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Talpost Lambrecht
Ausgabe 8/2026
Stadt Lambrecht (Pfalz)
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Die Anfänge gewerkschaftlicher Organisierung der Textilarbeiter im Lambrechter Tal

Weberstreik 1921

Dr. Werner Dietrich berichtet über die Anfänge der lokalen Arbeiterbewegung.

Lambrecht. (LM) Am Donnerstag, den 19. Februar 2026 wird um 18 Uhr in den Räumen der Firma Jola Spezialschalter (Klostergartenstraße 11, Lambrecht) der dritte „Tuchfabrik-Vortrag“ stattfinden.

„Weber-Streik 1921“ ist auf dem historischen Foto zu lesen. Bisher ist es das einzige bekannte Bilddokument der frühen Textilarbeiterbewegung im Lambrechter Tal. Deren Anfänge liegen allerdings viel früher, und zwar im Jahr 1859, als erstmals Weber – damals noch illegal – die Arbeit niederlegten und bessere Arbeitsbedingungen forderten.

Der Referent wurde 1954 in Neustadt an der Weinstraße geboren, besuchte die Volksschule in Lambrecht und wechselte dann nach Neustadt ans Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium, an dem er die Mittlere Reife erwarb. Anschließend besuchte er das Friedrich-List-Wirtschaftsgymnasium in Mannheim und schloss seine Schullaufbahn mit dem Abitur ab. 1975 nahm er das Studium der Soziologie, Sozialpsychologie, Politischen Wissenschaften und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim auf, das er 1982 als Diplom-Soziologe mit einer Arbeit zur Wiederentstehung der Gewerkschaften in Mannheim nach 1945 abschloss. Danach arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mannheim. 1989 promovierte er als Dr. phil an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Mannheim in Politischer Wissenschaft und Zeitgeschichte mit der Dissertation „Sozialdemokraten und Kommunisten in den Metallgewerkschaften Nordbadens 1945-1949“. Von 1988 bis 1991 erforschte er die Geschichte der Arbeiterbewegung in der Region Neustadt/Südpfalz für die Verwaltungsstelle Neustadt der IG Metall. 1991 wurde er politischer Sekretär und wissenschaftlicher Mitarbeiter der IG Metall in Neustadt. 1997 wurde er zunächst 2. Bevollmächtigter und danach 1. Bevollmächtigter (Geschäftsführer) der Verwaltungsstelle Neustadt der IG Metall. 2017 trat er verdient in den Ruhestand ein.

Während der Zeit als Beschäftigter der IG Metall in Neustadt war Dr. Werner Dietrich unter anderem als ehrenamtlicher Arbeitsrichter am Arbeitsgericht Ludwigshafen und am Landesarbeitsgericht Mainz aktiv, war alternierender Vorsitzender des Verwaltungsrates der AOK Neustadt und des Verwaltungsrates der Arbeitsagentur Landau sowie stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der SAI Automotive AG und der Faurecia Automotive. 2010 bekam er die Ehrennadel des Landes Rheinland Pfalz für langjährige ehrenamtliche Tätigkeit verliehen.

Sein Vortrag beschäftigt sich mit den Anfängen der Arbeiterbewegung in Lambrecht durch die damaligen Textilarbeiter. Dabei wird auch das soziale und politische Umfeld dieser Zeit betrachtet. Hier spielen die Industrialisierung der Textilindustrie, das Hambacher Fest von 1832, die Revolution von 1849, aber auch die Stellung und Rolle der Kirche bedeutende Rollen. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Betrachtung der verschiedenen Streiks der Textilarbeiter in Lambrecht, in ihren Forderungen, der Durchsetzungsfähigkeit der Textilarbeiter und die Auswirkungen auf die soziale und politische Lage der abhängig Beschäftigten. So ging es bereits damals schon um eine Verkürzung der Arbeitszeit, die sich im Laufe der weiteren Jahrzehnte fortsetzte. Die Geschichte der Textilarbeiter, die auch ein Teil Sozialgeschichte des Lambrechter Tales ist, soll auch Anstoß geben, einmal darüber nachzudenken, unter welchen Bedingungen – ökonomisch und politisch – die Arbeitnehmer in jener Zeit für ihre Forderungen aktiv etwas unternahmen. Wir können aber auch lernen, was diese Menschen damals doch geleistet haben, in einer Vorreiterrolle für diejenigen Errungenschaften, die die Arbeiterbewegung bis in die heutige Zeit erkämpft hat. Hierzu wird den Teilnehmern die Gelegenheit geboten, über Geschichte und Gegenwart zu diskutieren.

Nach dem Vortrag besteht, die Möglichkeit, ein Exemplar des 1991 veröffentlichten Buches „In der Einigkeit liegt die Kraft: Geschichte der Arbeiterbewegung in der Region Neustadt/Südpfalz 1832-1984“ zum Sonderpreis von 20 Euro zu erwerben und vom Autoren signieren zu lassen. Die Erlöse gehen zu Gunsten der Tagesbegegnungsstätte Lichtblick.

Gastgeber Lars Mattil ist der heutige Geschäftsleiter von Jola Spezialschalter, dessen Vorgängerbetrieb – die Tuchfabrik Gebrüder Haas – zuletzt von seinem Großvater Karl Mattil geführt wurde. Für ihn ist es besonders interessant, die Entwicklung der Arbeits- und Lebensbedingungen im selben Ort und im selben Betrieb über anderthalb Jahrhunderte nachvollziehen zu können. In einer spannenden Anekdote von 1906 wird sogar ein Vorfahre vorkommen, der einer der namensgebenden Brüder der Tuchfabrik war.

Im Vorfeld kann schon ab 17 Uhr die begleitende Gemäldeausstellung „Motive aus der Lambrechter Tuchmacherei“ betrachtet werden, bei der die Künstlerinnen Marianne Mansmann, Martina Müller und Petra Thullen Bilder in Aquarell mit und ohne Tusche, Acryl sowie Cyanotypien zeigen. Nach dem Vortrag wird ein Sektempfang noch etwas zum Verweilen und Unterhalten einladen.