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Talpost Lambrecht
Ausgabe 9/2026
Stadt Lambrecht (Pfalz)
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Die Arbeiterbewegung im Lambrechter Tal 1832 - 1911

Die vier Streiks der Textilarbeiter in Lambrecht

Teil 1: Der erste Streik 1859

In der heutigen Ausgabe der Talpost veröffentlichen wir den ersten Teil des Vortrags von Dr. Werner Dietrich zu den Anfängen der Arbeiterbewegung im Lambrechter Tal. Die weiteren Teile des Vortrags werden in den nachfolgenden Ausgaben veröffentlicht werden.

Betrachtet man die Geschichte der Arbeiterbewegung in der Region, so sind deren Anfänge im Lambrechter Tal zu finden. Folgt man der Entwicklung der Lambrechter Textilindustrie und beobachtet die Lage und die schrittweise Emanzipation der dort beschäftigten Arbeiter, so kann man festhalten, dass im Lambrechter Tal die Wurzeln einer Arbeiterbewegung der gesamten Region zu finden sind.Die Darstellung dieses Komplexes wurde bis zum Jahre 1911 verfolgt, d. h. bis zu einem ersten wirklichen Erfolg, den die Arbeiterbewegung dort erringen konnte.

DER EINZUG DER MASCHINEN, DAS HAMBACHER FEST UND DIE REVOLUTION 1849

Das Fehlen von Maschinen, d. h. die ausschließlich auf Handarbeit beruhende Produktionsweise, bewirkte eine enge Bindung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber; Meister und Gesellen lebten in recht patriarchalischen Verhältnissen. Der Siegeszug der Maschine riss somit eine unüberbrückbare Kluft auf. Die kleinen Meister konnten mit der wachsenden Industrialisierung nicht Schritt halten. Die Kosten stiegen, die Preise sanken. Der Siegeszug der Maschine war unaufhaltsam. Zwar allmählich, doch unerbittlich schluckte der gewaltige Strom des,,Vierten Standes" die nicht selbstständigen und gewerbestarken Meister. Die schwelende Unzufriedenheit, der Hass gegen die Maschinen und der fruchtlose Widerstand gegen die neue Zeit entluden sich erstmals im Jahre 1832. Am 20. April 1832 erschien Siebenpfeiffers Aufruf zur Feier des,,Deutschen Mai" - besser bekannt unter dem Begriff des,,Hambacher Festes". Zu den Unterzeichnern dieses Aufrufs gehörten auch vier Lambrechter Bürger, die Brüder Klein. Vor allem die Pfälzer, deren Land 1816 Bayern zugeschlagen worden war, nachdem sie 20 Jahre lang die gesicherten Freiheiten französischer Staatsbürger genossen hatten, waren sich bewusst, dass sie für ihre Interessen selbst einstehen mussten und dass ihnen vom bayerischen König und seiner Regierung nichts geschenkt wird. Im Hambacher Fest kumulierte dann die Bereitschaft, selbst aktiv zu werden. Die einzelnen Forderungen der,,Hambacher" waren zeitbedingt. Es waren die Forderungen des aufstrebenden liberalen Bürgertums und kleinbürgerlicher Demokraten. Da die Industrialisierung noch nicht eingesetzt hatte, konnten Forderungen der Arbeiter somit keine Rolle spielen.

Die Volksversammlung vom 27. Mai 1832 sollte aber nicht leichtfertig als eine Sache von Intellektuellen abgetan werden, obwohl diese die Wortführer waren. Vielmehr war es eine soziale Bewegung, die auf breitester Basis stand. Damit wird auch einsichtig, wieso die bayerische Regierung sich keineswegs damit beruhigen konnte, die Wortführer zu verhaften, abzuurteilen und ins Gefängnis zu werfen oder ins Ausland zu vertreiben. Sie hatte als eigentlichen Feind das Volk erkannt. An ihm vollzog sie ein Jahr später die Rache: Am 27. Mai 1833 terrorisierte ein militärisches Großaufgebot die Neustadter Bürger in wüsten Prügelszenen, bei denen es auch Todesopfer gab.

Alle politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Zeit flossen damals im Problem der Pressefreiheit zusammen. Der Protest gegen die polizeistaatliche Zensur war der konkrete Auslöser für das Hambacher Fest. Die freie Presse war den Regierenden deshalb so gefährlich, weil sie imstande war, den sozialen Unmut der Massen zu artikulieren.

Wilhelm Herzberg schrieb in seiner 1908 erschienenen vorzüglichen Abhandlung über das Hambacher Fest:,,So war das Hambacher Fest, an dem einige Geschichtsforscher, und zwar nicht nur revolutionäre, mit spöttischer Miene und Achselzucken vorübergehen, weil sie sich durch die hohen Deklamationen, in denen einige Redner schwelgten, Irremachen lassen, im Kerne ein bedeutsames politisches Ereignis, das nicht nur die Aufpeitschung,sondern auch die Bindung der revolutionären Kräfte bezweckte und in der Tat in die Wege leitete."

Die Saat des Hambacher Festes ging im Jahre 1849 auf. Wieder waren es Forderungen ideeller Art, die Lambrechter Arbeiter an den Kämpfen in der Pfalz und in Baden teilnehmen ließen. Die provisorische Regierung der Pfalz hatte zur Bildung einer Volkswehr aufgerufen. Von den Webstühlen weg holte sich die Lambrechter Volkswehr die junge, waffenfähige Mannschaft, die sie unter der schwarzrotgoldenen Fahne sammelte. Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurden aber all diejenigen verfolgt und schikaniert, die sich an der zusammengebrochenen badisch-pfälzischen Revolution von 1849 beteiligt hatten. Viele verließen deshalb ihre Heimat und wanderten nach Amerika aus.

DER ERSTE ARBEITSKAMPF DER LAMBRECHTER TUCHWEBER

Es kam die Zeit, in der mit der wachsenden Industrie fremde Arbeiter nach Lambrecht kamen. Sie brachten von draußen neue ldeen mit, die hier auf fruchtbaren Boden fielen und das soziale Klassenbewusstsein weckten und ausbildeten. Unzufriedenheit mit der eigenen Lage beherrschte nun die Beziehungen zu den Fabrikanten. Die politisch gereifte Arbeiterschaft in Lambrecht führte 1859 ihren ersten wirtschaftlichen Kampf. Im Januar 1859 hatten die Tuchweber,,die Arbeit eingestellt, weil die Fabrikanten zumuten, die gewebten Tücher auch aufzuspannen, wodurch ihre Arbeitszeit und ihr Lohn" gekürzt wurde. Da sie im Akkord arbeiteten, war ihnen ein bedeutender Verdienstausfall entstanden. Die anderen Arbeiter mussten notgedrungen gleichfalls feiern. Dieser Streik war der erste in der Pfalz überhaupt. Die Streikführer wurden angezeigt und nach dem damals gültigen französischen Recht wegen verbotener Koalition verurteilt. Einige erhielten vom königlichen Bezirksgericht in Frankenthal Gefängnisstrafen,,,obgleich der strafende Richter zugeben musste, dass die Forderungen der Weber wohl berechtigt waren, der zur Abhilfe eingeschlagene Weg aber ein ungesetzlicher war". Die Fabrikanten bezahlten nach diesem Aufstand die bisher unbezahlten Arbeitsleistungen. Insoweit hatte der Streik einen Erfolg gebracht.

DIE STELLUNG DER KIRCHE ZUR LAGE DER ARBEITER

Seit Jahrzehnten waren die Lohnarbeiter verarmt. Bereits im August 1845 hatte der katholische Pfarrer von Lambrecht-Gräfenhausen Valentin Mühlhäuser in einer sechzehn seitigen Denkschrift au£ die sozialen Missstände unter den Lambrechter Webern hingewiesen. Er griff darin namentlich die Sonn- und Feiertags-Arbeit und die maßlose Ausnutzung von Kindern in den Fabriken an, die u. a. wegen der Sonntagsarbeit die Sonntagsschule nicht besuchen konnten, da sie an Sonn- und Feiertagen bis 10 oder gar 12 Uhr mittags zu arbeiten hatten. Kamen sie doch zur Sonntagsschule, seien sie,,körperlich erschöpft, schlaff und abgestumpft". Im Jahre 1843 hatte der Bischof in hiesiger Gemeinde,,das hl. Sakrament der Firmung gespendet". Hierzu musste sich der Pfarrer mit den Fabrikanten in Verbindung setzen,,,um für die Fabrikarbeiter der,Alten Fabrik', die das hl. Sakrament der Firmung empfangen hatten", zwei Stunden freie Zeit zu erhalten. Diese Arbeiter mussten dafür aber,,die Nacht hindurch bis morgens um 4 Uhr arbeiten und durften dann erst nach Hause, um das hl. Abendmahl und darauf die Firmung zu empfangen".

,,Nachmittags um 12 Uhr nach der Firmung mussten die Gefirmten wieder an Ort und Stelle sein", und der beaufsichtigende Werkmeister bemerkte:,,Man hätte ja einen Kessel mit Öl anfüllen, und den Bischof in die Fabriken kommen lassen und denselben auch mit diesem Öl auf einmal salben können, dann hättet ihr nicht so viel Zeit gebraucht."

Pfarrer Mühlhäuser sagte in seiner Denkschrift:,,In diesem Thale ist also die ärmere Klasse von der reicheren - es gibt hier keinen Mittelstand - die armen Katholiken von den reichen protestantischen Fabrikanten durchaus abhängig."