Referent Dr. Werner Dietrich
Erneut voller Saal beim vorerst letzten Vortrag der Reihe
Gastgeber Lars Mattil mit dem Referenten
Lambrecht. Auch der 4. Teil der Tuchfabrik-Vortragsreihe am 19. Februar 2026 in den Räumen von Jola Spezialschalter in Lambrecht war erneut ein großer Erfolg. Als Referent stand diesmal der Sozialwissenschaftler Dr. Werner Dietrich am Rednerpult. Sein Vortrag beschäftigte sich mit den Anfängen der Arbeiterbewegung in Lambrecht durch die damaligen Textilarbeiter.
Dietrich hatte 1989 seitens der IG Metall Neustadt den Auftrag erhalten die Geschichte der Verwaltungsstelle zu erforschen und zu dokumentieren. Geplant war die Herausgabe einer Dokumentation zum 100-jährigen Jubiläum der IG Metall im Jahre 1991. Er berichtete über seine intensiven Arbeiten in verschiedenen Archiven, so z.B. das Landesarchiv in Speyer, die Stadtarchive Neustadt und Landau, aber auch die zeitintensive Durchsicht alter Zeitungssammlungen im Archiv in Kaiserslautern. Im Gegensatz zu heute waren die Dokumente nur vor Ort einsehbar, denn deren Digitalisierung fand erst sehr viel später statt.
Relativ bald nach Forschungsbeginn sei er auf Dokumente zu den Textilarbeitern in Lambrecht gestoßen. ";Ich war als gebürtiger Lambrechter ganz stolz darauf, als ich Dokumente fand, die belegten, dass bereits 1859 in Lambrecht der erste Streik der Textilarbeiter stattfand und dies auch noch der erste Streik in der Pfalz überhaupt.“ Dann packte ihn der Eifer noch weiteres Material ausfindig zu machen, was auch im Laufe der nächsten Monate gelang. Das DGB-Ortskartell Lambrecht, dessen Vorsitzender Dietrich war, veranstaltete im Januar 1990 im Gemeinschaftshaus in Lambrecht, zusammen mit dem DGB-Ortskartell Neidenfels, einen Neujahrsempfang. Dort stellte er seine Ergebnisse der Nachforschungen zu den Textilarbeitern erstmals der Öffentlichkeit vor. An diesem Abend entschied dann der 1. Bevollmächtigte der Verwaltungsstelle Neustadt, dass die Forschungsergebnisse in einer Broschüre herausgegeben werden sollen. Die Broschüre mit dem Titel "Anfänge gewerkschaftlicher Organisierung im Lambrechter Tal“ wurde dann in einer Auflage von 1500 Exemplaren gedruckt.
Diese bildete die Grundlage des 4. Tuchmacher-Vortrags am 19. Februar. „Das Lambrechter Tal hat in der Geschichte der Gewerkschaftsbewegung der Pfalz einige bedeutende Kapitel mitgeschrieben“ beschrieb Dietrich zusammenfassend die insgesamt 4 Streiks der Textilarbeiter Lambrechts zwischen 1859 und 1911. Dabei wurde auch das soziale und politische Umfeld dieser Zeit betrachtet. Hier spielten die Industrialisierung der Textilindustrie, das Hambacher Fest von 1832, die Revolution von 1849, aber auch die Stellung und Rolle der Kirche bedeutende Rollen. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Betrachtung der verschiedenen Streiks der Textilarbeiter in Lambrecht, in ihren Forderungen, der Durchsetzungsfähigkeit der Textilarbeiter und die Auswirkungen auf die soziale und politische Lage der abhängig Beschäftigten in Lambrecht. So ging es bereits damals schon um eine Verkürzung der Arbeitszeit, die sich im Laufe der weiteren Jahrzehnte fortsetzte. Das Ziel war letztendlich die maximale tägliche Arbeitszeit auf 10 Stunden zu senken, was nach einem langen Kampf über diesen Zeitraum schließlich erreicht werden konnte. Die Geschichte der Textilarbeiter, die auch ein Teil Sozialgeschichte des Lambrechter Tales ist, sollte seiner Meinung nach auch Anstoß geben, ";einmal darüber nachzudenken, unter welchen Bedingungen „ökonomisch und politisch“ die Arbeitnehmer in jener Zeit für ihre Forderungen aktiv etwas unternahmen und welchen Risiken sie ausgesetzt waren. Wir können aber auch lernen, was diese Menschen damals doch geleistet haben, in einer Vorreiterrolle für diejenigen Errungenschaften, die die Arbeiterbewegung bis in die heutige Zeit erkämpft hat.“
Zum Ende seines Vortrags gab Dietrich noch ein weiteres Ergebnis seiner damaligen Forschung bekannt. „Kurze Zeit nach Entdeckung der Quellen zum ersten Streik der Textilarbeiter Lambrechts im Jahre 1859 habe ich Quellen gefunden, die besagten, dass nicht wie bisher angenommen die Wurzeln der IG Metall in der Verwaltungsstelle Neustadt lagen, sondern ebenfalls in meinem Heimatort Lambrecht. Darüber habe ich mich dann ein zweites Mal sehr gefreut.“ Am 23. März 1891 hatte sich ein „Fachverein der Metallarbeiter aller Branchen für Lambrecht und Umgebung“ gebildet. Dieses Datum war auch der Anlass, dass die IG Metall Verwaltungsstelle Neustadt am 23. März 1991, auf den Tag genau 100 Jahre später, im Gemeinschaftshaus in Lambrecht ihre Vertreterversammlung abhielt. Gast war der damalige Bürgermeister Michael Stöhr (CDU).
Der Vortrag zu den Textilarbeiterstreiks war Teil der Dokumentation zur Geschichte der Verwaltungsstelle Neustadt, welche unter dem Titel „In der Einigkeit liegt die Kraft. Geschichte der Arbeiterbewegung in der Region Neustadt/Südpfalz, 1832 - 1984“ im Jahre 1991 in einer Auflage von 3000 Exemplaren herausgegeben wurde. Bereits zu Beginn der Vortrags kündigte Lars Mattil an, dass das Buch zum Preis von 20.- € käuflich erworben werden könne und der Erlös dieses Abends an die „Tagesbegegnungsstätte Lichtblick“ in Neustadt gespendet werde. Am Ende des Abends kamen 350.- € zusammen, die in Kürze von Dr. Werner Dietrich zusammen mit Lars Mattil an den Lichtblick als Spende übergeben werden.
Gastgeber Lars Mattil freute sich angesichts des zum vierten Mal vollen Saales über die positive Resonanz der neuen Veranstaltungsreihe. Eine Fortsetzung werde für 2027 ins Auge gefasst. Für die zweite Jahreshälfte dieses Jahres stehe aber zunächst eine weitere Premiere an, und zwar am Sonntag, den 13.09.2026 um 10 -16 Uhr ein Tag über die Lambrechter Tuchmacherei in Kooperation mit der protestantischen Kirchengemeinde. Dieser werde den Weg der wallonischen Flüchtlinge, die im 16. Jahrhundert die Wolltuchmacherei nach Lambrecht brachten und die weitere Entwicklung des kleinen Ortes zum bedeutenden Textilindustrie-Standort "von der Kirche zur Fabrik" erlebbar machen und auch Angebote für Kinder und Jugendliche enthalten. Gerald Lehmann vom Weber-Museum Lindenberg wird als weiterer Kooperationspartner dabei sein und einen spannenden Gegenstand aus seinem Museum in der ehemaligen Tuchfabrik Gebrüder Haas (heute Jola Spezialschalter) aufstellen, vorführen und erläutern. Neben Gebrüder Haas werden auch Andenken an die berühmteste Lambrechter Tuch- und Filztuchfabrik J. J. Marx gezeigt werden, deren Aktivitäten am Ort auf eine Familientradition seit 1585 zurückgeführt werden.