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Talpost Lambrecht
Ausgabe 6/2026
Stadt Lambrecht (Pfalz)
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Dritter Tuchfabrik-Vortrag bei Jola Spezialschalter mit vollem Saal

Lars Mattil mit dem Referenten

Obermaier-Färbeapparat 1898

Lambrecht. (LM) Dr. Otto W. Obermaier erzählte lebhaft aus der Familien- und Firmengeschichte seit der bahnbrechenden Erfindung eines Färbeapparats durch seinen Urgroßvater. „Heute können wir auf die Schnelle leider nicht mehr anbauen“, scherzte Gastgeber Lars Mattil. Der Chef des elektrotechnischen Betriebs Jola Spezialschalter freut sich über die zahlreich gekommenen Zuhörer und die positive Aufnahme der neuen Veranstaltungsreihe. In Erinnerung an das Vorgängerunternehmen, die Tuchfabrik Gebrüder Haas, taufte er sie „Tuchfabrik-Vorträge“ und gab den Rahmen vor: „Textile Industriekultur – die Lambrechter Tuchmacherei als Augenzeuge der Industrialisierung, ihrer Voraussetzungen, Randerscheinungen und Folgen“. Ziel ist es, unter dem Motto „Zukunft braucht Historie, Fortschritt braucht Tradition“ Angebote zu schaffen, damit Menschen aus der Vergangenheit lernen können, um die Gegenwart besser zu begreifen und Innovatives zu gestalten.

Der Veranstaltungsort passte laut Mattil auch deshalb hervorragend zum Thema, weil einst ein Obermaier-Färbeapparat „im Gebäude hinter dem Innenhof, etwas links“ stand.

Der Referent Dr. Otto W. Obermaier schloss 1975 sein Studium an der Universität Karlsruhe (heute KIT) als Diplom-Wirtschaftsingenieur ab und trat dann zunächst für 6 Jahre als Co-Leiter der Obermaier & Cie. GmbH in Neustadt an der Weinstraße ein. Das Unternehmen, das zuvor in Lambrecht angesiedelt war, stellte damals Färbeapparate mit 90 % Export weltweit in Neustadt, Sao Paulo und Indien (Lizenzproduktion) her. Aufgrund schlechter Marktentwicklungen und Eigenkapitalknappheit mussten die Geschäftsführer 1982 Insolvenz anmelden. Obermaier bezeichnete dies als „sein persönliches Trauma“, das ihn in den folgenden Jahren in seiner beruflichen Laufbahn wie im privaten Leben beschäftigte.

Seinen Bericht begann er mit seinem Ururgroßvater, dem bayerischen Geometer Josef Obermaier (1795-1857), der in der Pfalz tätig wurde. Dessen Kinder lernten diese im Rahmen seiner Vermessungsreisen kennen. Nachdem der alleinerziehende Vater von sieben Kindern 1857 verstarb, hinterließ er diese als Vollwaisen. Einer davon war Otto Julius Obermaier, damals im Alter von 13 Jahren. Sein älterer Bruder Karl wies ihn auf die boomende Industriestadt Lambrecht hin, wo er eine Lehrstelle bei der bedeutenden Tuchfabrik J. J. Marx bekam. Im Tuchmachereizentrum Aachen setzte er seine Karriere fort und hatte dort gemeinsam mit dem befreundeten Färbereitechniker Eduard Geßler erste Ideen zur Optimierung des Färbeprozesses, um diesen von der althergebrachten Arbeitsweise in Richtung industrielle Fertigung weiterzuentwickeln. Während die Mechanisierung der Textilherstellung durch neue Spinn- und Webmaschinen rasch voranschritt, ging es in der Färberei nämlich noch nass, stickig, ungesund, unproduktiv und unzuverlässig zu. Besonders beim Färben von losem Fasermaterial und von gesponnenen Garnen stockte es. Nach der Rückkehr in die pfälzische Heimat machte Otto Obermaier sich als Garn- und Wollhändler in Lambrecht selbständig. Sein Ziel war es, Geld für die Umsetzung seiner innovativen Ideen zur Färberei zu verdienen. Er heiratete 1870 die Küferstochter Anna Maria Friederika Hoffmann, darauf folgten Hauskauf und Kindersegen. Parallel zum Garnhandel unternahm Otto Obermaier Färbeversuche mit dem befreundeten Färbereitechniker, die er unter anderem bei der Tuchfabrik J. J. Marx durchführte. Am 24 Juli 1883 erhielt er das Reichspatent für „Methode und Apparat der Behandlung (Waschen, Färben etc.) von Gespinnstfasern, Gespinnsten und Geweben aller Art“ mit Wirkung ab dem 6. Dezember 1882. Wurden bisher die zu färbenden Textilien in der ruhenden Flüssigkeit bewegt, wurde bei seiner Erfindung umgekehrt die Flüssigkeit durch die ruhenden Textilien bewegt. Hierbei kam moderne Technik zum Einsatz : Pumpen, Antriebstechnik, Metallverarbeitung, Hydraulik. 1882 gründete Obermaier zur Produktion und Vermarktung seiner Innovation die Firma Obermaier & Cie. in Lambrecht.

Das Geschäft ging stürmisch voran, und um die Jahrhundertwende lag der Exportanteil bei rund 50 %, und zwar vor allem nach Italien, in die USA sowie nach Kanada, Frankreich und Russland. Doch in der Folge zeigte sich, dass der geschäftliche Erfolg alleine nicht ausreicht, um ein Familienunternehmen über die Jahre beständig weiterzuführen. Denn auch im familiären Bereich muss es funktionieren, und das kritischste Thema ist das der Nachfolge. Dies erläuterte der Referent sowohl im Allgemeinen – wobei er aus dem Erfahrungsschatz seiner beruflichen Laufbahn schöpfte – als auch im Speziellen anhand der Weiterentwicklung seines Familienunternehmens. Insbesondere sprach er mehrfach den sogenannten dynastischen Aspekt an, nach dem man immer zuerst in die Familie blickt, wenn es um die Nachfolge geht.

Schon vor dem ersten Generationswechsel kam es zur Rivalität um die Nachfolge zwischen seinem Sohn Otto II Obermaier – der als Nachfolger zwar vorgesehen war, es ihm aber innerlich widerstrebte und seinem Schwiegersohn Dr. Heinrich Gümbel. Als dann der Gründer Otto Julius Obermaier 1903 im Alter von 59 Jahren verstarb, war die Nachfolgesituation viel zu früh eingetreten. Das Schicksal schlug im folgenden Jahr nochmals hart zu, als Dr. Heinrich Gümbel unerwartet verstarb. Es stellte sich also die Frage, wie es weitergehen solle. Die Firma zu verkaufen war für Otto II keine Option, obwohl seine beiden Geschwister dies tun wollten. Also kam es 1905 zu einer neuen Rechtsform und neuen Kapitalverteilung sowie zu einer erweiterten Führung durch ihn und seine Geschwister Jula und Curt. Die andere, verwitwete Schwester Fanny Günbel wurde ausbezahlt. Die Marktverhältnisse in der boomenden Lambrechter Tuchindustrie zeigten sich zu dieser Zeit äußerst positiv. Dennoch war Otto II mit den Schattenseiten des Unternehmertums und privaten Rückschlägen mental, physisch und psychisch am Ende, legte 1912 die Führung nieder und verkaufte seine Anteile. Die höchst ungewöhnliche Lösung war, dass die beiden verbliebenen Geschwister zu zweit weitermachten und Otto II sich als angestellter Prokurist weiterhin um die Technik kümmerte.

Als dann der erste Weltkrieg kam, brachen die Auslandsmärkte zusammen, weil sie Kriegsgegner waren. Ersatzweise bekam das Unternehmen Rüstungsaufträge, wodurch es – wie auch die sonstige Lambrechter Tuchindustrie, die auf Uniformstoffe spezialisiert war – gut über die Runden kam. Nach dem Krieg kam es 1818-1922 zu einer raschen wirtschaftlichen Erholung. Für Lambrecht schmerzhaft, traf Curt Obermaier die Entscheidung, ein Areal mit Gleisanschluss im benachbarten Neustadt zu kaufen und das Unternehmen 1922 dorthin zu verlagern. Es folgte ein kontinuierliches Wachstum, neue Märkte in Uruguay und Brasilien kamen hinzu. 1927 wurde in New York ein Joint Venture gegründet.

Kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten ereigneten sich allerdings mehrere Schicksalsschläge, die den Übergang auf die dritte Generation erzwangen. Curt Obermaier legte 1932 aus persönlichen Gründen sein Geschäftsführungsamt unerwartet früh nieder und verzog nach Berlin, wo er vier Jahre später Suizid beging. Auch 1932 verstarb Otto II Obermaier, der den technischen Bereich abdeckte, an einem Herzinfarkt. Also verblieb 1936 lediglich die Schwester Jula im Alter von 65 Jahren in der Unternehmensführung. Als Gesellschafter verblieben zwei Kinder der zuvor ausbezahlten Schwester (aus dem Gümbel-Stamm) sowie drei aus dem Obermaier-Stamm. Die Gümbel-Linie rettete zum Übergang in die dritte Generation das Unternehmen. Otto Gümbel hatte sich bereits langfristig auf einen Eintritt in die Firma vorbereitet, der schließlich 1925 erfolgt war. Seine Schwester Dorina Gümbel hatte Mario Scholl geheiratet, der auch im Unternehmen arbeitete und schließlich 1936 durch Einbringen privater Mittel größter Anteilhaber wurde. Während der Gümbel-Stamm die Kontrolle im Unternehmen übernommen hatte, waren die drei Obermaier-Kinder, die zwar den Namen der Firma trugen, aber nur ca. 30 % der Firmenanteile besaßen, in den Hintergrund gedrängt worden.

Während des zweiten Weltkriegs (1939–1945) lebte die Firma wieder gut von Rüstungsaufträgen. Danach folgte der mühsame Wiederaufbau, die Auslandskunden kehrten erst nach und nach zurück. Walter Obermaier, der Vater des Referenten, trat endlich nach Kriegsdienst und schwerer Verwundung im Alter von 33 Jahren im Bereich Konstruktion und Entwicklung ins Unternehmen ein. In den goldenen 1950er- und 1960er-Jahren war der Bedarf riesig. Im, besten Jahr 1968 arbeiteten fast 400 Mitarbeiter im Unternehmen; der Umsatz betrug 35 Mio. DM mit einem Exportanteil von 90 %. 1956 waren aber wieder mit dem Tod von Jula Obermaier und Otto Gümbel komplexe Erbfälle mit schweren Konsequenzen eingetreten. Der Gesellschafterkreis zersplitterte, und der Stammeskonflikt Obermaier-Gümbel schwelte weiter.

Zunächst verblieb Mario Scholl als alleiniger Chef. Als Lösung aus der vierten Generation dachte man an den 17-jährigen Bernhard Gümbel. Er wurde – wie auch die designierten Nachfolger in den vorausgegangenen Generationen – nicht gefragt und ins Unternehmen gedrängt, die Familienverantwortung alleine wurde als ausschlaggebend erachtet. Bernhard Gümbel kam als neuer Geschäftsführer hinzu, außerdem auch – allerdings in schwacher Gesellschafterposition heraus – Walter Obermaier. Das Ringen um einen neuen Gesellschaftervertrag 1962 verschärfte die Streitigkeiten zwischen den Familienstämmen. Der Referent kann sich noch lebhaft an diese, seine Teenagerzeit erinnern, in der ständig Misstrauen und schlechte Stimmung herrschten, obwohl das Geschäft gut lief. Doch der interne Streit in der Familie kostete Energie. Das Know-How war zwar noch marktfähig, stellte aber inzwischen keine Alleinstellung mehr dar. Kosten- und Preisaspekte und verlagerte Märkte spielten zudem eine immer größere Rolle. Hierdurch litt die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens, und die wirtschaftlichen Perspektiven wurden außerdem schlechter.

Am schnellsten erkannte dies das Ehepaar Scholl, die einstigen „Retter“ des vorausgegangenen Generationenübergangs. Sie stiegen 1971 nach 35 Jahren aus und ließen sich ausbezahlen. Hierdurch wurde das Unternehmen massiv finanziell geschwächt, kurz bevor die Krise von außen zuschlug. Kurz darauf folgte 1973 mit dem Tod Walter Obermaiers der nächste Schicksalsschlag. So blieb der relativ unerfahrene 34-jährige Bernhard Gümbel alleine übrig, und wieder stellte sich die Frage, wer der nächste sei. „Auf einmal haben sie alle auf mich geguckt“, witzelte der Referent, für den die Situation damals in der Tat nicht lustig war. Das Umfeld hatte sich nämlich unangenehm verändert. Die Ölkrise zog 1973 die gesamte Weltwirtschaft nach unten, die Abwanderung der Textilindustrie in entfernte Drittländer erhöhte die Lieferrisiken. Auftragsmangel und Preiskämpfe prägten das Geschäft, und die Erträge sowie die Liquidität gingen zurück. Nichtsdestotrotz stieß Otto Obermaier III 1977 im Alter von 27 Jahren dazu. „Morgentliche Postbesprechung: die Harmonie im Führungsteam kontrastiert mit der Lage des Unternehmens“ kommentierte er heute rückblickend lächelnd die damalige Lage, in der zeitweise gute Stimmung herrschte, aber die wirtschaftliche Umgebung nicht mehr passte. Dies führte dann „dahin, wohin es führen musste“. 1978 kam es zu einem großen Eigenkapitalverlust. „Feuerwehreinsätze“ waren statt langfristig ausgerichteter Führung an der Tagesordnung. Die emotionale Bindung der Betroffenen siegte über die nüchterne Bewertung der Fakten. Ein vermeintlicher Hoffnungsschimmer ergab sich in Form eines Fremdkapitalkredits zu horrenden Zinsen, der letztendlich die Situation aber nicht verbesserte, sondern verschlimmerte und 1982 zur Insolvenz führte.

In der Fortsetzung fand sich mit Berthold Magin aus Haßloch ein Investor, der das Unternehmen schuldenfrei mit seinen Produkten von 1983 bis 1991 als „MTM-Obermaier“ übernahm. Nach deren Insolvenz nach dem Unfalltod des Inhabers kam es zur zweiten Nachfolgegründung als „NTM-Obermaier“, die von drei verdienten, langjährig tätigen Führungskräften übernommen worden war. Deren 30 Mitarbeiter konzentrierten sich vor allem auf das weltweit bedeutende Ersatzteilgeschäft. 2006 liquidierten die Gesellschafter schließlich das Unternehmen und verkauften das Know-how an die Firma Erbatech in Erbach im Odenwald, deren Maschinenangebot hierdurch komplettiert wurde.

Nach diesem Ritt durch viele Jahrzehnte resümierte der Redner Otto Obermaier III: „Jetzt könnte man sagen: ‚Damit war es vorbei, traurige Geschichte.‘ Aber nein! Man muss einfach sehen, wenn man sich löst von den Interessen einzelner Gruppen: Dieses Unternehmen hat über 125 Jahre im Prinzip nicht nur den Gesellschaftern ermöglicht, Vermögen zu erarbeiten, gute Erziehung zu bekommen, die Welt kennenzulernen, sondern auch Hunderten von Mitarbeitern, die loyal ihre Familien ernähren konnten und die vom Unternehmen gelebt haben. Es ist also kein Anlass zu Traurigkeit, denn viele Erfindungen gehen in Menschheitswissen über. Das Unternehmen ist zwar untergegangen, aber die Erfindung aus Lambrecht lebt fort.“ Denn das von Otto J. Obermaier entwickelte Färbeverfahren wird im Grundsatz noch heute weltweit angewandt.

Zum Schluss dankte Gastgeber Lars Mattil zwei Enkeln des Referenten für ihr Kommen und gratulierte ihnen zum Doppelrekord der jüngsten sowie der am weitesten angereisten Zuhörer. Er dankte Dr. Otto Obermaier für seinen spannenden Vortrag, den er als Klassenkamerad seines eigenen Vaters Volker Mattil enttarnte. Während der eine sich vergeblich gegen den Niedergang des Unternehmens Obermaier stemmte, trug der andere bei Jola Spezialschalter zum Wachstum bei. Beide Unternehmen basierten auf einer patentfähigen Innovation. Während die Firma Obermaier große Umsätze erreicht habe, sei es bei Jola mit heute etwa 50 Mitarbeitern bescheidener geblieben, aber es habe gereicht, um weiterzumachen. Heute würde oft suggeriert, dass eine gute Geschäftsstrategie alleine ausreiche, um wirtschaftlichen Erfolg zu haben. Im Vortrag habe man aber eindrucksvoll erfahren können, dass dies nicht so ist. „Es kommen Schicksalsschläge, es läuft mal nach rechts, es läuft mal nach links, das kann man nie wissen. Man selbst als Unternehmer oder Familie kann sich nur bemühen und versuchen, weiterzumachen. Es ist viel Glück bei der Sache, natürlich auch Fleiß, aber andere sind auch fleißig und haben manchmal Pech.“ Hierfür habe der Vortrag reichlich Beispiele und Reflexionseinladungen geboten.

Bereits eine Stunde vor dem Vortrag nutzten etliche Besucher die Möglichkeit, in Ruhe die exklusiv für die Vortragsreihe zusammengestellte Gemäldeausstellung von Marianne Mansmann, Martina Müller und Petra Thullen anzusehen.

Diese kann anlässlich des vorerst letzten Vortrags nochmals am 19. Februar bewundert werden, wenn Dr. Werner Dietrich über Die Anfänge gewerkschaftlicher Organisierung der Textilarbeiter im Lambrechter Tal referieren wird. Mehr Informationen findet man auf Jolas Webseite unter

www.jola-info.de/tuchfabrik-vortraege