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Stadt- und Land-Kurier
Ausgabe 46/2020
Aus den Gemeinden
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Gedanken zum Volkstrauertag

In dieser besonderen Zeit, in der keine Veranstaltungen stattfinden, kann auch der Volkstrauertag nicht in der gewohnten Weisen begangen werden. Dennoch gedenken wir auch in diesem Jahr der Opfer von Krieg, Terror und Gewalt.

70 Millionen Menschen ließen im Ersten und Zweiten Weltkrieg ihr Leben: Soldaten, die an der Front starben, Männer, Frauen und Kinder, die im Bombenhagel umkamen, und Menschen, die vom unmenschlichen Naziregime systematisch verfolgt und ermordet wurden. Zurück blieben Kinder ohne Väter, Frauen ohne Männer, zerrissene Familien. Viele Menschen wurden vertrieben und mussten sich eine neue Heimat suchen in einem Deutschland, das sie nicht überall willkommen hieß. Auch heute ist dieses Szenario für Millionen von Menschen auf der Erde schreckliche Realität.

In Deutschland haben wir das Privileg, seit 75 Jahren im Frieden leben zu dürfen. Für die meisten von uns ist er selbstverständlich. Auf Mitmenschen, die den Krieg miterlebt haben, treffen wir immer seltener, denn die Jahre vergehen und Zeitzeugen werden rar. Bei denen, die den Zweiten Weltkrieg ertragen mussten, sitzt die Erinnerung tief und wird immer wieder in Erzählungen lebendig. Der Tag wird kommen, an dem es keine Zeitzeugen mehr gibt und die unmittelbare Überlieferung nicht mehr möglich sein wird. Dann bleiben nur noch die Medien, um das Vergangene lebendig werden zu lassen, um das Gedenken mit Bildern zu unterfüttern, damit wir nie vergessen, welches Leid Menschen anderen Menschen antun können.

Betrachten wir diese Bilder und dieses Erinnern nicht als Last, sondern als Motivation, uns für den Frieden einzusetzen, sei es in unserem Land, sei es in den vielen Ländern auf der Erde, in den heute Krieg herrscht. Das Streiten für den Frieden kann dabei im ganz Kleinen beginnen: im freundlichen Gespräch mit dem Nachbarn, in der sachlichen Auseinandersetzung mit politisch Andersdenkenden, in der Hilfe für Bedürftige, der Unterstützung von Kranken oder Flüchtlingen. Auch das Aushalten von Meinungen, die der eigenen Ansicht widersprechen, gehört dazu. Begegnen wir Menschen, die eine andere Auffassung haben, mit Respekt und hören wir ihnen zu. Treten wir ihnen aber entschieden entgegen, wenn sie unsere offene Gesellschaft attackieren und sie zu Hass, Intoleranz und Gewalt aufrufen. Seien wir wachsam gegenüber jenen, die unsere Demokratie in Frage stellen, die von einem „Reich“ träumen mit Gesetzen, die die Freiheit des Einzelnen und die Meinungsvielfalt untergraben.

Dies sind wir den Gefallenen und den Opfern der beiden Weltkriege schuldig. Dies sind wir auch denjenigen schuldig, die sich heute - sei es als Angehörige der Bundeswehr, der Polizei oder als freiwillige Helfer - in unserem Land und in anderen Ländern für den Frieden einsetzen.

Ehren wir die Toten, damit wir diese Erkenntnis immer in unseren Herzen tragen.

Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker. Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshand­lungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren. Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten. Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren. Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind. Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

Martina Stein, Stadtbürgermeisterin