wurden die Tiere einer amtlichen Musterung unterzogen und zunächst für „wohlgehörnt und wohlbeschaffen“ erklärt. Sieben der Böcke, bestimmt als Tribut für die zurückliegenden Jahre, wurden ohne Beanstandung angenommen. Ihre Führer erhielten als Anerkennung einen Krug Wein und ein Stück Käsebrot.

Anders erging es dem achten Bock, der für das Jahr 1858 bestimmt war und vom jüngsten Lambrechter Bürger geführt wurde. Seine verspätete Ankunft wurde als Vertragsbruch gewertet. Der Bock wurde zurückgewiesen, sein Führer musste ohne Speise und Trank bei den Gefährten ausharren. Während die angenommenen Tiere versorgt wurden, blieb der achte Bock angebunden im Regen zurück – unter den neugierigen Blicken der versammelten Jugend.

Am Nachmittag desselben Tages versammelte sich eine große Menschenmenge vor dem Deidesheimer Rathaus. Fenster, Dächer und selbst die Bäume des Platzes waren von Schaulustigen besetzt. Gegen 17 Uhr begann die öffentliche Versteigerung. Unter lautem Jubel fanden die sieben angenommenen Böcke rasch neue Eigentümer. Sie wurden von Wirten der Umgebung erworben und als Preise bei Kirchweihen, Kegel- und anderen Festspielen verwendet.

Das Schicksal des zurückgewiesenen achten Bockes blieb zunächst ungeklärt. Er wurde beim Gastwirt „Zum Adler“, Carl Bried, untergebracht.

Wie es zur Versteigerung in Lambrecht kam

Die Gemeindeverwaltung Lambrecht-Grevenhausen, vertreten durch Bürgermeister Carl Hellmann, Tuchfabrikant, sah sich zum Handeln gezwungen.

Unter Inkaufnahme von Kosten in Höhe von drei Gulden und 45 Kreuzern beauftragte sie den für den Bezirk Frankenthal zuständigen Gerichtsboten Paul Joseph Arent. Dieser hatte sowohl beim Deidesheimer Bürgermeister Jacob Häußling als auch beim Niederkirchener Bürgermeister Martin Bach vorzusprechen.

Arent ließ ausrichten, dass der Bock bereits ordnungsgemäß angeboten, jedoch ohne nachvollziehbaren Grund zurückgewiesen worden sei. Noch acht Tage werde das Tier in Deidesheim bereitgehalten. Danach werde man den Bock nach Lambrecht zurückführen und dort öffentlich versteigern. Mit dem Erlös sollten Fütterungs- und Transportkosten beglichen werden; ein möglicher Überschuss sei an Deidesheim und Niederkirchen abzuführen. Zugleich verwahrte sich Lambrecht ausdrücklich gegen eine weitere Nachlieferung für das Jahr 1858.

Entgegen der Darstellung im genannten Buch fand die Versteigerung nicht um 9 Uhr, sondern – wie die Anzeige belegt – erst um 10 Uhr statt.

Weitere Jahre – weitere Zurückweisungen

Auch in den folgenden Jahren wiederholte sich das Geschehen:

Der Tributbock von 1859

Der Bock wurde zwar vom königlichen Bezirkstierarzt als tauglich erklärt, traf jedoch erneut zu spät ein. Er wurde zurückgeführt und am 15. Juli 1859 um 9 Uhr vor dem Gemeindehaus in Lambrecht versteigert.

Der Tributbock von 1860

Wieder wurde der Bock wegen verspäteter Ankunft nicht angenommen. Auch diesmal musste der Führer auf Wein und Käsebrot verzichten. Die Versteigerung erfolgte am 15. Juni um 9 Uhr vor dem Gemeindehaus.

Der Tributbock von 1861

Trotz seiner prächtigen Erscheinung und der Bewertung als „gut gehörnt und gut beschaffen“ wurde der Bock wegen verspäteter Ankunft erneut zurückgewiesen. Anschließend brachte man ihn nach Lambrecht zurück, wo er am 31. Mai um 10 Uhr versteigert wurde.

Der Tributbock von 1862

Auch der „romantische“ Geißbock dieses Jahres wurde wegen verspäteter Ankunft nicht angenommen. Es war bereits das vierte Mal in Folge. Der Bock wurde am 27. Juni gegen 10 Uhr vor dem Gemeindehaus versteigert.

Zeitgenössische Kommentatoren sahen darin nicht nur einen Rechtsstreit, sondern auch einen Ausdruck pfälzischen Humors: Während Lambrecht mit Beharrlichkeit sein Weiderecht zu wahren suchte, bestand Deidesheim unbeirrt auf der Präsentation vor Sonnenaufgang.

Ab 1863 wieder Normalität

Ab dem Jahr 1863 scheint die Geißbocklieferung wieder in geordneten Bahnen verlaufen zu sein. Hinweise auf weitere Zurückweisungen oder Versteigerungen in Lambrecht finden sich in den ausgewerteten Zeitungsquellen nicht mehr.

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